Karl-Theodor zu Guttenberg vor einer Kabinettsitzung im Bundeskanzleramt © Andreas Rentz/Getty Images

Dienstag. An der Tür seines Ministerzimmers steht noch der Titel, den er inzwischen abgelegt hat: Dr. Wer hätte gedacht, dass zwei Buchstaben so viel Ärger machen können.

Tausend Zuhörer hatten ihn am Montag im hessischen Kelkheim frenetisch gefeiert. Wie immer. Und auch der Minister wirkte wie immer: federnd, offensiv, auftrumpfend.

Doch der Mann, der einem nun im Bendlerblock begegnet, wirkt zurückhaltend, nachdenklich, so, als hätten ihn die Auseinandersetzungen der letzten Tage doch arg mitgenommen. Karl-Theodor zu Guttenberg, der bei öffentlichen Auftritten so raumgreifend die Bühne beherrscht, kommentiert die Kritik bescheiden: »Ich habe mich nicht zu beschweren, dass man mich hart in die Mangel nimmt. Man darf mich kritisch betrachten, selbst bösartig, keine Frage.«

Den Verdacht, der nun seit Tagen die Öffentlichkeit beherrscht, er habe seine Dissertation in wesentlichen Teilen und im vollen Bewusstsein von anderen abgeschrieben , weist er von sich, auch das nicht auftrumpfend, eher ein bisschen hilflos: Er weiß, sagt er, dass es nicht so war! Im Übrigen hat er sich doch entschuldigt. »Für jeden Menschen ist es schwer, sich für einen Fehler zu entschuldigen. Aber was kann man in einem solchen Fall mehr machen, als sagen, es tut einem Leid?« Er versteht nicht, warum die Medien sich damit partout nicht zufriedengeben wollen.

Am Wochenende hat sich der Minister bei seinen ärgsten Plagegeistern, bei Guttenplag , eingeklickt, der Seite im Internet, die über die Fremdtexte in seiner Dissertation akribisch Buch führt. »Einige Punkte, die da aufgeführt werden, sind wissenschaftlich schwerwiegend«, andere findet Guttenberg »eher unerheblich«. Aber er will gar nicht mehr bestreiten, dass er sich eine »offensichtliche wissenschaftliche Schlamperei« zuschulden hat kommen lassen. Doch habe er nicht absichtlich getäuscht, sondern über die Jahre, in denen er an seiner Dissertation gearbeitet hat, »den Überblick über die Quellenlage verloren«.

Weshalb er den Titel, den er noch am vergangenen Freitag »vorübergehend« ruhen lassen wollte, nun doch endgültig loswerden möchte, auch dafür hat der Minister eine Erklärung: »Die eingehende Prüfung und Verteidigung meiner Arbeit wäre mit meiner politischen Aufgabe nicht vereinbar.« Wie er das sagt, wirkt Guttenberg ehrlich betrübt, nicht nur wegen der enormen Peinlichkeit, die der Vorgang mit sich bringt. Es scheint, als trauere der Minister wirklich um seine Doktorarbeit, die ihm trotz aller Fehler und Schlampereien offenbar viel bedeutet.

Dr. – zwei Buchstaben, die ein Selbstbild verändern können.

Wenn er darüber spricht, dass er vielleicht später einmal, nach seiner Ministerzeit, die wissenschaftliche Substanz dieser Arbeit in einem zweiten Anlauf retten könnte, will man sich nicht vorstellen, hier kaschiere einer auf besonders schlaue Weise ein Plagiat. Die Ungeheuerlichkeit, dass er bewusst und dreist gegen das Leistungsethos verstoßen hat, das ihm von frühester Kindheit eingeimpft worden ist, diese Möglichkeit erscheint, so wie Karl-Theodor zu Guttenberg einem in diesen Tagen gegenübertritt, zugleich unglaublich.

Dabei ist die Sache selbst klar, die Frage nach dem Warum bleibt das große Rätsel. Warum muss einer, der schon Freiherr ist und viel reisender Außenpolitiker und Vater und Ehemann, noch über sieben Jahre »in mühsamster Kleinarbeit« eine Doktorarbeit schreiben, für die er eigentlich keine Zeit hat? Und, was für die Wähler noch wichtiger ist: Was lässt dieser Kontrollverlust für seine Arbeit als Minister, eines Tages womöglich gar als Kanzler erwarten?