Kommunikation"Macht mal Pause!"

Die Soziologin Sherry Turkle über Kommunikation per SMS und Facebook, Entfremdung und Verbindlichkeit in Beziehungen von 

Ein Nutzer ruft die Facebook-Website auf

Ein Nutzer ruft die Facebook-Website auf  |  © Dan Kitwood/Getty Images

DIE ZEIT : Frau Turkle, in Ihrem Buch erzählen Sie von einer Studentin, die ohne weiteres ihren Freund gegen einen Roboter als Liebhaber eintauschen würde. Was haben Sie gedacht, als Sie das gehört haben?

Sherry Turkle : Ich fand das frappierend. Sie war ja nicht an einem Problem der künstlichen Intelligenz interessiert. Sie wollte wirklich »einen Gefährten haben, der sie weniger einsam macht und eine angenehme Atmosphäre schafft«. Einerseits hat es mich traurig gemacht, aber andererseits wollte ich verstehen: Wie ist sie dahin gekommen? Warum sind wir so von uns selbst enttäuscht? Es geht hier ja nicht darum, dass Forscher Roboter entwi- ckelt hätten, die wirklich menschliche Gefährten ersetzen könnten. Wir haben Roboter entwickelt, die wir als Gefährten zu akzeptieren gewillt sind. Roboter, die unsere Darwinschen Knöpfe drücken. Wir haben das Vertrauen in die Menschen verloren.

Sherry Turkle
Sherry Turkle

ist Psychoanalytikerin und Soziologin. Sie erforscht am Massachusetts Institute of Technology (MIT), wie neue Techniken unser Leben verändern. Nachdem die 62-Jährige in früheren Büchern die befreiende Natur des Internets gepriesen hat, sieht sie in ihrem aktuellen Buch Alone Together (Basic Books, 28,95 Dollar) die Sache kritischer: Warum wir immer mehr von der Technik erwarten und immer weniger voneinander, lautet der Untertitel

ZEIT : Sie suchte wahrscheinlich nur eine pflegeleichte Partnerschaft, ohne Schmerzen und Enttäuschung – was ist daran falsch?

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Turkle : Für mich gehört es zum Kern des Menschseins, dass wir uns auf das komplexe Geflecht menschlicher Beziehungen einlassen. Filmemacher haben schon bemerkt, dass da etwas nicht stimmt: Es gibt Filme wie Wall-E, in denen uns die Roboter daran erinnern, uns wieder auf diese Komplexität des menschlichen Lebens einzulassen.

ZEIT : Auch wenn das bedeutet, dass man betrogen, verlassen und verletzt wird?

Turkle : Ja. Das gehört zum Leben dazu, dass wir uns so etwas antun. Wir können immer versuchen, uns zu bessern, aber die Alternative einer Welt, die nicht versteht, was wir sind, was für Höhen und Tiefen wir haben? Nein! Wir befinden uns in einem Moment der Versuchung, uns davon zu verabschieden.

ZEIT : Das andere Thema ihres Buchs sind Onlinebeziehungen. Wir kommunizieren immer mehr über Onlinemedien mit anderen Menschen, und Sie sagen: Diese Beziehungen sind oberflächlicher.

Turkle : Sie können oberflächlich sein! Oft glauben die Leute, online Intimität zu erfahren, tatsächlich aber verstecken sie sich auch hier vor der Komplexität menschlicher Beziehungen. Ein Facebook-Freund ist kein Freund – es sei denn, er war es vorher schon offline. Ich erkenne an, dass wir unsere Freundschaften per Facebook auf interessante Weise erweitern können. Aber wenn kurze Statusnachrichten und kleine Informationshappen der Ersatz dafür sind, Menschen persönlich in unterschiedlichen Situationen kennenzulernen, dann verzichten wir auf eine Menge.

