Colin FirthDer Schattenspieler

Eine Begegnung mit Colin Firth, dem Mann, der den Oscar gewinnen wird. von 

Favorit für den Oscar: der britische Schauspieler Colin Firth

Favorit für den Oscar: der britische Schauspieler Colin Firth   |  © Johannes Eisele/AFP/Getty Images

Colin Firth ist schon viel länger da, als wir ahnen: Seine Filmkarriere reicht weiter zurück als unser Gedächtnis. Lange Zeit war er der klassische zweite oder dritte Mann, ein Zulieferer und Randschauspieler, doch irgendwann hat er sich aus dem Hintergrund gelöst und ist ins Zentrum getreten – und siehe, er ist unverwechselbar.

Kein Stilwechsel hat das bewirkt, sondern: die Zeit. Firth verfügt in seinem Spiel über eine Balance aus Schwere (den gemachten Erfahrungen) und Eleganz (dem allmählichen Schwinden von Ungeduld und Erwartung), es ist eine Virtuosität, die sich ohne sein Dasein in der zweiten Reihe wohl nicht entwickelt hätte. Er ist ein Mann, der nie zu viel »macht«; oft wartete er in Ruhe ab, bis die Kamera über ihn hinweggeschwenkt war und ihn verloren hatte. Und nun, in plötzlicher Übereinstimmung, behaupten viele, in ihm längst den maßgeblichen englischen Schauspieler seiner Generation erkannt zu haben.

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Jetzt steht dem 50-Jährigen der Oscar für die beste männliche Hauptrolle bevor, er gilt jedenfalls als hoher Favorit. In The King’s Speech spielt er den englischen König George VI, Herrscher über ein Weltreich, der nicht in der Lage war, seine eigene Stimme zu beherrschen – einen Stotterer, der dazu bestimmt war, Hitler den Krieg zu erklären. Wenn man Firth fragt, was er von der Oscar-Verleihung (27. Februar) erwartet, sagt er: »Mein Leben verlief bisher in heftigen Kurven, und das wird es auch künftig tun.« Er sagt, er müsse jetzt nur ein paar Misserfolge drehen, dann sei die Sache mit dem Oscar, sollte er ihn denn bekommen, rasch wieder vergessen, »wiped out«.

Wenn man Firth im wahren Leben trifft , so fällt ein fast sorgenvoller Ernst auf, der erst weicht, wenn es einen inhaltlichen Grund zu lächeln gibt: Das Gespräch soll doch gelingen, und er nimmt es ernst. Sucht er Antworten, so kann es sein, dass er – ein Überbleibsel seiner Königsrolle? – in ein kurzes Stottern verfällt; er macht Pausen und vermeidet jeden Anschein von Glätte, Routine, Schablone. Er ist ein großer, eher schwerer Mann, 1,87 Meter, aber er sitzt tiefer im Stuhl als der Gesprächspartner: Er will auf keinen Fall so wirken, als lasse er sich herab.

Tatsächlich verkörpert er eine Art des Engländertums, des stoischen Im-Leben-und-neben-sich-selbst-Stehens, welches in einer possierlicheren, bärchenhaften Form von Hugh Grant besetzt wird. Vielleicht ist es am ehesten die Eigenschaft, sich nicht »zeigen« zu müssen, die Firth auszeichnet; er benutzt keine method , keine Methode, um eine Empfindung in sich aufzubauen, die das Publikum dann seiner Figur ansehen soll.

Seine Methode ist es eher, Erregung, Gefühl, sogar Glück als ein Hindernis zu spielen, dem ein durchschnittlicher Mensch lieber aus dem Weg geht – wie er allem aus dem Weg geht, was ihn aus der Bahn werfen und dazu führen könnte, dass er den 7.55-Uhr-Zug verpasst.

Ein Satz des jungen Friedrich Schiller lautet: »Ich möchte gern in dieser holperichten Welt einige Sprünge machen, von denen man erzählen soll.« Wenn man, Schillers Satz im Hinterkopf, die Filme des Colin Firth ansieht, könnte man sagen: Diesem Schauspieler sieht man an, wenn er erwägt, solche Sprünge zu machen. Es wird ihm schon bei dem Gedanken schlecht. Er springt dann lieber doch nicht, aber im Innersten hat ihn der Sprung – die pure Idee – gehörig durchgerüttelt.

Leserkommentare
  1. Wenn ihn einer verdient hat, dann Colin Firth. Es darf und kann keinen anderen geben.

    2 Leserempfehlungen
    • Aleph1
    • 27. Februar 2011 18:18 Uhr

    "Colin Firth ist schon viel länger da, als wir ahnen: Seine Filmkarriere reicht weiter zurück als unser Gedächtnis."

    Was will uns der Autor damit sagen? Firths Filmkarriere reiche weiter zurück als unser Gedächtnis? Und wenn mein Gedächtnis bis ins Jahr 1902 zurückreicht? Oder hat der Autor möglicherweise gemeint: "Seine Filmkarriere reicht weiter zurück als in unsererem Gedächtnis."?

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Omega90
    • 27. Februar 2011 23:53 Uhr

    Hihi, der Satz hört sich echt komisch an^^
    Ich glaube langsam selbst die Zeit Journalisten brauchen nach dem ganzen Guttenberg-Bashing erstmal Urlaub...... ;)

  2. Es wird immer ganz vergessern, was für einen hervorragender Mr Darcy er in der BBC Mini-Serie "Stolz und Vorurteil" gespielt hat.
    Bravo, Mr Firth. Das haben Sie sich verdient!

    Eine Leserempfehlung
    • red_sky
    • 27. Februar 2011 18:41 Uhr

    Er mag der Favorit sein, aber die Leistung Francos in '127 hours' war großartig und oscarwürdig. Auch wenn Franco ihn wohl nicht bekommen wird, würde ich es ihm doch gönnen.

    Firth hin, Firth her.

    • Omega90
    • 27. Februar 2011 23:53 Uhr
    5. Danke

    Hihi, der Satz hört sich echt komisch an^^
    Ich glaube langsam selbst die Zeit Journalisten brauchen nach dem ganzen Guttenberg-Bashing erstmal Urlaub...... ;)

    Antwort auf "Der erste Satz"

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  • Schlagworte Friedrich Schiller | Margaret Thatcher | Tom Ford | Hugh Grant | Oscar
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