Plagiatsaffäre "Ich wollte es nicht glauben"

Ein Gespräch mit dem Juristen Andreas Fischer-Lescano, der zu Guttenberg entlarvte.

DIE ZEIT: Sie haben den Fall zu Guttenberg mit Ihrer Rezension seiner Doktorarbeit ins Rollen gebracht. Wie kam es dazu?

Andreas Fischer-Lescano: Ich habe im Wintersemester 2010* an der Universität Bremen ein Seminar zum Verfassungsrecht angeboten und mir die in den vergangenen Jahren dazu erschienene Literatur angesehen. Dass Herr zu Guttenberg mit einer Arbeit promoviert wurde, die thematisch in meinem Bereich liegt, hat mich natürlich interessiert. Ich wollte die Arbeit eines konservativen Rechtspolitikers als Ausgangspunkt nehmen und eine kritische Gegenposition entwickeln.

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Andreas Fischer-Lescano
Andreas Fischer-Lescano

Der 39-Jährige ist Direktor am Zentrum für Europäische Rechtspolitik in Bremen. An der dortigen Universität lehrt er Öffentliches Recht, Europa- und Völkerrecht

ZEIT: Suchten Sie gezielt nach Plagiaten?

Fischer-Lescano: Nein. Aber mir fiel auf, dass das Niveau dieser Arbeit – sowohl sprachlich als auch argumentativ – sehr uneinheitlich war. Besonders schwach fand ich die Passage, in der es um den fehlenden Gottesbezug in der EU-Verfassung geht. Er sagt da, dieser fehlende Bezug führe zu einem religiösen Vakuum, in das Fundamentalismus eindringen und das Erbe der Aufklärung vernichten könnte. Ich habe diese Passage gegoogelt, weil ich vermutete, dass zu Guttenberg teilweise seine eigenen politischen Reden verwendet haben könnte. Das ist zwar zulässig, aber ich hätte in meiner Rezension kritisiert, dass es sich inhaltlich rächt, wenn man politische Reden als Versatzstücke für eine Patchwork-Dissertation benutzt. Prompt fand ich einen Link...

ZEIT: ...aber zu einem Artikel in der Neuen Zürcher Zeitung!

Fischer-Lescano: Ich wollte das zunächst nicht glauben. Ich habe weiter gesucht – und fand immer mehr Treffer.

ZEIT: Wann haben Sie sich an die Süddeutsche Zeitung gewandt?

Fischer-Lescano: Zunächst war ja eine Rezension für die Zeitschrift Kritische Justiz geplant, und ich habe den Fall mit deren Redaktion besprochen. Uns war schnell klar, wie brisant die Entdeckung ist und dass eine Veröffentlichung allein in der Kritischen Justiz der Bedeutung dieses Vorgangs nicht gerecht würde. Der Plagiatsvorwurf tangiert ja nicht allein die wissenschaftliche Integrität, sondern wirft auch die Frage auf, inwiefern die politische Integrität des Autors betroffen ist. Deshalb habe ich auch am Tag vor der Veröffentlichung per Mail die beiden Gutachter von Guttenbergs Dissertation – Peter Häberle und Rudolf Streinz – in Kenntnis gesetzt. Und die SZ hat Guttenberg Gelegenheit zu einer Stellungnahme gegeben, in der dieser die Vorwürfe als abstrus bezeichnet hat.

ZEIT: Nach der Veröffentlichung Ihrer Vorwürfe waren Sie tagelang für die Medien nicht zu erreichen. Warum?

Fischer-Lescano: Ich wurde mit extrem emotionalen Reaktionen konfrontiert. Manche beschimpften mich als Denunzianten, andere bezeichneten mich als Teil einer kommunistischen Weltverschwörung. Ich wollte, dass dieser Fall unabhängig von meiner Person diskutiert wird, und habe mich darum auf die Diskussion über meine politische Zugehörigkeit nicht einlassen wollen, zumal ich mich zu keinem Zeitpunkt – weder vor noch nach der Veröffentlichung des Plagiatsvorwurfs – mit einer politischen Partei, einer politischen Stiftung oder einem politischen Institut abgestimmt habe.

ZEIT: Nun will Guttenberg auf den Doktortitel verzichten. Geht das überhaupt?

Fischer-Lescano: Diese Ankündigung Guttenbergs ist rechtlich folgenlos. Die Verleihung eines Doktortitels ist ja ein Verwaltungsakt, wie eine Baugenehmigung. Diesen Akt kann nur derjenige zurücknehmen, der ihn initiierte. Dazu muss die Uni Bayreuth den Fall gründlich untersuchen. Sie könnte das Verfahren nur einstellen, wenn Guttenberg zugäbe, bewusst getäuscht zu haben.