ZEIT : Es gab eine Zeit, da hat man die Onlinekommunikation als eine Befreiung angesehen, weil Dinge wie Geschlecht, Rasse und äußerliche Attraktivität unwichtig wurden. Man konnte sich online neu erfinden. Sie haben das Buch Leben im Netz darüber geschrieben . Nun stehen Sie diesem parallelen Leben, das die Menschen im Internet führen, erheblich skeptischer gegenüber. Was hat zu diesem Meinungsumschwung geführt?

Turkle : Vor 15 Jahren war ich begeistert davon, welche Möglichkeit das Netz zum Erforschen und Experimentieren eröffnet. Aber ich habe damals nicht daran gedacht, dass die Menschen das eines Tages immer dabeihaben würden und in jeder Situation und jederzeit die Möglichkeit haben würden, der Realität zu entkommen. Jetzt gibt es diese Eltern, die beim Autofahren simsen, während ihre Kinder auf dem Rücksitz sitzen. Wir simsen sogar beim Abendessen mit unserer Familie, entfremden uns von uns selbst und von den Menschen um uns herum.

ZEIT : Online sind Menschen aber manchmal auch sehr direkt und reden über intime Dinge – auch wenn sie den anderen weder sehen noch riechen können. Gibt es nicht auch da sehr tief gehende Beziehungen?

Turkle : Man kann online andere Beziehungen haben. In einer gewissen Weise enthüllen die Menschen mehr von sich selbst. Aber sie enthüllen das, was sie enthüllen wollen, nicht unbedingt das, was der andere wissen will! In einer Freundschaft von Angesicht zu Angesicht findet eher ein echter Austausch statt. Ich untersuche solche Chats seit den frühen neunziger Jahren, und wissen Sie was: Wenn es ungemütlich wird, dann kneifen die Leute. Es gibt viel weniger Verbindlichkeit in den Beziehungen.

Leserkommentare
  1. Als ich die Ueberschrift auf der Startseite las, freute ich mich ueber einen Artikel, der sich endlich mal ausgiblich mit der Entfremdung im Internet auseinandersetzt. Schade, dass es sich nur um ein oberflaechliches "das Internet ist ganz Boese" Interview handelt. Mit freundlichen Grueszen an die Zeit Regie, ich wuerde mich ueber einen solchen Artikel sehr freuen :) (Mit mehr Analyse)

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    • Khef
    • 27. Februar 2011 11:23 Uhr

    Bitte wo sehen Sie in diesem Interview da Internet als "ganz böse"? Und was verstehen Sie an der simplen Aufforderung "Macht mal Pause" nicht?
    Die Autorin hat doch eindeutig klar gestellt, dass sie das Internet eben nicht total verdammt...

    Ich finde nicht, dass sich die Botschaft bzw. der Grundtenor des Artikels auf "Das Internet ist ganz böse" verkürzen lässt. Frau Turkle bemüht sich doch um eine differenzierte Sichtweise. Sie sagt eben nicht: "Onlinebeziehungen sind oberflächlich", sondern: "Onlinebeziehungen können oberflächlich sein". Mit Verweis auf Nordafrika hebt sie ja sogar die positiven Aspekte des Internet ausdrücklich hervor. Sicherlich hätte sie zahlreiche weitere Beispiele nennen können, aber das wäre am Thema des Interviews vorbeigegangen.
    Es kommt eben immer darauf an, wie man das Internet nutzt. Und an den vielen beschriebenen Phänomenen (Roboter als Liebhaber, SMS statt Anklopfen, etc.) kann ich wirklich nichts Positives finden. Mag sein, dass Sie anderer Ansicht sind.

    Vielleicht sollten Sie sich den letzten Absatz noch mal zu Gemüte führen. Da wird das Problem, das Sie offenkundig mit dem Artikel haben, sehr treffend zusammengefasst: "Viele glauben, man müsste entweder für oder gegen die Technik sein. Ich sage nur: Macht mal Pause!"

    Schwarz-Weiß-Malerei sieht anders aus. :)

    P.S.: Mehr Analyse ist natürlich immer gut. Dem Wunsch schließe ich mich an.

