Dave EggersGuantánamo in New Orleans

Dave Eggers erzählt in "Zeitoun", wie der Rechtsstaat unter dem Hurrikan Katrina zusammenbricht.

Mag sein, dass wir irgendwann den definitiven Roman über den 11. September zu lesen bekommen. Ein großes Buch, das die Schrecken des Terrors und den Wahn der Bush-Ära einfängt, subtil und weit ausgreifend, das Krieg und Frieden des war on terror. Vielleicht gibt es eines Tages ein solches Meisterwerk. Noch ist es nicht in Sicht. Aber es gibt Zeitoun von Dave Eggers, die Geschichte von Abdulrahman Zeitoun und seiner Frau Kathy, deren Leben im Sommer 2005 erst vom Hurrikan Katrina und dann von einem entfesselten Staat durcheinandergeworfen wird. Es ist ein ergreifendes Buch, leise im Ton, wuchtig in der Sache, und es hat einen unschätzbaren Vorteil: Diese Geschichte aus dem postapokalyptischen Amerika ist wahr.

Liebevoll, bisweilen etwas langatmig malt Eggers den mit Arbeit vollgestopften Alltag der Familie Zeitoun aus. Abdulrahman, der gläubige Muslim aus einem syrischen Dorf am Mittelmeer, lebt den Amerikanischen Traum. Er hat drei bezaubernde Töchter, besitzt ein kleines Bauunternehmen, das überall in der Stadt gut zu tun hat, er hat ein schmuckes Haus und eine liebevolle, zupackende Frau, Kathy, eine weiße Südstaatlerin, die zum Islam übergetreten ist. Ihr Hijab, ihr Schleier, ist ein Problem für ihre Eltern und ihre Geschwister – und für die meisten Amerikaner in der Zeit nach den Anschlägen vom 11. September.

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Aber Zeitoun ist fleißig und fromm, und er ist fest davon überzeugt, dass er das Leben mit harter Arbeit in den Griff bekommen kann. Bis ihm dieses Leben eines Tages aus den Händen gerissen wird. Von Männern in schwarzen Uniformen mit verspiegelten Sonnenbrillen, halbautomatischen Waffen und kugelsicheren Westen.

Die Geschichte beginnt, zwei Tage bevor Katrina auf die Küste von Louisiana trifft. Eine Anspannung liegt in der Luft, Menschen fliehen, die Furcht drückt so schwer auf die Stadt wie die schwüle Hitze. »Die Bilder, die sie in den Nachrichten gesehen hatte, waren wirklich absurd – der Sturm sah aus wie eine weiße Kreissäge, die sich direkt auf New Orleans zubewegte. Auf diesen Satellitenbildern wirkte die Stadt im Vergleich zu dem Hurrikan so klein, ein winziger Fleck, der bald von diesem gigantischen Sägeblatt in Stücke geschnitten werden würde. «

Auch Kathy packt ihre Kinder ins Auto und fährt mit ihnen los, zu Verwandten in Baton Rouge, dann weiter zu einer Freundin in Arizona. Zeitoun aber will ausharren, trotz der Zwangsevakuierung, aus Sorge um sein Haus, aus Starrsinn – und ein bisschen auch aus Abenteuerlust. Er ist ein Mann des Meeres, er ist zur See gefahren, er kennt sich mit Stürmen aus. Und eine Weile lang scheint es tatsächlich, als würde er recht behalten.

Eindringlich schildert Eggers die überflutete Stadt, aber nicht als Katastrophengemälde, sondern als eigentümlich ruhige Wasserlandschaft. Für ein paar Tage liegt Stille über New Orleans, eine verstörende, beklemmende Stille. »Dieser Anblick im ersten Tageslicht übertraf alles, was Zeitoun sich je hätte ausmalen können. Unwillkürlich dachte er an das Jüngste Gericht, an Noah und vierzig Tage Regen. Und dennoch war alles so ruhig, so still. Nichts rührte sich. Er saß auf dem Dach, suchte die Gegend ab, hielt Ausschau nach Menschen, Tieren oder irgendeiner Maschine in Bewegung. Nichts.«

Mit einem gebrauchten Aluminium-Kanu, an dessen Rumpf die Antennen von versunkenen Autos kratzen, paddelt Zeitoun durch seine Nachbarschaft, rettet mehrere Rentner, füttert zurückgelassene Hunde, versucht seine Baustellen zu sichern und redet sich ein, das Schlimmste sei überstanden: »Er war nicht in Gefahr. Der Sturm war vorbei, und jetzt war da nur Wasser, friedliches Wasser. Und es waren Truppen unterwegs. Kein Grund zur Sorge.« Welch ein Irrtum.

