Aglaia hatte sich vorbereitet. Sie hatte im Internet Informationen zur Umweltverschmutzung durch Ozon gesucht und war sofort fündig geworden. Stolz trug sie der Klasse die Ergebnisse vor. »Sehr schön«, sagte der Chemielehrer am Ende. »Nur inhaltlich leider völlig falsch.« Aglaia kichert verlegen, als sie sich daran erinnert. »Das war in der achten Klasse«, sagt die 19-Jährige, die inzwischen die Oberstufe am Chiemgau-Gymnasium in Traunstein besucht. »Seitdem weiß ich, dass Wikipedia eine unzuverlässige Quelle ist.«

Die sogenannten Digital Natives wachsen mit einer Technik auf, der sich ihre Eltern und Lehrer oft erst mühsam nähern. Bereits 71 Prozent der Grundschüler nutzen einer Studie der Bitkom zufolge das Internet, sofern sie einen Anschluss haben; im Alter von 15 bis 17 Jahren sind es sogar 99 Prozent der Jugendlichen. Intuitiv klicken sie auf Wiki und Co, anstatt das Lexikon aus dem Regal zu wälzen; SchülerVZ ist ihr zweites Zuhause. Aber wie gehen diese Schüler mit den Texten um, die in den Weiten des Webs scheinbar so frei zur Verfügung stehen? Können sie deren Qualität bewerten, und kennen sie überhaupt noch den Unterschied zwischen Mein und Dein? Auf den ersten Blick scheint es manchem, als wüchse da eine ganze Generation von Kopierern heran , die sich ohne zu zögern und ohne Unrechtsbewusstsein vom geistigen Eigentum anderer Leute bedient.

»Ich kopiere erst einmal alles Wichtige zusammen, dann schreibe ich es um«, sagt Aglaia pragmatisch. Ihr Merksatz: »In Seminararbeiten darf kein wörtliches Zitat aus dem Internet stehen, außer, es ist als solches gekennzeichnet.« Auch ihr Klassenkamerad Benedikt, 18, hat seine letze Recherche über die amerikanische Revolution 1770 bis 1783 mit einer Google-Suche begonnen. »Anschließend mische ich die Informationen.« Texte von privaten Seiten, »wenn etwa ein Hobbyhistoriker was dazu veröffentlicht«, übernimmt er einfach – aber einen Wissenschaftler würde er schon zitieren, überlegt der junge Mann mit dem Piercing an der Nasenwurzel.

»Kopieren ist für Schüler zunächst einfach ein Arbeitsschritt«, sagt Jan Hodel. Der Historiker von der Pädagogischen Hochschule Nordwestschweiz geht in seiner Dissertation der Frage nach, wie Gymnasiasten das Internet für den Geschichtsunterricht nutzen. Rund vierzig 16- und 17-Jährige hat er dazu befragt. Zwar gebe es durchaus den einen oder anderen, der sein Referat unverfroren von einem einzigen Wikipedia-Ausdruck abläse; die gängige Praxis sei es jedoch eher, verschiedene Informationen aus dem Netz zusammenzutragen.

Das geht heute einfacher denn je. Anstatt schwere Bücher aus der Bibliothek nach Hause zu schleppen und ihren Inhalt Wort für Wort abzupinnen, surfen die Schüler von einer Website zur nächsten. Mit wenigen Mausklicks haben sie sich ein Textstück zu eigen gemacht. Und warum sollten sie damit nicht verfahren wie mit den Musikdateien , die im Internet ebenfalls gemixt und recycled werden?

»Schüler haben durchaus ein Verständnis dafür, dass sie Texte nicht eins zu eins übernehmen dürfen«, sagt Hodel. Tiefer gehende Gedanken über das Warum machten sie sich allerdings selten. Die einen hätten schlicht Angst, beim Kopieren erwischt zu werden und eine schlechte Note zu bekommen. Andere sagten sich: Was ich mit eigenen Worten schreibe, lerne ich besser. »Geistiges Eigentum als solches ist aber Schülern oft noch kein Begriff.« Woher sollten sie es auch wissen?

»Ein Unrechtsbewusstsein können Schüler nicht von sich aus ausbilden«, sagt Paul Bartsch, Professor für Kindheit und Medien an der Hochschule Merseburg. Texte im Internet seien schwerer auf ihre Urheber zurückzuführen als Bücher, auf deren Cover stets der Name des Autors prange. »Schüler betrachten Webinhalte oft als Allgemeinwissen und damit automatisch auch als Allgemeingut«, sagt Jan Hodel. Eine Sichtweise, die sie aus der Schule übernähmen: »In den Schulbüchern steht ja auch nur, wie hoch der Kilimandscharo ist – aber nicht, wer das als Erster gemessen und aufgeschrieben hat. Dass es wichtig ist, die Herkunft von Fakten zu kennzeichnen, muss erst gelehrt werden.«

Die Schulung in dem, was in der Fachsprache »Informationskompetenz für den Unterricht« heißt, ist in der Lehrerausbildung allerdings noch lange nicht selbstverständlich. Lediglich an einzelnen Hochschulen wie den Universitäten Mainz und Paderborn gehört sie fest zum Curriculum. Und obwohl angehende Lehrer Google und Co selbst im Studium nutzen, bringen sie nicht zwingend eine Sensibilität für den Umgang mit den sogenannten neuen Medien mit.

»Viele werdende Lehrer kommen aus bildungsbürgerlichen Haushalten, in denen das Buch als das höchste Kulturgut galt und ein sehr restriktiver Umgang mit elektronischen Medien gepflegt wurde«, sagt der Medienpädagoge Sven Kommer, der den medialen Habitus von Lehramtsstudenten in mehreren Studien untersucht hat. »Ich bin skeptisch, ob sie den kritisch-kreativen Umgang mit dem Internet bei ihren Schülern fördern.« Ein Bewusstsein dafür, dass Medienkompetenz mehr bedeutet, als Klassen mit Laptops auszustatten, entwickelt sich an den Schulen erst langsam.