ZEITmagazin: Herr Schmidbauer, warum gehen uns Geldfragen so zu Herzen?

Wolfgang Schmidbauer: Weil Geld das universalste Symbol für Aufmerksamkeit und Wertschätzung ist. Für unser Seelenleben ist nicht die Sucht nach »mehr« bestimmend, sondern die Angst, weniger zu bekommen. Und die gibt erst Ruhe, wenn wir immer mehr bekommen.

ZEITmagazin: Zurzeit boomt die Wirtschaft – warum fühlen wir uns trotzdem unsicher?

Schmidbauer: Die Unsicherheit ist das Lebensgefühl, das heute am stärksten verbreitet ist. Und sie hat vor allem mit dem Finanzsystem zu tun, in dem wir leben. Wir fühlen uns deshalb so ausgeliefert, weil wir sehr von der Geldwirtschaft geprägt sind. Geldwirtschaft ist grundsätzlich eine Angstwirtschaft. Je stärker die Geldwirtschaft alle Bereiche der Gesellschaft durchdringt, desto ängstlicher werden die Menschen.

ZEITmagazin: Aber im Schnitt geht es den Menschen besser als vor 30 Jahren.

Schmidbauer: Der Wohlstand nimmt zu, aber Angst und Depressionen nehmen auch zu. Das hängt damit zusammen, dass wir in der Wohlstandsgesellschaft viel mehr falsch machen können. Einst kam das Telefon von der Post. Wenn der Anschluss gelegt war, musste man sich nie wieder darum kümmern. Heute hat man ständig das Gefühl, sich an neue Tarife anpassen zu müssen. Die Sicherheit ist weg.

ZEITmagazin: Das macht aber noch nicht depressiv.

Schmidbauer: Die Kapitalisierung sickert immer tiefer ein bis zu den emotionalen Wurzeln. Früher gab es Organisationen, die so Geborgenheit vermittelt haben, wie die Post, die Bahn, große Firmen wie Siemens. Diese Strukturen haben sich aufgelöst. Ein Patient von mir, ein fähiger Techniker bei der Post, wurde nach einer Umstrukturierung in ein Callcenter der Telekom abgeschoben. Dort musste er eine Arbeit machen, die nichts mit seiner Qualifikation zu tun hatte. Er sollte unzufriedene Kunden beschwichtigen, obwohl er selbst unglücklich war. Dass solche Menschen psychische Probleme bekommen, ist nicht überraschend.

ZEITmagazin: Wer heute sein Arbeitsleben beginnt, glaubt nicht mehr, seine Karriere planen zu können. Wie verändert uns das Ende der Gewissheiten?

Schmidbauer: Es führt bei vielen zu Resignation, bei anderen zu einer Zockermentalität, zur Vorstellung, möglichst viel Geld in kurzer Zeit zu verdienen, um Sicherheit für das Leben zu erlangen. Einige schaffen das und werden dann zum leuchtenden Vorbild. Viele scheitern – für sie nimmt das Gefühl von Unsicherheit zu.

ZEITmagazin: In Ihrem Buch »Das kalte Herz« beschreiben Sie, wie Geld das Mitgefühl zwischen den Menschen schwinden lässt. Wussten wir nicht schon immer, dass Geld den Charakter verdirbt?

Schmidbauer: Geld verdirbt den Charakter eben nicht – aber es verändert ihn nachhaltig. Die Konsumgesellschaft setzt Umstrukturierungen in der Psyche in Gang, denen man nicht mit moralischen Anforderungen entgegentreten kann. Die Konzentration aufs Geld lässt wichtige soziale Fähigkeiten verkümmern. Früher waren die Märchen vom Teufelspakt Geschichten vom sündhaften Leben in Saus und Braus auf Kosten der ewigen Seligkeit. Bei Hauff wird der Reichtum schon im Diesseits durch Gefühlskälte erkauft. Das erscheint mir immer noch prophetisch.

ZEITmagazin: Können Sie das erklären?

Schmidbauer: Früher waren die Menschen in komplizierte Netzwerke eingebunden. Wer nicht über diese soziale Kompetenz verfügte, geriet an den Rand. In der Geldwirtschaft wird diese Empathie zunehmend durch Geld ersetzt. Je mehr Geld man hat, desto eher kann man sich scheinbare Sicherheit erkaufen. Und je weiter das Geld die Gesellschaft durchdringt, desto enger wird der Raum für das Einfühlungsvermögen.