Eggers gelingt es, unter die ruhigen Eingangsszenen eine subtile Spannung zu legen, die ständig wächst. Je länger Zeitoun mit seinem Kanu durch die Fluten gleitet, je häufiger darin Leichen treiben, desto unausweichlicher scheint es, dass auf die Flutkatastrophe eine zweite folgt, eine persönliche Katastrophe dieses stolzen, sturen Mannes. Und sie kommt, mit fast noch größerer Wucht als der Hurrikan.

Leser-Kommentare
  1. Der vorletzter Satz im Artikel lautet "Zeitoun ist eine große Erzählung über die Bush-Ära, über ihre Perversion amerikanischer Ideale." Es ist keine Perversion der Ideale, es sind perverse Ideale.

    2 Leser-Empfehlungen
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    Kommentar 1 schreibt, der Roman handle nicht von der Perversion amerikanischer Ideale, sondern es seien per se perverse Ideale.

    Der Roman handelt von der Verweigerung der Rechtstaatlichkeit. Rechtstaatlichkeit ist ein amerikanisches Ideal, welches hier zugunsten anti-muslimischer Paranoia aufgegeben wird ("pervertiert" wird, wie der Artikel schreibt). Was ist aber an dem Ideal der Rechtstaatlichkeit selbst schon pervers? Nichts. Oder meint der Kommentator es sei ein perverses Ideal, dass sich jemand, wie der Protagonist, in den USA mit harter Arbeit eine gespektable Existenz aufbauen können soll? Wohl auch nicht.

    Damit entpuppt sich die Kritik des Kommentators als blindes Draufhauen. Offenbar hat der Kommentator mit den USA noch eine Rechnung offen (wenn wir auch keine Ahnung ha ben, welche). Das darf man ja haben. Blindes argumentatives Draufhauen ist aber auch dann nicht in Ordnung, wenn es durch antiamerikanisches Sentiment gespeist wird.

    Kommentar 1 schreibt, der Roman handle nicht von der Perversion amerikanischer Ideale, sondern es seien per se perverse Ideale.

    Der Roman handelt von der Verweigerung der Rechtstaatlichkeit. Rechtstaatlichkeit ist ein amerikanisches Ideal, welches hier zugunsten anti-muslimischer Paranoia aufgegeben wird ("pervertiert" wird, wie der Artikel schreibt). Was ist aber an dem Ideal der Rechtstaatlichkeit selbst schon pervers? Nichts. Oder meint der Kommentator es sei ein perverses Ideal, dass sich jemand, wie der Protagonist, in den USA mit harter Arbeit eine gespektable Existenz aufbauen können soll? Wohl auch nicht.

    Damit entpuppt sich die Kritik des Kommentators als blindes Draufhauen. Offenbar hat der Kommentator mit den USA noch eine Rechnung offen (wenn wir auch keine Ahnung ha ben, welche). Das darf man ja haben. Blindes argumentatives Draufhauen ist aber auch dann nicht in Ordnung, wenn es durch antiamerikanisches Sentiment gespeist wird.

  2. Kommentar 1 schreibt, der Roman handle nicht von der Perversion amerikanischer Ideale, sondern es seien per se perverse Ideale.

    Der Roman handelt von der Verweigerung der Rechtstaatlichkeit. Rechtstaatlichkeit ist ein amerikanisches Ideal, welches hier zugunsten anti-muslimischer Paranoia aufgegeben wird ("pervertiert" wird, wie der Artikel schreibt). Was ist aber an dem Ideal der Rechtstaatlichkeit selbst schon pervers? Nichts. Oder meint der Kommentator es sei ein perverses Ideal, dass sich jemand, wie der Protagonist, in den USA mit harter Arbeit eine gespektable Existenz aufbauen können soll? Wohl auch nicht.

    Damit entpuppt sich die Kritik des Kommentators als blindes Draufhauen. Offenbar hat der Kommentator mit den USA noch eine Rechnung offen (wenn wir auch keine Ahnung ha ben, welche). Das darf man ja haben. Blindes argumentatives Draufhauen ist aber auch dann nicht in Ordnung, wenn es durch antiamerikanisches Sentiment gespeist wird.

