Er lenkt einen der führenden Kekshersteller in Europa, der im Jahr 23.000 Tonnen Schokolade und 60.000 Tonnen Weizen verarbeitet. Andreas Land ist Chef und Gesellschafter von Griesso - de Beukelaer und wundert sich sehr über das, was da täglich an den Rohstoffmärkten läuft. Er nennt es eine »Perversion«. Spekulanten blähten den Markt künstlich auf . »Da sind Leute unterwegs, die nur auf dem Papier oder per Mausklick kaufen, um teurer weiterzuverkaufen ohne jedes Interesse an der Ware.«

Verglichen damit, hatte der Coup von Schokofinger wenigstens noch einen realen Hintergrund. Den Spitznamen zog sich der Hedgefondsmanager Anthony Ward zu, als er Mitte vergangenen Jahres in die Schlagzeilen geriet. Er soll eine riesige Menge Kakao geordert und damit den Markt aufgemischt haben. Details blieben zwar im Dunkeln. Aber die Notierung für Kakao zog zeitweise rekordverdächtig an . Selbst Profis kamen ins Staunen.

Immer wenn die Preise für Weizen, Mais, Kaffee oder Kakao unberechenbar steigen, wächst der Zorn auf die vermeintlichen Zocker. In der Tat haben die Akteure auf den Finanzmärkten ausgerechnet Agrarrohstoffe als lukratives Geschäftsfeld entdeckt. Mit viel Fantasie konstruieren sie spezielle Finanzprodukte, damit Geldanleger mit Weizen, Reis oder Soja satte Renditen erzielen können. Dazu brauchen sie keine Tanker, Kühl- oder Lagerhäuser mehr. Denn bei diesen Geschäften fließt keine Ware, sondern nur Geld, inzwischen viele Milliarden.

Wachsende Kritik – nicht nur aus den Reihen der Ernährungsindustrie – hat zumindest schon bewirkt, dass es das Thema am vergangenen Wochenende auf die Agenda der 20 mächtigsten Wirtschaftsnationen (G20) schaffte. Mit Schrecken erinnern sich alle an das Jahr 2008, in dem die stark gestiegenen Lebensmittelpreise in einigen Ländern zu politischen Unruhen führten . Auch bei den derzeitigen Protesten in Nordafrika spielt die Versorgung mit Nahrungsmitteln wieder eine Rolle. Anfang Februar teilte die Welternährungsorganisation der Vereinten Nationen, kurz FAO genannt, mit, dass die weltweiten Lebensmittelpreise den höchsten Stand seit 1990 erreicht haben.

»Ein gefährliches Niveau«, warnte vergangene Woche auch der Präsident der Weltbank, Robert B. Zoellick. Vor allem die vielen Millionen armen Menschen seien davon bedroht. Hierzulande schlug Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner Alarm: »Ich sehe die Gefahr, dass durch reine Spekulationen erheblicher Einfluss auf die Preise genommen wird.«

Die Nervosität wächst – auch in der Nahrungsmittelindustrie. Dabei nutzt sie zum Teil selbst die umstrittenen Termingeschäfte, um sich gegen Preisschwankungen auf dem Weltmarkt abzusichern. Bei so einem Termingeschäft schließen zwei Parteien einen Vertrag, in dem sie auf einen künftigen Preis für einen Agrarrohstoff wetten und festlegen, wer dem anderen einen Ausgleich zahlen muss, wenn der Preis darunter oder darüber liegt. Das Geschäft wirkt also wie eine Art Versicherung. Das sei auch gut und richtig so, versichern Experten. Viele Manager aus der Industrie reden trotzdem nicht gern darüber, wie genau sie vorgehen. Sie betrachten Warentermingeschäfte als mindestens so großes Geschäftsgeheimnis wie die Rezeptur für ihre Produkte.

Aber gibt es tatsächlich gute und böse Spekulanten? Und wie sind die einen von den anderen zu unterscheiden?

Zunächst zu den Guten in dieser Geschichte. Seitdem die Europäische Union dabei ist, die Agrarmärkte zu deregulieren, und der freie Handel mit Agrarrohstoffen weltweit gedeiht, bewegen sich die Preise stärker als je zuvor. »Während sich früher die Preise an den Rohstoffbörsen von einem Jahr auf das nächste veränderten, schwanken diese heute von einem Tag auf den nächsten, mit teils drastischen Ausschlägen nach oben und unten«, sagt Klaus Josef Lutz, Vorstandsvorsitzender der BayWa AG, die auf internationalen Märkten als Agrarhandelskonzern agiert.