*Anm. der Redaktion: In einer vorherigen Version des Interviews stand zu lesen, dass Herr Fischer-Lescano 2009 ein Seminar zum Verfassungsrecht angeboten hatte. Tatsächlich fand das Seminar im vergangenen Wintersemester 2010 statt. Wir bitten den Fehler zu entschuldigen.

 
Leser-Kommentare
  1. "Dazu muss die Uni Bayreuth den Fall gründlich untersuchen. Sie könnte das Verfahren nur einstellen, wenn Guttenberg zugäbe, bewusst getäuscht zu haben."

    Diese Aussage läßt das zügige und einvernehmliche Aberkennungsprozedere durch die Uni Bayreuth fragwürdig erscheinen.

  2. ..., denn Guttenberg hat eben nicht zugegeben, bewusst getäuscht zu haben, er hat selber "nur" von gravierenden Mängeln in seinem Brief an die Uni Bayreuth gesprochen.

    Die Uni Bayreuth will einer Untersuchung bezüglich einer eventuellen bewussten Täuschung von zu Guttenberg nicht nachgehen, angeblich deshalb, weil er ja auf seinen Titel "freiwillig" verzichtet.

    Das allein genügt aber laut Fischer-Lescano nicht, um einen Doktortitel abzuerkennen, die Uni muss sich an ihre eigenen Verfahrensregeln halten. Dass sie das in diesem Fall aber offenbar nicht tut, lässt vielerlei Spekulationen zu (Korruption, Mauschelei etc.).

  3. Rezensenten braucht das Land. Dass Fischer-Lescano politisch eher links steht, tut dabei nicht zur Sache (das Schreiben der Rezension dürfte ihm eben nur mehr Spaß gemacht haben, das sei ihm gegönnt). Die Aberkennung des Doktorgrades durch die Uni Bayreuth war alternativlos. Allerdings bedurfte es dafür keine Feststellung von Vorsatz (der fraglos vorliegen dürfte, wenn G. das Werk selbst zusammenkopiert hat). Letztendlich funktionieren also unser Staat und unsere Universitäten ganz gut. Möchte nicht wissen, was in einem solchen Fall in Italien passieren würde.

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    und ergänze, dass in der Causa Guttenberg nunmehr eine Anzeige wegen möglicher Verstösse gegen das Urheberrecht bei der Staatsanwaltschaft in Hof/Bayern vorliegt (Quelle: BaZ)

    • AMD
    • 25.02.2011 um 9:32 Uhr

    @ Mike M.
    Ihre Bemerkung "Letztendlich funktionieren also unser Staat und unsere Universitäten ganz gut" hat mich fast ein wenig zum schmunzeln gebracht.
    ...aber auch ein wenig traurig.
    Hinterfragen Sie nicht auch, wie es passieren kann, dass eine Dissertation geprüft (und für gut, um nicht zu sagen für 'summa cum laude' befunden) wird, bei der das einmalige, zufälllige googeln einer einzigen Passage einen astreinen Unterschleif zutage fördert?
    Da gibt also ein prominenter Adelsträger nach sieben Jahren einen fünfhundert Seiten schweren Papierstoß in Bayreuth zur Prüfung und obwohl nun lt. Medien 'mehr als 200 nicht gekennzeichnete Zitate' gefunden wurden, haben 2007 weder Erst- noch Zweitkorrektor auch nur Eines davon gefunden?
    Darf ich mir die Prüfung der Promotionsschrift eines im Rampenlicht stehenden Politikers so vorstellen?
    In meinen Augen funktioniert hier gar nichts. Meiner Ansicht nach sollte der Lehrstuhl, resp. die Prüfer von Herrn Guttenbergs Diss. genauso in der Kritik stehen wie er selbst.

    und ergänze, dass in der Causa Guttenberg nunmehr eine Anzeige wegen möglicher Verstösse gegen das Urheberrecht bei der Staatsanwaltschaft in Hof/Bayern vorliegt (Quelle: BaZ)

