»Weniger niesen, kürzer leiden: Zink gegen Erkältungen«, verkündete die Süddeutsche Zeitung in der vergangenen Woche auf ihrer ersten Seite. Eine Wunderkur gegen den gemeinen Schnupfen? Hosianna!, möchte man da schnaubend rufen. Zumal der Bericht die zwei Wörter enthielt, die Zweifelsfreiheit signalisieren: Cochrane Collaboration . Das internationale Netzwerk von Forschern und Ärzten ist berühmt für Übersichtsarbeiten nach höchstem statistischen Standard. Wer als Fachmann – oder Journalist – auf eine Cochrane-Analyse stößt, der sucht meist nicht weiter. Und wenn Cochrane eben verkündet, »die Einnahme von Zink innerhalb der ersten 24 Stunden nach Auftreten erster Symptome reduziert die Dauer und die Schwere des Schnupfens«, dann muss das auch so sein.

Bei kritischem Quellenstudium erweist sich die Sache indes als nicht so eindeutig. Und das wirft einen Schatten auf den honorigen Fachartikel-TÜV. Auf jene Instanz also, die mit ihren Analysen entscheidend die offiziellen Therapieleitlinien der Ärzteschaft beeinflusst.

Cochrane tritt vor allem dort in Aktion, wo einzelne Studien nicht aussagekräftig genug sind. Die Prüfer werfen dann alles vorhandene und akzeptable Material zusammen, um daraus eine Art Schlichterspruch zu destillieren. In der Schnupfen-Zink-Frage war dies vor zehn Jahren schon einmal geschehen. »Aus den vorhandenen Studien«, schlossen die Wissenschaftler damals, »lassen sich keine eindeutigen Hinweise über die Wirksamkeit von Zink-Lutschtabletten gegen Schnupfen ableiten.« Diesmal hat die indische Kinderärztin Meenu Singh 15 Studien mit insgesamt 1360 Probanden für Cochrane ausgewertet . Zink helfe gegen Schnupfen, folgert sie. Zwar mahnt sie wegen Nebenwirkungen wie Übelkeit zur Vorsicht, doch die Botschaft lautet anders als noch 1999: Zink wirkt.

Was hat binnen eines Jahrzehnts diesen Umschwung bewirkt? Die Spur führt nach Detroit. Dort, an der Wayne State University, arbeitet seit Langem der indischstämmige Biochemiker Ananda Shiv Prasad . Für seine herausragende medizinische Forschung hat er viele Preise eingestrichen. Prasad gilt als Zinkpapst.

Gleich zwei seiner Arbeiten aus den Jahren 2000 und 2008 flossen in die neue Cochrane-Analyse ein. In beiden Studien hatte Prasad mit jeweils 50 verschnupften Probanden gearbeitet: 25 von ihnen hatten Zinktabletten gelutscht, die 25 anderen Zuckerpillen. Im Verlauf des Schnupfens mussten die Probanden ihre Symptome protokollieren. Diese Aufzeichnungen lesen sich sensationell: Im Durchschnitt notierten die Zinkschlucker nach vier Tagen keine Symptome mehr, die anderen erst nach acht Tagen. Merkwürdig, in anderen Studien mit viel größerer Teilnehmerzahl hatte Zink den Schnupfen nur um einen halben Tag verringert.

»Die beiden Prasad-Studien waren schon zentral«, sagt Meenu Singh auf Nachfrage. Pikanterweise aber wurden beide Arbeiten von der George und Patsy Eby Stiftung finanziert. George Eby III. ist der Inhaber einer Pharmafirma mit nur einem Produkt : Zinklutschtabletten. Das Studienergebnis habe das nicht beeinflusst, gibt sich Singh sicher. Warum nicht? »Weil die Forscher diese Finanzierung offengelegt haben.«