  2. ...wer hätte das gedacht wenn einem kurze Nachrichten aufgezwungen werden...
    -> Versuchen sie mal eine "SMS" mit korrekter Grammatik und Zeichensetzung zu schreiben, schnell füllen sich zwei oder drei "SMS" - oder solle ich "Text Nachrichten" schreiben?

    Das gleiche mit dem Online Zeugs - schreibt man viel wird es nicht gelesen... oder wenn einmal viel geschrieben wird (Foren) dann oft ohne Struktur...

    Jetzt das Internet alleine zu verteufeln bringt wenig - auch wenn es maßgeblich (zusammen mit Mobiltelefonen) daran schuld ist. Wenn wir etwas zu beklagen haben, dann ist es das Niveau von Schulen - bei den englischen GCSE sollen die Abkürzungen aus "SMS" positive bewertet werden nach dem Motto "es wollte sich ausdrücken".
    Wenn wir die Zerstörung der Sprache aktiv fördern müssen wir uns über ihren Verfall nicht wundern.

    Das gleiche gilt mit jeglichem anderen Benehmen - früher hat man einen Termin vereinbart und der Gesprächspartner war da - heute... hmm... -> Wenn hier ein Mobiltelefon als Entschuldigung für Unpünktlichkeit benutzt wird zeigt es höchstens eines: erbärmliche Planungsfähigkeiten.
    (OK, es gibt ab und zu gute Gründe warum man verspätet ist - aber manche Menschen sind es sehr oft... zu oft)

    ________
    Zuletzt - die Idee eines Roboters als "Gesellschaft" finde ich allgemein schon ganz interessant, allerdings würde dies eventuell in Bezug auf die Privatsphäre problematisch wenn diese "ins Netz kann" - aber eins wäre ein Roboter: Zuverlässig und unermüdlich.

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    • Infamia
    • 27. Februar 2011 11:17 Uhr

    Wie wäre es, einfach auch im Internet so zu schreiben, wie man es (früher) auch in einem Brief getan hat. Es gibt Rechtschreibregeln, die sollten auch im Internet gelten. Sie dienen dazu, es dem Leser einfach zu machen. Verzichtet man gänzlich auf Groß- und Kleinschreibung sowie Punkt- und Kommasetzung, wird es für den Leser schwer. Ich frage mich ernsthaft, wieso einige meinen, im Internet und mit dem Internet gelten andere Regeln als im richtigen Leben. Wenn Frau Drösser einerseit beklagt, dass Sie in E-Mails erstickt und daher nur noch in kurzen, knappen Sätzen kommuniziert, sollte Sie vielleicht einfach dazu übergehen, zukünftig auf korrekten Satzbau zu achten. Mag sein, dass es den ein oder anderen Leser überfordert, aber vielleicht führt es auch dazu, dass Sie weniger und dafür inhaltlich wertvollere E-Mails bekommt und dafür weniger beantworten muss.

    Ich stelle selbst fest, wenn ich kurz und knapp antworte, bekomme ich auch kurz und knapp Antworten, weil noch Fragen offen bleiben. Mehr ist vielleicht in dem Fall am Ende weniger.

    • Infamia
    • 27. Februar 2011 11:17 Uhr

    Wie wäre es, einfach auch im Internet so zu schreiben, wie man es (früher) auch in einem Brief getan hat. Es gibt Rechtschreibregeln, die sollten auch im Internet gelten. Sie dienen dazu, es dem Leser einfach zu machen. Verzichtet man gänzlich auf Groß- und Kleinschreibung sowie Punkt- und Kommasetzung, wird es für den Leser schwer. Ich frage mich ernsthaft, wieso einige meinen, im Internet und mit dem Internet gelten andere Regeln als im richtigen Leben. Wenn Frau Drösser einerseit beklagt, dass Sie in E-Mails erstickt und daher nur noch in kurzen, knappen Sätzen kommuniziert, sollte Sie vielleicht einfach dazu übergehen, zukünftig auf korrekten Satzbau zu achten. Mag sein, dass es den ein oder anderen Leser überfordert, aber vielleicht führt es auch dazu, dass Sie weniger und dafür inhaltlich wertvollere E-Mails bekommt und dafür weniger beantworten muss.