    • AMD
    • 25.02.2011 um 9:32 Uhr

    @ Mike M.
    Ihre Bemerkung "Letztendlich funktionieren also unser Staat und unsere Universitäten ganz gut" hat mich fast ein wenig zum schmunzeln gebracht.
    ...aber auch ein wenig traurig.
    Hinterfragen Sie nicht auch, wie es passieren kann, dass eine Dissertation geprüft (und für gut, um nicht zu sagen für 'summa cum laude' befunden) wird, bei der das einmalige, zufälllige googeln einer einzigen Passage einen astreinen Unterschleif zutage fördert?
    Da gibt also ein prominenter Adelsträger nach sieben Jahren einen fünfhundert Seiten schweren Papierstoß in Bayreuth zur Prüfung und obwohl nun lt. Medien 'mehr als 200 nicht gekennzeichnete Zitate' gefunden wurden, haben 2007 weder Erst- noch Zweitkorrektor auch nur Eines davon gefunden?
    Darf ich mir die Prüfung der Promotionsschrift eines im Rampenlicht stehenden Politikers so vorstellen?
    In meinen Augen funktioniert hier gar nichts. Meiner Ansicht nach sollte der Lehrstuhl, resp. die Prüfer von Herrn Guttenbergs Diss. genauso in der Kritik stehen wie er selbst.

  4. Ich kann Herrn Fischer-Lescano für seine Enthüllung nur (virtuellen) lautstarken Applaus spenden! Egal, welche feindlichen Kommentare er sich hat anhören müssen: aus wissenschaftlicher und ethischer Sicht war es absolut richtig, diesen Skandal zu enthüllen. Es kann nicht sein, dass Menschen, die der Wissenschaft durch skrupellosen Betrug ins Gesicht spucken, damit nicht nur einen akademischen Grad erreichen, sondern bei Entdeckung auch noch ungestraft bleiben! Wer sich schuldig macht, muss eben auch die Konsequenzen tragen, egal, ob er Hänschen Müller oder Guttenberg heisst.
    DANKE an alle Mutigen dieser Welt, die sich nicht durch Einschüchterungen von der Aufdeckung solcher und anderer Missstände abhalten lassen!

    20 Leser-Empfehlungen
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    um eine solche Rezension über die Doktorarbeit eines Verteidigungsminsters zu schreiben. Das sind die Vorzüge der Demokratie.

    um eine solche Rezension über die Doktorarbeit eines Verteidigungsminsters zu schreiben. Das sind die Vorzüge der Demokratie.

  5. und ergänze, dass in der Causa Guttenberg nunmehr eine Anzeige wegen möglicher Verstösse gegen das Urheberrecht bei der Staatsanwaltschaft in Hof/Bayern vorliegt (Quelle: BaZ)

  6. dass wenigstens ein in die Affäre involvierter Akademiker, wie es aussieht, das korrekte Procedere eingehalten hat.
    Und was die gesamten Guttengroupies übersehen: selbst _wenn_ die Veröffentlichung der Plagiate ein politischer Akt wäre, ändert es nichts an deren Existenz, und daran trägt einzig Herr Guttenberg die Schuld.

    Was mir in der Berichterstattung über die akademische Seite bisher etwas zu kurz kommt, sind zwei Dinge:

    1) Der Verzicht der Uni Bayreuth bezüglich einer Untersuchung auf Vorsatz (bei dieser Menge von Plagiaten)

    2) Stellungnahmen - bzw. deren Nichterfolgen - der Prüfer.

    Prof. Häberle weilt ja derzeit offenbar im Ausland. Aber auch der Zeitprüfer ist interessant: Rudolf Streinz. Lange an der Uni Bayreuth tätig, früherer CSU-Stadtrat in Landshut, Vertrauensdozent der CSU-"nahen" Hanns-Seidel-Stiftung und kürzlich durch Guttenbergs Bezirk mit einem Gutachten beauftragt. Zufälle gibt's....

    http://www.welt.de/print/...

  7. Es steht zu befürchten, dass die Universität Bayreuth jetzt die weitere Untersuchung unter den Tisch kehrt.

    Wer ebenfalls seiner Meinung Ausdruck verleihen möchte, dass ein Plagiat als Dissertation keine Bagatelle ist und dass insbesondere der Täuschungsvorwurf untersucht werden muss, kann das hier tun:

    http://www.facebook.com/pages/Für-Ehrlichkeit-in-Politik-und-Wissenschaft/148828008511026

  8. hat mir gestern erzählt, dass beim Studium der ABC(*) in XYZ(**) bei einer Abschlußklausur das Thema vorher schon bekannt gewesen wäre und viele die Klausur zu Hause schon vorgeschrieben haben. Sie hätten dann während der Klausur nur so tun müssen, als ob sie schreiben und dann beide gegeneinander austauschen müssen. Das hätten ungefähr 2/3 der Studenten so gemacht, und es wäre nicht aufgefallen. Das 1/3, welches ehrlich geschrieben hat, hat im Durchschnitt aber wesentlich schlechtere Noten bekommen...

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