Gleichgeschlechtliche Partnerschaft Eine Familie, zwei MütterSeite 3/3

Im Kindergarten sind Ben und Annie von insgesamt 200 Kindern die einzigen, die zwei Mütter haben. Bislang sind sie deswegen noch nicht gehänselt worden – aber es ist nur eine Frage der Zeit, bis Mitschüler gehässig mit dem Wort »schwul« provozieren werden, denn »schwul« ist auf deutschen Schulhöfen ein beliebtes Schimpfwort. Yvi und Catrin haben bislang noch keine Geschichten von Diskriminierung zu erzählen, aber sie spüren Skepsis. Wenn die beiden mit dem Kinderwagen in der Stadt unterwegs sind, registrieren sie schon mal »komische Blicke«.

Kritiker erkennen im Kinderwunsch homosexueller Paare rein egoistische Motive – vergleichbar etwa mit der Anschaffung eines Haustiers. Kirchenfunktionäre und konservative Politiker argumentieren, dass Kinder ein in der Verfassung verankertes Recht auf Vater und Mutter hätten – und dass die »natürliche« Familie nach wie vor der beste Ort sei, um Kinder großzuziehen. Für die Identitätsbildung eines Kindes sei die Identifikation mit beiden Elternteilen wichtig – also mit dem gleichgeschlechtlichen Elternteil genauso wie mit dem gegengeschlechtlichen. Auch die Ärztin Sybille Gypkens betont die Notwendigkeit einer kontinuierlichen männlichen Bezugsperson für Kinder aus lesbischen Beziehungen. Allerdings müssen ihrer Ansicht nach nicht beide Geschlechter zwingend unter einem Dach leben. Sie sagt: »Es ist wichtig, dass zwei Menschen zu Hause sind, die sich gegenseitig abwechseln können. Aber es ist unwichtig, ob dies Mann und Frau sind oder eben zwei Frauen.« Die Schmitts haben für ihre Kinder männliche Vorbilder in der Umgebung gesucht, so pflegt etwa Catrins Zwillingsbruder ein inniges Verhältnis zu Ben.

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Ben und Annie sind noch zu klein, um zu formulieren, wie sie sich fühlen. Wie alle Kinder akzeptieren sie grundsätzlich die Gegebenheiten, in die sie hineingeboren wurden. Hört man sich in ihrem Umfeld um, erfährt man über ihre Entwicklung viel Ermutigendes: Bens Großmutter, die Omi Babsi aus Mainz, sagt, ihr Enkel sei in seiner Entwicklung viel weiter, als es ihre eigenen Kinder im vergleichbaren Alter waren: »Der hört unheimlich gut zu, drückt sich sehr genau aus und entwickelt viele eigene Ideen.« Barbara Heil, die Hebamme der Schmittschen Kinder, hat bereits dem Nachwuchs eines guten Dutzends lesbischer Beziehungen auf die Welt geholfen. Sie findet: »Das läuft sehr rund. Die Mütter haben hart darum gekämpft, ihre Kinder auf die Welt bringen zu dürfen. Diese Kinder sind wahnsinnig erwünscht und werden sehr liebevoll betreut.«

Auch die Wissenschaft bescheinigt Ben und Annie beste Voraussetzungen für ein glückliches Leben. So kommt eine Untersuchung des Instituts für Familienforschung an der Universität Bamberg zu dem Schluss, dass Regenbogenkinder selbstbewusster, autonomer, toleranter und offener und besser in der Schule sind. Auch die Ergebnisse amerikanischer Studien sind so euphorisch, dass sie beinahe unglaubwürdig wirken – als wolle man Schwierigkeiten lieber verschweigen, um den Pionieren den Mut nicht zu nehmen.

Wenn man Yvi und Catrin eine Weile begleitet, erkennt man Konflikte, die auch das Zusammenleben heterosexueller Paare prägen. Zum Beispiel die Rollenverteilung. Die Schmitts hatten sich vorgenommen, auch nach der Geburt alles gleichberechtigt zu teilen. Jede sollte beim Kochen und Putzen, Kindergroßziehen und Geldverdienen möglichst den gleichen Beitrag leisten. Dass auch Lesben innerhalb ihrer Beziehung in die klassische Rollenfalle tappen könnten, hielten sie für ein Klischee. »Eine gibt den Mann, die andere die Frau – so ein Schwachsinn«, glaubte Catrin, bevor sie Mutter wurde. Dass sich dann nach der Geburt der Kinder genau dieses Muster herauskristallisiert hat, hat sie verblüfft. Yvi ist die Ernährerin, Catrin die Glucke. Yvi unterschreibt auf Formularen dort, wo »Vater« steht. Catrin spricht von »Mutterstolz«, wenn sie den Kinderwagen durchs Viertel schiebt.

