An einem Abend soll Martin Gillo den Hobbits erklären, wie man Ausländer anlockt. Es ist Nacht überm Markt der Stadt Zschopau im Erzgebirgskreis. Im Ratsgebäude, das die Einheimischen »Deutsches Haus« nennen, wird seit Stunden über Zuwanderung diskutiert, über Zuwanderung für Zschopau. Holzvertäfelt sind die Wände im Ratssaal. Es riecht nach Bockwurstwasser und Radeberger. Eine Melange aus Provinz und Männerparfüm. Liberale Kommunalpolitiker aus dem Erzgebirge haben den Ausländerbeauftragten eingeladen, um über Fremde zu diskutieren. Martin Gillo sieht müde aus.

Es erhebt der Bürgermeister der Nachbarstadt Thum seine Stimme. »Mir sitzen hier«, ruft er, »um die Ausländer herzuholen!«

In Sachsen setzt sich eine Erkenntnis durch. Sie lautet: Nicht Arbeitslosigkeit ist das Problem der Zukunft. Sondern ein Mangel an Fachkräften. »Das Wort Demografie«, warnt ein Bärtiger, »ist nicht hart genug für unsere Misere!« Doch wie lockt man Arbeitskräfte aus dem Ausland ins Erzgebirge? Wie schafft man Verständnis im Volk für mehr Zuwanderung? Und wie erklärt man den Erzgebirglern, dass sie freundlich sein sollten zu Fremden – statt störrisch, skeptisch, ängstlich zu sein? Zuerst antwortet eine Tschechin, die nun in Sachsen wohnt. »Die Menschen hier«, sagt sie, »sind wie Hobbits.« Hobbits sind ein gemütliches Bergvolk. Man lebt in seiner Höhle, man isst und trinkt gesellig. Aber bleibt gerne unter sich.

An der Stirnseite der Tischreihe sitzt der deutsche Amerikaner Martin Gillo, ein großer kräftiger Mann, wie ein verlorener Riese. Er sagt: »Am Ende zählt für Migranten die Lebensqualität. Wir müssen aufhören, Hobbits zu sein.« Gillo ist CDU-Landtagsabgeordneter für Freiberg, er wohnt in Dresden. Er war Wirtschaftsminister in Sachsen und Manager bei einem Weltkonzern. Er legte sich mit dem Bundeskanzler an und kämpfte als Politiker gegen die Folgen der Jahrhundertflut. Gillo hatte Macht und Einfluss. Seit einem Jahr ist er Ausländerbeauftragter des Sächsischen Landtages. Ein Ausländerbeauftragter in Sachsen hat keine Macht. Er hat kein großes Budget. Und er hat nicht einmal viele Ausländer.

An einem anderen Tag sitzt Gillo in seinem Büro, es liegt in einem weißen Mehrzweckgebäude gegenüber dem Landtag. Der 65-Jährige hat die Wände seines Büros bemalt, mit Gelb und mit Grün, es sind Farben wie im Kinderzimmer. Die Welt ist bunt, soll das wohl heißen. »Ich war 30 Jahre lang selbst Ausländer«, sagt Gillo. »Ich weiß, wie man sich fühlt, wenn man von einer Gesellschaft willkommen geheißen wird. Und wie man sich fühlt, wenn es nicht so ist.« Martin Gillo lebte in den USA und in der Schweiz. Die Schweiz, sagt er, war kein gutes Beispiel. Aber Amerika! Offene Arme, sagt Gillo. »In Amerika kriegen Sie die Chance dazuzugehören. Es geht nicht darum, wo einer herkommt. Die Frage ist nur: Hilfst du jetzt bei der Zukunft mit?« Denken Sie an Kalifornien, sagt Gillo. Wer ist da noch Migrant, wer nicht? »Jeder ist Amerikaner.« Es gibt längst keine kalifornischen Verhältnisse in Sachsen. Das treibt ihn jetzt an.

Denn Gillos Zahlen sind die: Bei zwei Prozent liegt die Ausländerquote im Freistaat. Anteil der Türken an der Gesamtbevölkerung: 0,1 Prozent; »aufgerundet«, sagt Gillo. In Berlin ist fast jeder Siebte ein Ausländer. In Sachsen wäre es ein Erfolg, würde jeder Siebte einen Ausländer kennen. Gillo muss den Menschen Migranten erklären.

In Zschopau ist Gillo eine Art Maskottchen. Geht raus, rät er den Kommunalpolitikern, geht raus und gewinnt die Menschen für mehr Weltoffenheit! Er sagt: »Die Ausländerquote im Erzgebirgskreis liegt bei 0,9 Prozent. Und es ist schwierig, wenn jemand weit und breit alleine ist mit seiner Kultur.« Sein wichtigstes Ziel, sagt Gillo, sei es, eine »Willkommensgesellschaft« zu schaffen. Er hat einen runden Tisch ins Leben gerufen, der über die Anerkennung ausländischer Berufsabschlüsse berät. Einen Missstand in Sachsen. »Einer Lehrerin aus dem Ausland wird es sehr schwer gemacht, bei uns zu unterrichten. Dabei wäre sie ein wunderbarer Multiplikator.« Noch scheuen sich Konservative vor der Wut der Menschen, die glauben, Ausländer nähmen ihnen die Arbeit weg.