Schwer zu sagen, was genau Karl-Theodor zu Guttenberg dazu gebracht hat, seiner Dissertation Internetfunde, Zeitungsartikel und fremde Gedanken unterzumischen . Sein enormer Ehrgeiz wird ihn getrieben haben, womöglich äußerer Erwartungsdruck oder die verbreitete akademische Titelhuberei. Ein Grund aber könnte auch in der Arbeit selbst liegen, in ihrem konzeptionellen Design, ihrem enormen inhaltlichen Anspruch. Guttenbergs Promotionsschrift ist wie ihr Verfasser: extrem ambitioniert.

Viele juristische Dissertationen sind intellektuell eher schmal geschnitten. Sie widmen sich einem Halbsatz aus der Abgabenordnung oder anderthalb Paragrafen aus dem Handelsgesetzbuch, tragen alle verfügbaren Urteile dazu zusammen und kommen mit hundert, maximal hundertfünfzig Seiten aus. Das ist völlig legitim, mitunter sogar erkenntnisfördernd, und vor allem ist es schnell erledigt. Dann ist der »Dr. jur.« gesichert, die Personalchefs der großen Anwaltskanzleien sind zufrieden, und niemand fragt je wieder nach Geist und Gehalt der Arbeit.

Auch Guttenberg hätte mit solch einem kleinen Wurf zu seinem akademischen Titel kommen können, er hätte sich dafür gewiss nicht sieben Jahre lang quälen müssen – und er hätte die Dissertation wohl kaum je an seine Universität zurückgegeben. Aber Guttenbergs Studie Verfassung und Verfassungsvertrag. Konstitutionelle Entwicklungsstufen in den USA und der EU ist eben völlig anders, schon ihr Titel signalisiert einen gewaltigen Anspruch, politisch wie akademisch. Die Arbeit untersucht, sehr kurz gesagt, wie aus der lockeren Föderation der nordamerikanischen Kolonien innerhalb von gut zweihundert Jahren ein mächtiger Bundesstaat entstanden ist, und sie fragt, ob sich aus dieser Entwicklung etwas für den diffizilen Einigungsprozess Europas lernen lässt.

Das ist ein groß, geradezu aberwitzig groß gewähltes Thema, eigentlich Stoff genug für lebenslange Studien, mindestens für eine Habilitationsschrift – und es ist angesichts dieser Fragestellung kein Wunder, dass die Arbeit 475 Seiten und gut 1200 Fußnoten zählt. Es ist aber auch eine spannende Frage, jedenfalls, wenn man einmal für einen Moment von der elenden Trickserei bei der Verfertigung der Arbeit abzusehen versucht. Und das Thema passt bestens zu den Interessen des jungen Außenpolitikers zu Guttenberg, der sich von Beginn seiner politischen Karriere an selbst als Europäer und Transatlantiker verstand. Welche Kräfte, welche Initiativen, welches kulturelle Umfeld braucht es, um aus lauter Einzelstaaten ein Ganzes zu machen – e pluribus unum, »aus vielem eines,« wie das Motto der Vereinigten Staaten lautet (und die unfreiwillige Selbstentlarvung des Plagiators)?

Guttenberg skizziert die Verfassungsentwicklung auf beiden Seiten des Atlantiks, beschreibt die Rolle, die dabei die obersten Gerichte gespielt haben, der Supreme Court in Washington und der Europäische Gerichtshof in Luxemburg, fragt nach »Grundgedanken und Strukturelementen« des amerikanischen »Verfassungsstaates« und der europäischen »Verfassungsgemeinschaft«, wie er formuliert, und zeichnet schließlich auch noch auf, welche der vielen Verfassungen in Europa und den USA in irgendeiner Form sich auf Gott berufen. Jeder dieser Aspekte allein hätte allemal für eine interessante Dissertation gereicht. Zusammengenommen aber hat die enorme Ambition am Ende womöglich den Autor überwältigt.