Eines von Tausenden: Schloss Linderhof bei Oberammergau war ursprünglich ein Försterhaus © Johannes Simon/Getty Images

DIE ZEIT: Herr von Habsburg-Lothringen, in Ihrem Buch Wo Grafen schlafen erklären Sie den Lesern alles über Schlösser. Besitzen Sie denn auch selbst eines?

Eduard von Habsburg-Lothringen: Nein, aber das schadet nicht. Im Gegenteil. Ich finde, man braucht den Blick von außen, um so ein Buch schreiben zu können. Außerdem habe ich als Kind viel Zeit in den Schlössern von Verwandten zugebracht. Mein Großvater zum Beispiel, Karl Fürst zu Löwenstein-Wertheim-Rosenberg, wohnte in Schloss Bronnbach im Taubertal, einem ehemaligen Zisterzienserkloster. Dorthin lud er seine 25 Enkel immer in den Ferien ein.

ZEIT: Und? Wie war das für Sie?

von Habsburg-Lothringen: Großartig! Wie Urlaub in einer anderen Welt. Schon die Gerüche waren fremd, in der Küche zum Beispiel, die man über einen uralten Klostergang erreichte – ein Zufluchtsort mit Holzofen und geheimen Fruchtjoghurtreserven. In einem Schloss fühlt man sich wie aus der Zeit gefallen. Es hat etwas sehr Beschützendes an sich.

ZEIT: Bedauern Sie, nicht selber Schlossherr zu sein?

von Habsburg-Lothringen: Zum Teil. Aber ich bin auch froh darüber, mit meinen sechs Kindern in der bürgerlichen Welt ein normales Leben zu führen. Ich bin Drehbuchautor, das macht mir sehr viel Spaß. Den Beruf hätte ich aber kaum ergreifen können, wenn mir ein Schloss gehörte. Dann müsste ich meinen Besitz verwalten und meinen Forst in Schuss halten.

ZEIT: Viele Menschen denken beim idealen Schloss an Prachtbauten wie Neuschwanstein – Märchenschlösser, die Touristen aus der ganzen Welt anziehen. Das prototypische Schloss, über das sie in Ihrem Buch schreiben, hat damit allerdings wenig gemein. 

von Habsburg-Lothringen: Das stimmt. Es ist auch gar nicht so leicht, den Begriff Schloss zu definieren. Eine Burg steht auf einem Hügel, sie hat Zinnen und wurde von Rittern bewohnt – das weiß jedes Kind. Aber ein Schloss kann die Ausmaße eines besseren Hauses oder einer ganzen Kleinstadt haben. Es kann viereckig, rund oder sechseckig sein. Manche Schlösser haben prachtvolle Gärten, andere sind von einem Wassergraben umgeben. Manche Schlösser sind bewohnt, andere dienen als Schule, sie beherbergen Restaurants, Museen oder Tagungszentren. Trotzdem gibt es typische Merkmale.

ZEIT: Welche sind das?

von Habsburg-Lothringen: In Adelskreisen existiert eine recht einfache Definition: Ein Schloss ist ein Schloss, wenn es mehr als ein Treppenhaus hat. Die meisten Schlösser haben zudem eine Beletage mit Salons, eine Bibliothek und eine Kapelle. Oft wird ein ganz eigener Humor gepflegt: Im Haus Heusch in Aachen etwa gibt es das älteste hölzerne Wasserklo Deutschlands. Unmittelbar dahinter ist eine fiktive Bibliothek mit Öl auf Leinwand und Glas gemalt. Die Bücher tragen Titel wie Buch zum Notieren des merkwürdigen Stuhlgangs. 

ZEIT: Haben Menschen, die keinen Adelstitel tragen, oft falsche Vorstellungen von Schlössern?

von Habsburg-Lothringen: Allerdings. Viele denken dabei an fein gedeckte Tafeln, an viel Geld und an Diener.

ZEIT: Und was ist falsch daran?

von Habsburg-Lothringen: Abgesehen von ganz wenigen Ausnahmen ist der Besitz eines Schlosses eine echte Belastung. Man lebt in so einem Gebäude eher spartanisch und führt einen harten wirtschaftlichen Überlebenskampf. Das möchte ich mit meinem Buch zeigen.