Als Mitte Januar der erste der arabischen Diktatoren , Tunesiens Ben Ali, stürzte, schwiegen seine Amtsbrüder in der Region betreten. Bis auf einen: Muammar al-Gadhafi. In einer Fernsehansprache bekundete er seinen Schmerz über den Fall Ben Alis, verurteilte die Demonstrationen als vom Ausland »angezetteltes Chaos« und riet den Tunesiern, das libysche Regierungsmodell zu übernehmen: »Es repräsentiert das höchste Stadium im Streben der Völker nach Demokratie.« Fünf Wochen später gab er seiner Luftwaffe den Befehl, das eigene Volk zu bombardieren.

Niemand weiß bisher, wie viele Tote es in Libyen gegeben hat, wie voll die Leichenhäuser in Bengasi, al-Bayda oder Tripolis sind. Es gibt keine gestochen scharfen Fernsehbilder von auffahrenden Panzern wie damals am Tiananmenplatz, keine Live-Reportagen von Korrespondenten wie noch vor einigen Wochen aus Tunis oder Kairo. Was es gibt, sind verschwommene, verwackelte Aufnahmen von Menschen, die auf Dächern lauernde Scharfschützen mit Steinen bewerfen; die Verletzte mit durchschossenem Schädel zum Hospital schleppen; die Betondenkmäler von Gadhafis Grünem Buch umreißen; die bei Maschinengewehrsalven in alle Richtungen rennen und sich an der nächsten Ecke wieder zum Protestzug formieren. Und es gibt, vermittelt durch Angehörige oder Exilgruppen im Ausland, Telefongespräche mit Libyern: »Sechzehn Leichen, allein heute Morgen haben wir im Krankenhaus sechzehn Erschossene gezählt.«

»Nach al-Bayda kommt die Armee jetzt mit Hubschraubern und schießt. Warum ruft denn keiner die UN

»Gadhafi fliegt Söldner ein aus dem Tschad und aus Niger! Wir haben fünfzehn von ihnen gefangen genommen.«

»Ich stecke in Bengasi, ich weiß nicht, wo meine Familie ist. Hier schießen sie in die Menge der Demonstranten. Wir haben kein Internet mehr, geben Sie diese Nachrichten weiter, im Ausland weiß doch keiner, was hier los ist.«

Wenigstens darauf konnte man in den vergangenen Tagen etwas Tröstendes entgegnen: Doch, die Welt – Al Jazeera, BBC, CNN – hört und sieht mit, so gut sie kann.

Weder die Identität noch die Aussagen der Gesprächspartner lassen sich wirklich überprüfen. Aber schon ihre spürbare Verzweiflung macht klar, dass man Ohrenzeuge eines immensen Verbrechens ist. Libyens Machthaber Muammar al-Gadhafi hat, anders als Tunesiens Ben Ali und Ägyptens Mubarak, dem eigenen Volk den Krieg erklärt . Dessen Ausgang war Anfang dieser Woche noch unklar. Sicher ist bislang nur eines: Der Versuch, ein Blutbad unter Ausschluss der internationalen Öffentlichkeit anzurichten, ist gescheitert – obwohl das libysche Regime sein Land gegen Fernsehkameras und zeitweise gegen das Internet abgeschottet hatte. Die stärksten Waffen der Demonstranten sind bis auf Weiteres ihre Mobiltelefone und ihr buchstäblich todesverachtender Hass auf das System Gadhafi.