Eine junge Frau trägt die Robe für Doktoranden © Christopher Furlong/Getty Images

Betrug gehört zur Geschichte der Wissenschaft. Ebenso die Schande, wenn die Täuschung auffliegt. »Die Verleihung eines Titels hebt den dadurch Ausgezeichneten bei Weitem nicht in dem Grade, wie ihn die Entziehung herabsetzt.« Das schrieb schon der Staatsrechtler Paul Laband (1838 bis 1918). In welche Tiefen Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg aufgrund seiner Doktorarbeit noch stürzen wird , lässt sich nicht endgültig absehen. Für das Wissenschaftssystem indes lassen sich aus dem Fall wichtige Lehren ziehen.

1. Karl-Theodor zu Guttenberg beleidigt die Wissenschaft

Unter allen Qualifikationsnachweisen ist die Promotion der wichtigste. Sie belegt die Fähigkeit zum eigenständigen Forschen und öffnet den Weg in die Wissenschaft. Jeder Verdacht, man könne sich diesen Zugang ungestraft erschleichen, setzt die Glaubwürdigkeit der Universität aufs Spiel. Er nährt den antiintellektuellen Argwohn, die Wissenschaft nehme es mit der Wahrheit nicht so genau. »Die Wirkung des Falls in der Öffentlichkeit ist schon jetzt fatal«, sagt der Präsident des Deutschen Hochschulverbandes, Bernhard Kempen. Sie erwecke den »völlig falschen Eindruck, in der Universität herrsche Lug und Trug«.

Besonders schwer wiegt der Imageschaden für die Universität Bayreuth. Guttenberg gehört zu den prominentesten Alumni der Hochschule. Mit ihm macht die Universität offensiv Werbung. Im Mai soll er Promotionsstudenten in einer feierlichen Zeremonie ihre Doktorurkunde überreichen. Nun steht die bislang angesehene Rechtsfakultät der Hochschule als Titelmühle da, welche die Bestnote »summa cum laude« nach Prominenz ihrer Doktoranden vergibt. Auch der Ruf von Guttenbergs Doktorvater, Peter Häberle, ist beschädigt. Er ist einer der ganz Großen im deutschen Verfassungsrecht. In der Öffentlichkeit erscheint er nun als eitler und trotteliger Professor, den man leicht hinters Licht führen kann.

Mit der Ankündigung, er werde den Titel in Zukunft nicht mehr tragen, verhöhnt Guttenberg die Universität noch einmal. Die Auszeichnung, die ihm einst so wichtig war, gefährdet nun den Fortgang der Karriere. Sie ist überflüssig geworden. Schon macht er öffentlich Witze über akademische Würden. Der Doktorhut wird zur Narrenkappe.

2. Die Bayreuther Universität sollte Guttenberg
des Betrugs überführen

Schon um ihre Ehre zu retten und die Wissenschaft von der Unterstellung zu bewahren, ihre eigenen Regeln nicht ernst zu nehmen, muss die Universität Bayreuth Guttenberg mit der Höchststrafe belegen: Aberkennung des Doktortitels wegen bewusster Täuschung. Die Doktorwürde nur wegen nicht eingehaltener Standards zu entziehen, würde zwar das Verfahren beschleunigen, aber ebenso einer Komplizenschaft mit Guttenberg gleichkommen. Denn sie passt perfekt zur Entlastungsstrategie des Verteidigungsministers: Er sei eben ein bisschen durcheinandergekommen. Kann ja passieren bei seinen vielen Verpflichtungen! Doch nicht nur die schiere Menge der aus anderen Werken kopierten Passagen spricht dafür, dass der Verfasser der Doktorarbeit den Ideenklau absichtlich und systematisch betrieben hat. Schwerer noch wiegen die zentralen Stellen, an denen sich der Autor mit den Gedanken anderer Wissenschaftler schmückt: in der Einleitung sowie in jenen Abschnitten seiner Arbeit, in denen er eine Zwischenbilanz zieht. Kein Professor würde eine Dissertation auch nur zu lesen beginnen, die mit einem 20Zeilen langen Zitat beginnt. Deshalb hat der Doktorand, so der dringende Verdacht, die Herkunft dieser Textstelle bewusst verschleiert.

3. Trotz aller Vorwürfe:
Der Doktorand Guttenberg ist eine Ausnahme

Das Ausmaß der Guttenbergschen Verfehlungen überrascht selbst Professoren, die von Amts wegen mit Täuschungen befasst sind. »So einen schwerwiegenden Fall habe ich noch niemals erlebt«, sagt Hans-Heinrich Trute, Rechtsprofessor an der Universität Hamburg und sechs Jahre lang Ombudsmann der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Anders als nun viele vermuten, gehört der Ideenklau im großen Stil keinesfalls zum Verhaltensrepertoire deutscher Wissenschaftler.

Statistisch valide Angaben fehlen. Bekannt sind allein die Fälle, in denen eine Doktorwürde aberkannt wird. Nimmt man alle Universitäten zusammen, kommt man hochgerechnet im Jahr auf vielleicht zwei Dutzend Annullierungen. Die Zahl unentdeckter Täuschungen liegt sicher weit höher. Doch selbst wenn die Dunkelziffer zehnmal so hoch wäre, trügen »nur« ein Prozent der Doctores ihre akademische Würde zu Unrecht. Der Medienwissenschaftler Stefan Weber schätzt die Zahl der Plagiatsvergehen bei Abschlussarbeiten auf genau diesen Wert. Die übergroße Mehrzahl der Doktoranden erwirbt ihre Auszeichnung mit Schweiß und Hingabe – ausgestattet meist nur mit einem kargen Stipendium oder neben der Arbeit als Zuträger eines Professors. Auch diese ehrlichen Doktoranden müssen sich von Guttenberg verhöhnt fühlen.