DIE ZEIT : Sie haben den Fall zu Guttenberg mit Ihrer Rezension seiner Doktorarbeit ins Rollen gebracht. Wie kam es dazu?

Andreas Fischer-Lescano: Ich habe im Wintersemester 2010* an der Universität Bremen ein Seminar zum Verfassungsrecht angeboten und mir die in den vergangenen Jahren dazu erschienene Literatur angesehen. Dass Herr zu Guttenberg mit einer Arbeit promoviert wurde, die thematisch in meinem Bereich liegt, hat mich natürlich interessiert. Ich wollte die Arbeit eines konservativen Rechtspolitikers als Ausgangspunkt nehmen und eine kritische Gegenposition entwickeln.

ZEIT: Suchten Sie gezielt nach Plagiaten?

Fischer-Lescano : Nein. Aber mir fiel auf, dass das Niveau dieser Arbeit – sowohl sprachlich als auch argumentativ – sehr uneinheitlich war. Besonders schwach fand ich die Passage, in der es um den fehlenden Gottesbezug in der EU-Verfassung geht. Er sagt da, dieser fehlende Bezug führe zu einem religiösen Vakuum, in das Fundamentalismus eindringen und das Erbe der Aufklärung vernichten könnte. Ich habe diese Passage gegoogelt, weil ich vermutete, dass zu Guttenberg teilweise seine eigenen politischen Reden verwendet haben könnte. Das ist zwar zulässig, aber ich hätte in meiner Rezension kritisiert, dass es sich inhaltlich rächt, wenn man politische Reden als Versatzstücke für eine Patchwork-Dissertation benutzt. Prompt fand ich einen Link...

ZEIT : ...aber zu einem Artikel in der Neuen Zürcher Zeitung !

Fischer-Lescano : Ich wollte das zunächst nicht glauben. Ich habe weiter gesucht – und fand immer mehr Treffer.

ZEIT : Wann haben Sie sich an die Süddeutsche Zeitung gewandt?

Fischer-Lescano : Zunächst war ja eine Rezension für die Zeitschrift Kritische Justiz geplant, und ich habe den Fall mit deren Redaktion besprochen. Uns war schnell klar, wie brisant die Entdeckung ist und dass eine Veröffentlichung allein in der Kritischen Justiz der Bedeutung dieses Vorgangs nicht gerecht würde. Der Plagiatsvorwurf tangiert ja nicht allein die wissenschaftliche Integrität, sondern wirft auch die Frage auf, inwiefern die politische Integrität des Autors betroffen ist. Deshalb habe ich auch am Tag vor der Veröffentlichung per Mail die beiden Gutachter von Guttenbergs Dissertation – Peter Häberle und Rudolf Streinz – in Kenntnis gesetzt. Und die SZ hat Guttenberg Gelegenheit zu einer Stellungnahme gegeben, in der dieser die Vorwürfe als abstrus bezeichnet hat.

ZEIT : Nach der Veröffentlichung Ihrer Vorwürfe waren Sie tagelang für die Medien nicht zu erreichen. Warum?

Fischer-Lescano: Ich wurde mit extrem emotionalen Reaktionen konfrontiert. Manche beschimpften mich als Denunzianten, andere bezeichneten mich als Teil einer kommunistischen Weltverschwörung. Ich wollte, dass dieser Fall unabhängig von meiner Person diskutiert wird, und habe mich darum auf die Diskussion über meine politische Zugehörigkeit nicht einlassen wollen, zumal ich mich zu keinem Zeitpunkt – weder vor noch nach der Veröffentlichung des Plagiatsvorwurfs – mit einer politischen Partei, einer politischen Stiftung oder einem politischen Institut abgestimmt habe.

ZEIT : Nun will Guttenberg auf den Doktortitel verzichten. Geht das überhaupt?

Fischer-Lescano : Diese Ankündigung Guttenbergs ist rechtlich folgenlos. Die Verleihung eines Doktortitels ist ja ein Verwaltungsakt, wie eine Baugenehmigung. Diesen Akt kann nur derjenige zurücknehmen, der ihn initiierte. Dazu muss die Uni Bayreuth den Fall gründlich untersuchen. Sie könnte das Verfahren nur einstellen, wenn Guttenberg zugäbe, bewusst getäuscht zu haben.

*Anm. der Redaktion: In einer vorherigen Version des Interviews stand zu lesen, dass Herr Fischer-Lescano 2009 ein Seminar zum Verfassungsrecht angeboten hatte. Tatsächlich fand das Seminar im vergangenen Wintersemester 2010 statt. Wir bitten den Fehler zu entschuldigen.