    Ich stelle selbst fest, wenn ich kurz und knapp antworte, bekomme ich auch kurz und knapp Antworten, weil noch Fragen offen bleiben. Mehr ist vielleicht in dem Fall am Ende weniger.

    • Infamia
    • 27. Februar 2011 11:18 Uhr

    Es sollte natürlich Frau Turkle und nicht Frau Drösser heißen.

    • Khef
    • 27. Februar 2011 11:23 Uhr

    Bitte wo sehen Sie in diesem Interview da Internet als "ganz böse"? Und was verstehen Sie an der simplen Aufforderung "Macht mal Pause" nicht?
    Die Autorin hat doch eindeutig klar gestellt, dass sie das Internet eben nicht total verdammt...

    Antwort auf "Schwarz und Weisz"
  3. Ich finde nicht, dass sich die Botschaft bzw. der Grundtenor des Artikels auf "Das Internet ist ganz böse" verkürzen lässt. Frau Turkle bemüht sich doch um eine differenzierte Sichtweise. Sie sagt eben nicht: "Onlinebeziehungen sind oberflächlich", sondern: "Onlinebeziehungen können oberflächlich sein". Mit Verweis auf Nordafrika hebt sie ja sogar die positiven Aspekte des Internet ausdrücklich hervor. Sicherlich hätte sie zahlreiche weitere Beispiele nennen können, aber das wäre am Thema des Interviews vorbeigegangen.
    Es kommt eben immer darauf an, wie man das Internet nutzt. Und an den vielen beschriebenen Phänomenen (Roboter als Liebhaber, SMS statt Anklopfen, etc.) kann ich wirklich nichts Positives finden. Mag sein, dass Sie anderer Ansicht sind.

    Vielleicht sollten Sie sich den letzten Absatz noch mal zu Gemüte führen. Da wird das Problem, das Sie offenkundig mit dem Artikel haben, sehr treffend zusammengefasst: "Viele glauben, man müsste entweder für oder gegen die Technik sein. Ich sage nur: Macht mal Pause!"

    Schwarz-Weiß-Malerei sieht anders aus. :)

    P.S.: Mehr Analyse ist natürlich immer gut. Dem Wunsch schließe ich mich an.

    Antwort auf "Schwarz und Weisz"
  4. Wenn man aufmerksam Leserkommentare liest, erkennt man, dass Menschen durchaus geneigt sein können, sich im Netz anders zu verhalten, als diese es im "wirklichen" Leben täten. Da wird man schon mal direkter und manchmal auch verletzender, als man es in einem direkten Gespräch wohl sein würde.

    Trotzdem gehört auch diese Seite zu unserem Mensch sein dazu. Wer behauptet, dass sich Menschen in Ihrer Art des Umgangs und der Sprache erst durch das Internet verändert haben irrt. Die Veränderungen in unserem Leben halten wir nicht auf. Auch die Sprache "verkommt" nicht, sie verändert sich lediglich. Letztendlich liegt es an uns selbst, in wie weit wir dem Zeitgeist nachgeben.

    Das Menschen, mit denen man im Netz regelmäßig oder unregelmäßig kommuniziert, nicht einem direktem Freundeskreis zuzuordnen sind, ist aus meiner Sicht keine herausragende Erkenntnis. Ernst wird es erst, wenn ich hier nicht mehr zu unterscheiden weiß.

  5. Internetverbindungen können Realtimeversionen niemals ersetzen, aber sie machen das Leben spannender und informativer.
    Sich dabei selbst auszuhalten und zu hinterfragen, die Balance zum echten Leben zu halten, ist die Kunst ;-)
    Junge Menschen lernen das heute spielerisch, dazu gehört aber auch ein gefestigtes soziales Umfeld, wie eigentlich bei allen Kompetenzen des Lebens.

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