Ferkel Nr.1 ist von seinen elf Stallnachbarn nur durch eine rote Markierung auf dem Rücken zu unterscheiden. Die zwölf rennen wild durcheinander, als Sandra Düpjan an diesem Morgen den Schweinestall betritt. Erst mit einem beherzten Griff gelingt es ihr, das Tier von der Gruppe zu trennen. Nr.1 stößt einen kurzen Schrei aus, beruhigt sich aber gleich wieder, als es von Düpjan in den sogenannten Schweineexpress gesetzt wird. In einem hölzernen Wagen wird das Ferkel über den Gang kutschiert, im Versuchslabor wartet schon Assistentin Evelin Normann. »Guten Morgen, du kleine Mistsau!«, ruft sie, rubbelt das Tier mit einem feuchten Lappen ab und legt ihm einen Gurt um. Ferkel Nr.1 grunzt zufrieden, das Experiment kann beginnen.

Sandra Düpjan ist Verhaltensforscherin im Institut für Nutztierbiologie (FBN) in Dummerstorf in Mecklenburg-Vorpommern. Doch anstatt wie andere Kollegen aus ihrer Zunft Tiere im Freiland zu beobachten, knotet sie sich ein Tuch in ihre dunklen Haare, tauscht Bluse gegen Blaumann und stellt sich dem strengen Geruch im Schweinestall. »Nutztierethologie« heißt ihr Forschungsfeld, mit ihren Versuchen will sie dem Ruf nach artgerechter Tierhaltung eine wissenschaftliche Basis verschaffen. Denn was heißt schon artgerecht, wenn ein Tier über Jahrtausende domestiziert wurde?

»Tier Nr.1, 1A, Fenster«, ruft Evelin Normann, die, umschwirrt von Fliegen, am Computer Platz genommen hat. Sandra Düpjan zieht mit einer Seilwinde einen Sichtschutz hoch, Ferkel Nr.1 hat nun freien Blick auf die viertelkreisförmige Versuchsarena. In der linken Ecke steht ein abgedeckter Trog. »Und Start«: Mit einem zweiten Seilzug öffnet Sandra Düpjan das Tor zur Arena. Das Ferkel wetzt schnurstracks in die linke Ecke, hebt den Trogdeckel und schlürft schmatzend seinen Belohnungsbrei. Im zweiten Durchgang (1B) steht der Trog in der rechten Ecke, das Schwein zögert, versucht aber doch sein Glück und öffnet den Deckel: Keine Belohnung! Nach vier Tagen Training weiß das Tier eigentlich um diese Gesetzmäßigkeit: Links Futter, rechts Enttäuschung – aber es gibt die Hoffnung nicht auf. Oder könnte man auch sagen, es ist ein Optimist?

Ganz anders agiert Ferkel Nr.2. Es erkennt sofort, dass der Trog in der falschen Ecke steht. Es stapft nach links, wo das Futter zu stehen hat – und legt wie protestierend einen Haufen. Auch im zweiten – unbelohnten Durchgang – beachtet es den Futtertrog nicht, sondern legt sich lieber gleich auf den Boden. Ein Pessimist?

Bei Menschen ist das Phänomen bekannt, manchen ist das Glas halb voll, anderen halb leer. Sie bewerten ihre Umwelt pessimistisch oder optimistisch. Psychologen nennen das cognitive bias (kognitive Verzerrung). Sandra Düpjan will herausfinden, ob das Phänomen auch für Schweine gilt. In diesem Fall steht deren Erwartungshaltung – der Trog ist voll oder leer – für eine positive oder negative Stimmung. »Emotionen von Tieren sind nur sehr schwer zu ermitteln, darum brauchen wir Hilfsmittel, um sie indirekt zu messen.«

An Ratten wurde der cognitive bias schon erfolgreich erforscht. Britische Wissenschaftler der Universität Bristol hielten ihre Versuchstiere zunächst in Käfigen, die mit allerhand anregendem Inventar ausgestattet waren. Bei der Hälfte der Ratten entfernten sie die Einrichtung nach sieben Wochen. In den anschließenden Versuchen zeigten sich die plötzlich verarmten Tiere tatsächlich pessimistischer als ihre Artgenossen. Aber fühlten sie sich deswegen auch schlechter?

»Die Frage ist, ob Tiere tatsächlich Emotionen empfinden oder sich nur so verhalten, als ob sie Emotionen empfinden«, schreibt die britische Verhaltensbiologin Marian Stamp Dawkins im Fachblatt Applied Animal Behaviour Science . In der Verhaltensbiologie ist seit Langem umstritten, ob Tiere überhaupt bewusst Empfindungen erleben, die mit menschlichen Emotionen vergleichbar sind. Denn Emotionen können auch unbewusst sein.

In den neunziger Jahren ließ man Menschen, die der chinesischen Sprache nicht mächtig waren, bewerten, ob die gezeigten Schriftzeichen eine positive oder negative Bedeutung hätten. Für Sekundenbruchteile blendeten die Forscher zuvor entweder ein lachendes oder ein wütendes Gesicht ein. Diese Manipulation blieb von den Teilnehmern unbemerkt, trotzdem bewerteten sie die Schriftzeichen passend dazu negativ oder positiv. Auch die Ferkel in Düpjans Versuch könnten negativ beeinflusst sein und sich dementsprechend pessimistisch verhalten – etwa nach stressigen Rangkämpfen untereinander. Vielleicht aber sind sie sich ihres Stresses gar nicht bewusst und leiden deshalb auch nicht darunter. 

Falls doch, wären die tierischen Emotionen ein Problem. 2009 wurden hierzulande fast 60 Millionen Schweine geschlachtet, Deutschland ist damit das Land mit der drittgrößten Schweinefleischproduktion weltweit, nach China und den USA. In den sechs Monaten, die ein Mastschwein durchschnittlich lebt, soll das Tier ein würdiges Leben führen. So ist es seit 2002 sogar im Grundgesetz festgeschrieben: »Aus der Verantwortung des Menschen für das Tier als Mitgeschöpf ist dessen Leben und Wohlbefinden zu schützen.« Für die Tierhaltung gilt, dass ein Tier angemessen ernährt, gepflegt und untergebracht werden müsse. Außerdem sollen ihm keine vermeidbaren Schmerzen oder Leid zugefügt werden.