Yvi arbeitet heute weiterhin fünf Tage die Woche zehn Stunden lang im eigenen Friseursalon und sichert das Einkommen der Familie. Catrin kümmert sich um Haushalt und Kinder – und arbeitet, seit Annie im Kindergarten ist, so gut es geht, freiberuflich. Das Geld hat die Rollenverteilung definiert. Der Rest ergab sich aus der Tatsache, dass Catrin die Kinder ausgetragen und gestillt hat. Und wie in vielen Familien gibt es auch bei den Schmitts manchmal Unmut über diese Aufteilung. Yvi sagt, sie würde gern mal Rollen tauschen und die Kinder eine Zeit lang ganz für sich haben. Catrin sagt, Yvi könne sich gar nicht vorstellen, was in ihrer Abwesenheit tagsüber zu Hause los sei.

Als nicht leibliche Mutter hat Yvi den schwierigeren Part. Sie sagt, sie habe Catrin die körperliche Nähe zu den Kindern in Schwangerschaft und Stillzeit nie geneidet. »Ohne mich würde es die Kinder nicht geben«, sagt sie, immerhin habe sie das Thema auf den Tisch gebracht. Und doch räumt sie ein, dass es Momente gibt, in denen sie sich ausgeschlossen fühlt. Etwa dann, wenn Ben und Annie sich sträuben, von ihr ins Bett gebracht zu werden. Oder wenn sie mit den Kindern allein ist und Ben tränenreich nach Catrin verlangt. In solchen Momenten tröstet Yvi der Gedanke, dass es Vätern genauso geht. »Kinder wissen genau, aus wem sie rausgeschlüpft sind. Da kann man ihnen nichts vormachen«, sagt sie. Wie es später mal sein wird, wenn die Kinder in der Pubertät sind – dieser Gedanke löst bei Yvi gelegentlich Panik aus. Dann geistern Sätze wie »Du hast mir nichts zu sagen, du bist nicht meine Mutter« in ihrem Kopf herum. Dann kommt die Angst, man werde sich eines Tages so nah oder fremd sein wie die Mitglieder einer Wohngemeinschaft und die schöne Idee von Familie offenbare sich als Illusion. Wenn diese Gedanken kommen, ziehe sie innerlich ein Gitter hoch, sagt Yvi. »Alles hängt davon ab, wie sich die Kinder als Persönlichkeiten entwickeln und wie glaubwürdig meine Mutterrolle ist.« Ob die Kinder eines Tages einen guten Kontakt zu ihr haben werden, wird vielleicht mehr als bei biologischen Eltern davon abhängen, wie gut sie ihre Sache macht.

Manchmal, in schlechten Momenten, fühle sie sich als Einzelkämpferin und nicht als Team, sagt Yvi. Erst wenn Catrin ihr versichert, dass sie hinter ihr steht, ist sie beruhigt. Dann glaubt sie an das Happy End einer Liebesgeschichte, in der eine Ostdeutsche ein Mädchen aus Mainz eroberte und mit ihr eine Familie gründete. In der Geschichte sitzen die beiden Frauen irgendwann in einem verwilderten Garten und schauen ihren Enkeln beim Spielen zu. So wie auf der Ansichtskarte von einem Landhaus, die bei den Schmitts in der Küche hängt.

 
Leser-Kommentare
  1. Muss man das hier öffentlich machen?

    Bitte äußern Sie artikelbezogene Kritik anhand sachlicher Argumente. Danke. Die Redaktion/wg

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    Entfernt. Bitte diskutieren Sie das Thema des Artikels. Danke. Die Redaktion/wg

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  2. differenzierter Artikel.

    Besonders der Abschnitt zur Arbeitsteilung zeigt geradezu exemplarisch den herausragenden Einfluss leiblichmütterlicher mithin biologischer Faktoren. Insofern ist es Augenwischerei von zwei Müttern zu sprechen. Yvi hat in jedem Fall das Nachsehen. Und dass erst bei Lesbenpaare über väterliche Isolation und Instrumentalisierung nachgedacht wird, ist schon wieder sympthomatisch.

    12 Leser-Empfehlungen
  3. Wenn es ihnen nicht passt, brauchen Sie es ja nicht zu lesen.

    Das Thema ist wichtig, gerade, weil immer noch die Mär herumgeistert, daß Kinder zum gesunden Heranwachsen den Vater bräuchten. Was Mumpitz ist, wie Ihnen viele Scheidungskinder bestätigen können. Männliche Vorbilder können auch die Onkels oder Opas sein.

