Lieber Franz Josef Wagner, beim Schreiben, haben Sie einmal gesagt, musst du ein zärtlicher Wolf sein. Oder auch: Jeder Satz ist ein Fisch. Den musst du filetieren. Erst müssen die Gräten raus, dann der Schmodder. Du musst den puren, rohen Satz schaffen, totale Verknappung, bei gleichzeitiger Poesie.

Sie und ich, wir haben zur gleichen Zeit als Kolumnisten angefangen. Wir waren schon alte Säcke, Sie vor allem. Sie hatten Ihre Karriere hinter sich, und ich hatte erst gar keine gemacht. Die Kolumne hat uns beide gerettet. Das war kein guter Anfang. Ihre Anfänge sind besser. Ich zitiere ein paar, die ich mag.

»Liebe Madonna, Sie sind wieder auf Kinder-Shopping-Tour im armen Malawi, Ihrem bevorzugten Selbstbedienungsladen für Kinderware.« – »Lieber Frank-Walter Steinmeier, Sie wirkten am Sonntagabend bei Anne Will wie eine eingeschlafene Schildkröte. Hätte jemand geschrien: Rom brennt! – Sie wären nicht aufgewacht.«

»Liebe Loveparade, es wird Dich nie wieder geben, weil man auf Toten nicht tanzen kann.«

»Josef Fritzl, 73, ich wünsche Ihnen ein langes Leben, 100 Jahre. Kein Krebs oder Herzinfarkt soll Sie erlösen.«

Ich gebe Schreibkurse, dann behandele ich manchmal diese Briefe von Ihnen, weil darin kein Wort zu viel ist (bis auf die drei oder vier, die ich aus diesen Beispielen herausgestrichen habe). Ich mag das Pathos, die starken Bilder. Ironie ist Tarnung. Ironie ist für Feiglinge. Sie haben keine Angst davor, sich lächerlich zu machen. Sie ziehen sich aus und zeigen der Welt Ihren nackten Arsch – wegen des Wortes »Arsch« werde ich sicher Briefe von empfindsamen Seelen bekommen. Ohne Mut zum Risiko kann man nichts erreichen, auch nicht als Autor. Deshalb schreibe ich eine Ode an Sie und nicht an einen der anderen Kollegen, die ich ebenfalls mag. Sie sind nicht Konsens in meinen Kreisen. Sie schreiben für Bild, eine Zeitung, über die man Kritisches sagen kann. Ihretwegen verzeihe ich Bild so manches.

Ich bin oft anderer Meinung als Sie. Wer Texte nur deswegen liest, um sich in seiner Meinung bestätigen zu lassen, sollte das Lesen am besten aufgeben. Leute, die Sie kennen, sagen, dass Sie nicht immer ein angenehmer Mensch sind. Besser gesagt, selten. Als Chef müssen Sie furchtbar gewesen sein. Eindrucksvoll, aber auch furchtbar. Ich hätte niemals mit Ihnen zusammenarbeiten können. Einmal habe ich Sie bei einer Veranstaltung gesehen, alle saßen, auf der Bühne redeten Leute, und Sie standen hinten und grölten herum. Sie waren betrunken, glaube ich. Sie schreiben, dass Sie inzwischen mit dem Trinken aufgehört haben. Viel Glück. Enden Sie bloß nicht wie Hemingway.

Es gab über Sie mal einen Fernsehfilm. Sie wollten den Filmemachern Ihr Büro im Springer-Hochhaus zeigen. Aber Sie haben den Eingang in das Haus nicht gefunden, und da waren Sie nüchtern. Nach längerem Suchen und mithilfe der Fernsehleute haben Sie dann doch Ihr Büro gefunden. Ihre Sekretärin ist fast zu Tode erschrocken, als Sie plötzlich im Raum standen, die hatte Sie wohl seit Jahren nicht mehr gesehen. Warum schreibe ich das? Ich musste an Sie denken, als kürzlich Bernd Eichinger starb, der Filmproduzent. Als Eichinger noch lebte, haben viele in seiner Branche verächtlich über ihn gesprochen. Ein Geldtyp, der mit Kunst nichts am Hut hat, ein Lieferant von Konfektionsware. Bei Leuten wie Ihnen oder wie Eichinger muss man sich einfach nur eine Sekunde lang vorstellen, dass sie tot sind. Dann sieht man vieles klarer.

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