Was gerade noch Gegenwart war, ist schon wieder Geschichte. Richard Kämmerlings, Jahrgang 1969 und als Literaturkritiker bis zu seinem Wechsel zur Welt die junge Stimme einer am amerikanischen Erzählkosmos geschulten Literaturkritik in der FAZ, legt eine Geschichte der deutschsprachigen Nachwendeliteratur vor. Und alles, was uns gerade noch so gedankenwarm auf das Leben im wiedervereinigten Land zu reagieren schien, ist bereits Gegenstand erster literaturordnender Maßnahmen und summierender Bilanzen.

Die kleine Literaturgeschichte Kämmerlings ist, was so viele Thesen- und Debattenbücher der jüngsten Zeit sind: ein autobiografisch erzählendes Sachbuch. So wie andere über sich selbst und die sterbende Mutter/den kranken Vater/das Familienleben schreiben, in der Hoffnung, im Persönlichen einen Zipfel des Allgemeinen zu erwischen, schreibt hier ein Kritiker in schönster Subjektivität deutsche Literaturgeschichte. Ein so unangreifbares wie lebensnahes Verfahren, das zweifellos zu den begrüßenswerteren Einflüssen des ebenfalls in die Jahre gekommenen New Journalism und der Popliteratur gehört.

Den Gefahren dieser Privatisierung der Literaturkritik – allen voran Argumentfreiheit und Beliebigkeit – entgeht der Literaturgeschichtsschreiber, indem er gleich zu Beginn das zentrale Auswahlkriterium nennt, das ein literarisches Werk erfüllen muss, um in seine persönliche Literaturgeschiche zu passen. Es sei dies sein »Versprechen auf Gegenwartserkenntnis«, sein Anspruch, »dem Bewusstseinsstand der Gegenwart gewachsen zu sein« und nicht hinter selbigen »zurückzufallen« oder sich im »Selbstzweck« zu erschöpfen. In diesen Prämissen steckt ein Hauch Georg Lukács, eine moderne Fortführung jener hegelianischen Auffassung, die verlangte, Literatur müsse der Geschichtserkenntnis dienlich sein und dürfe sich aus dem sanitären Kordon des Epochalen und Fortschrittlichen nur um den Preis ihrer Bedeutungslosigkeit entfernen.

Doch muss man diese Voraussetzungen des Chronisten nicht teilen, um die folgende Vielzahl von Romananalysen mit Gewinn zu lesen. Und zum Beispiel erinnert zu werden an inzwischen historisch anmutende Ereignisse wie die sogenannte »Realismusdebatte« zu Beginn der neunziger Jahre, als Autoren wie Maxim Biller , Helmut Krausser und Matthias Altenburg den Abschied von der in Vornehmheit verdämmernden Väter-Literatur forderten oder die Popdebatte am Ende der Neunziger, die darin gipfelte, dass fünf Zeitgeistautoren sich in einem Berliner Nobelhotel, den Ersten Weltkrieg zurückwünschten. Besondere Beachtung erfährt verabredungsgemäß die »überfällige Weltzuwendung« der in den neunziger und nuller Jahren debütierenden Autoren.

Deren Berlin-Romanen und Ost-West-Romanen, die allesamt das Zeug zum Zeitgeistsymptom haben, widmet der Autor ganze Kapitel. Eine ausführliche Würdigung widerfährt verständlicherweise auch dem Autor und Unternehmer Ernst-Wilhelm Händler für seine Versuche, »die Wirtschaftswelt in Literatur zu überführen«, sowie Thomas Lehrs Romanen »auf der Höhe des zeitgenössischen naturwissenschaftlichen Weltbildes«, zwei Autoren, die unsere komplexe, mit den Bordmitteln des klassischen Realismus nicht mehr darstellbare Wirklichkeit zu sprachlich ungewöhnlichen Experimenten verleitet. Hart ins Gericht geht diese Literaturgeschichte mit den ungezählten Familienromanen der letzten Jahre, in denen »die Familienprobleme der Gegenwart kaum vorkommen«.

Die Generationenromane von Julia Franck und Uwe Tellkamp werden kritisiert, weil sie »nichts mit Gegenwart zu tun haben«. Krieg, Sex, Tod, Migration und Finanzwirtschaft im deutschen Roman werden lange Passagen gewidmet. Liebe und Liebesromane bleiben jedoch, offenbar wegen fehlender zeitdiagnostischer Relevanz, unberücksichtigt. Wie überhaupt der Erzählfaden, der sich ausschließlich am Symptomatischen und Thematischen abarbeitet, das Unverfügbare und Überschießende großer Literatur vernachlässigt und dann etwas Graues und sachbearbeitermäßig Beflissenes hat.