    Es ist auch kein naturgesetzlicher Zwang, daß jedes Adoptivkind in der Pubertät anfängt, nach den biologischen Eltern zu suchen. Mich haben die nie interessiert. Ich will auch nicht wissen, warum ich zur Adoption freigegeben wurde. Ich HABE Eltern. Die besten der Welt. Was will ich da noch mit mir völlig fremden Menschen?!

    23 Leser-Empfehlungen
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    Nur weil Sie es schreiben und so sehen?!?

    gleichgeschlechtlich erzogen haben ;-))

    Bitte bleiben Sie sachlich. Danke. Die Redaktion/wg

    "Das Thema ist wichtig, gerade, weil immer noch die Mär herumgeistert, daß Kinder zum gesunden Heranwachsen den Vater bräuchten."

    Eine Mutter kann weder dem Sohn, noch der Tochter, den Vater ersetzen. Besonders schlimm ist es für Scheidungskinder, mit fehlendem Bezug zu väterlichen Elternteil. Bei Kindern, die es nie anders kennengelernt haben, mag der Verlust nicht so spürbar sein.

    Was bleibt ist eine Lücke. Wer dies leugnet, an dem ist dieser Kelch vorbei gegangen, oder er/sie hat den Inhalt genossen, sich aber nicht mit der Wirkung auseinander gesetzt.

    Was in unserer Gesellschaft noch gesund ist, mag relativ sein. Aber dummdreiste Behauptungen aufzustellen, ist weder sachlich, noch dient dies den Kindern, denn diese können sich erst artikulieren, wenn sie erwachsen sind/werden.

    Nur weil Sie es schreiben und so sehen?!?

    gleichgeschlechtlich erzogen haben ;-))

    Bitte bleiben Sie sachlich. Danke. Die Redaktion/wg

    "Das Thema ist wichtig, gerade, weil immer noch die Mär herumgeistert, daß Kinder zum gesunden Heranwachsen den Vater bräuchten."

    Eine Mutter kann weder dem Sohn, noch der Tochter, den Vater ersetzen. Besonders schlimm ist es für Scheidungskinder, mit fehlendem Bezug zu väterlichen Elternteil. Bei Kindern, die es nie anders kennengelernt haben, mag der Verlust nicht so spürbar sein.

    Was bleibt ist eine Lücke. Wer dies leugnet, an dem ist dieser Kelch vorbei gegangen, oder er/sie hat den Inhalt genossen, sich aber nicht mit der Wirkung auseinander gesetzt.

    Was in unserer Gesellschaft noch gesund ist, mag relativ sein. Aber dummdreiste Behauptungen aufzustellen, ist weder sachlich, noch dient dies den Kindern, denn diese können sich erst artikulieren, wenn sie erwachsen sind/werden.

  4. Sie haben ja vollkommen Recht. Doch es geht gar nicht darum, ob Kinder bei Mutter und Vater aufwachsen oder nicht, es geht darum, dass sie feste familiäre Strukturen erfahren, die von Liebe geprägt sind.

    Doch genau das nimmt aufgrund der systematischen Bekämpfung familiärer Strukturen immer mehr ab. Da gibt es dann auch keine Onkels mehr, oder Tanten, sondern nur noch die atomisierte Kindumgebung.

    Und das ist auch so gewollt, schließlich müssen tausende Akademiker in Jugendämtern, Hilfs- und Versorgungseinrichtungen eine Berechtigung für ihren Job haben, in dem sie gute Gehälter verdienen - man muss Frau Lierhaus ja nicht unbeding als Regel betrachten, aber einen Einblick in die Hilfsindustrie gibt sie schon.

    Bewußt werden Gegensätze geschürt - Einkommen er/sie. Familieneinkommen, das soziale Miteinander, das füreinander einstehen, das ist nicht mehr erwünscht.

    Soziale Hilfe (c) by BRD.

    6 Leser-Empfehlungen
  5. Entfernt. Bitte diskutieren Sie das Thema des Artikels. Danke. Die Redaktion/wg

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    Entfernt. Bitte bleiben Sie sachlich. Danke. Die Redaktion/wg

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  6. Können wir dann davon ausgehen, daß Kinder zum gesunden Heranwachsen die Mutter auch nicht brauchen? Weibliche Vorbilder können auch die Tanten oder Omas sein?
    Oder wollen Sie hier Rollenbilder von anno dunnemals zementieren?

    10 Leser-Empfehlungen
  7. Nur weil Sie es schreiben und so sehen?!?

    5 Leser-Empfehlungen
    Antwort auf "Ja, muss man"
    • Zack34
    • 26.02.2011 um 10:34 Uhr
    2 Leser-Empfehlungen

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