DIE ZEIT : Frau Turkle, in Ihrem Buch erzählen Sie von einer Studentin, die ohne weiteres ihren Freund gegen einen Roboter als Liebhaber eintauschen würde. Was haben Sie gedacht, als Sie das gehört haben?

Sherry Turkle : Ich fand das frappierend. Sie war ja nicht an einem Problem der künstlichen Intelligenz interessiert. Sie wollte wirklich »einen Gefährten haben, der sie weniger einsam macht und eine angenehme Atmosphäre schafft«. Einerseits hat es mich traurig gemacht, aber andererseits wollte ich verstehen: Wie ist sie dahin gekommen? Warum sind wir so von uns selbst enttäuscht? Es geht hier ja nicht darum, dass Forscher Roboter entwi- ckelt hätten, die wirklich menschliche Gefährten ersetzen könnten. Wir haben Roboter entwickelt, die wir als Gefährten zu akzeptieren gewillt sind. Roboter, die unsere Darwinschen Knöpfe drücken. Wir haben das Vertrauen in die Menschen verloren.

ZEIT : Sie suchte wahrscheinlich nur eine pflegeleichte Partnerschaft, ohne Schmerzen und Enttäuschung – was ist daran falsch?

Turkle : Für mich gehört es zum Kern des Menschseins, dass wir uns auf das komplexe Geflecht menschlicher Beziehungen einlassen. Filmemacher haben schon bemerkt, dass da etwas nicht stimmt: Es gibt Filme wie Wall-E, in denen uns die Roboter daran erinnern, uns wieder auf diese Komplexität des menschlichen Lebens einzulassen.

ZEIT : Auch wenn das bedeutet, dass man betrogen, verlassen und verletzt wird?

Turkle : Ja. Das gehört zum Leben dazu, dass wir uns so etwas antun. Wir können immer versuchen, uns zu bessern, aber die Alternative einer Welt, die nicht versteht, was wir sind, was für Höhen und Tiefen wir haben? Nein! Wir befinden uns in einem Moment der Versuchung, uns davon zu verabschieden.

ZEIT : Das andere Thema ihres Buchs sind Onlinebeziehungen. Wir kommunizieren immer mehr über Onlinemedien mit anderen Menschen, und Sie sagen: Diese Beziehungen sind oberflächlicher.

Turkle : Sie können oberflächlich sein! Oft glauben die Leute, online Intimität zu erfahren, tatsächlich aber verstecken sie sich auch hier vor der Komplexität menschlicher Beziehungen. Ein Facebook-Freund ist kein Freund – es sei denn, er war es vorher schon offline. Ich erkenne an, dass wir unsere Freundschaften per Facebook auf interessante Weise erweitern können. Aber wenn kurze Statusnachrichten und kleine Informationshappen der Ersatz dafür sind, Menschen persönlich in unterschiedlichen Situationen kennenzulernen, dann verzichten wir auf eine Menge.

ZEIT : Es gab eine Zeit, da hat man die Onlinekommunikation als eine Befreiung angesehen, weil Dinge wie Geschlecht, Rasse und äußerliche Attraktivität unwichtig wurden. Man konnte sich online neu erfinden. Sie haben das Buch Leben im Netz darüber geschrieben . Nun stehen Sie diesem parallelen Leben, das die Menschen im Internet führen, erheblich skeptischer gegenüber. Was hat zu diesem Meinungsumschwung geführt?

Turkle : Vor 15 Jahren war ich begeistert davon, welche Möglichkeit das Netz zum Erforschen und Experimentieren eröffnet. Aber ich habe damals nicht daran gedacht, dass die Menschen das eines Tages immer dabeihaben würden und in jeder Situation und jederzeit die Möglichkeit haben würden, der Realität zu entkommen. Jetzt gibt es diese Eltern, die beim Autofahren simsen, während ihre Kinder auf dem Rücksitz sitzen. Wir simsen sogar beim Abendessen mit unserer Familie, entfremden uns von uns selbst und von den Menschen um uns herum.

ZEIT : Online sind Menschen aber manchmal auch sehr direkt und reden über intime Dinge – auch wenn sie den anderen weder sehen noch riechen können. Gibt es nicht auch da sehr tief gehende Beziehungen?

Turkle : Man kann online andere Beziehungen haben. In einer gewissen Weise enthüllen die Menschen mehr von sich selbst. Aber sie enthüllen das, was sie enthüllen wollen, nicht unbedingt das, was der andere wissen will! In einer Freundschaft von Angesicht zu Angesicht findet eher ein echter Austausch statt. Ich untersuche solche Chats seit den frühen neunziger Jahren, und wissen Sie was: Wenn es ungemütlich wird, dann kneifen die Leute. Es gibt viel weniger Verbindlichkeit in den Beziehungen.