    • dojon
    • 07.03.2011 um 8:37 Uhr

    Warum ist Zeitoun als Einwanderer in eine primär christliche Gesellschaft nicht zum Christentum konvertiert sondern seine christlich amerikanische Frau zum Islam ?

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    • GDH
    • 29.11.2011 um 16:28 Uhr

    Warum haben die Beiden nicht einfach ihre jeweiligen Religionen aufgegeben und gegen eine aufgeklärte Weltsicht getauscht (wäre mir persönlich jetzt sympatisch gewesen)?

    Was hat die Frage ob es sich um eine "primär christliche Gesellschaft" (ohne im einzelnen festlegen zu wollen, was das sein soll) handelt, in der die beiden leben, damit zu tun, an was sie persönlich glauben? Das ist doch keine Frage von Mehrheitsentscheidungen! Die Aussagen dieser Religionen sind so beschaffen, dass sie, wenn sie wahr sein sollten, überall auf der Welt wahr sein müssten. Was hat das damit zu tun, ob man in der Nachbarschaft von Christen oder Muslimen lebt?

    Was mich tatsächlich misstrauisch macht ist ganz allgemein die Tatsache, dass Eheleute oft die gleiche Religion annehmen. Das wirkt auf mich so, als würde über Tatsachenfragen geschachert (wenn du mir da entgegenkommst, gebe ich in einer anderen Frage nach.). Wieso gibt man dann nicht zu, dass es um Brauchtum und Geschmacksfragen geht, nicht um wirkliche Tatsachenüberzeugungen (schließlich ist die Tatsache, dass eine Person in einer Frage nachgibt, kein Argument dafür, dass sie in einer anderen Recht haben müsste).

    • GDH
    • 29.11.2011 um 16:28 Uhr

    Warum haben die Beiden nicht einfach ihre jeweiligen Religionen aufgegeben und gegen eine aufgeklärte Weltsicht getauscht (wäre mir persönlich jetzt sympatisch gewesen)?

    Was hat die Frage ob es sich um eine "primär christliche Gesellschaft" (ohne im einzelnen festlegen zu wollen, was das sein soll) handelt, in der die beiden leben, damit zu tun, an was sie persönlich glauben? Das ist doch keine Frage von Mehrheitsentscheidungen! Die Aussagen dieser Religionen sind so beschaffen, dass sie, wenn sie wahr sein sollten, überall auf der Welt wahr sein müssten. Was hat das damit zu tun, ob man in der Nachbarschaft von Christen oder Muslimen lebt?

    Was mich tatsächlich misstrauisch macht ist ganz allgemein die Tatsache, dass Eheleute oft die gleiche Religion annehmen. Das wirkt auf mich so, als würde über Tatsachenfragen geschachert (wenn du mir da entgegenkommst, gebe ich in einer anderen Frage nach.). Wieso gibt man dann nicht zu, dass es um Brauchtum und Geschmacksfragen geht, nicht um wirkliche Tatsachenüberzeugungen (schließlich ist die Tatsache, dass eine Person in einer Frage nachgibt, kein Argument dafür, dass sie in einer anderen Recht haben müsste).

    • GDH
    • 29.11.2011 um 16:28 Uhr

    Warum haben die Beiden nicht einfach ihre jeweiligen Religionen aufgegeben und gegen eine aufgeklärte Weltsicht getauscht (wäre mir persönlich jetzt sympatisch gewesen)?

    Was hat die Frage ob es sich um eine "primär christliche Gesellschaft" (ohne im einzelnen festlegen zu wollen, was das sein soll) handelt, in der die beiden leben, damit zu tun, an was sie persönlich glauben? Das ist doch keine Frage von Mehrheitsentscheidungen! Die Aussagen dieser Religionen sind so beschaffen, dass sie, wenn sie wahr sein sollten, überall auf der Welt wahr sein müssten. Was hat das damit zu tun, ob man in der Nachbarschaft von Christen oder Muslimen lebt?

    Was mich tatsächlich misstrauisch macht ist ganz allgemein die Tatsache, dass Eheleute oft die gleiche Religion annehmen. Das wirkt auf mich so, als würde über Tatsachenfragen geschachert (wenn du mir da entgegenkommst, gebe ich in einer anderen Frage nach.). Wieso gibt man dann nicht zu, dass es um Brauchtum und Geschmacksfragen geht, nicht um wirkliche Tatsachenüberzeugungen (schließlich ist die Tatsache, dass eine Person in einer Frage nachgibt, kein Argument dafür, dass sie in einer anderen Recht haben müsste).

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