Wenn man in einem der gläsernen Türme der Vereinten Nationen auf der New Yorker East Side sitzt, wirkt die Welt übersichtlich und wohlgeordnet. Es gibt den Sicherheits- und den Menschenrechtsrat, Ausschüsse für die soziale Entwicklung und Friedensstiftung, eine Abteilung für Frauenfragen, ein Umweltprogramm und eine Weltgesundheitsorganisation. Es gibt kein Problem, dessen sich die Vereinten Nationen nicht angenommen hätten. Aber wie kann eine Organisation, die für Staaten mit Grenzen gedacht ist, die Probleme einer Welt ohne Grenzen lösen? Sind Pandemien ein Gesundheitsproblem, ein Sicherheitsproblem oder beides? Ist der Terrorismus ein politisches Problem, ein wirtschaftliches oder beides? Und wie steht es mit der Tatsache, dass es plötzlich genauso viele Umwelt- wie politische Flüchtlinge gibt? Wer soll sich um sie kümmern?

Wie die Sowjetunion bricht das internationale System heute nicht physisch, sondern organisatorisch zusammen. Es wird keinen universellen Leviathan geben, kein globales Parlament der gesamten Menschheit und keine amerikanische Vormachtstellung. Stattdessen müssen wir uns auf eine zerspaltene, fragmentierte, unregierbare, multipolare oder nonpolare Welt gefasst machen. All diese Adjektive lassen erahnen, was uns bevorsteht: ein neues Mittelalter.

Vor tausend Jahren war die Welt gleichzeitig westlich und östlich geprägt. Das Abendland wurde nominell vom Heiligen Römischen Reich regiert, während das gewaltige byzantinische Vielvölkerreich mit seinem Zentrum Konstantinopel in ständigen Spannungen mit seinen Nachbarn lebte. Doch die dunkelste Epoche Europas war zugleich die Ära, in der China und Indien in höchster Blüte standen. Außerdem erreichte der Islam seine Glanzzeit; damals erstreckte sich sein Herrschaftsgebiet von Andalusien bis Persien, und sein Ansehen stand dem des Christentums in nichts nach.

Im Mittelalter kamen die Europäer, die Chinesen und die Völker dazwischen in dem ersten internationalen System der Geschichte in direkten, anhaltenden Kontakt miteinander. Im Anschluss an die Kreuzzüge zogen Forschungsreisende wie der Araber Ibn Battuta und der Venezianer Marco Polo entlang der Seidenstraße quer durch Eurasien und sorgten durch ihre Reiseberichte dafür, dass die Zivilisationen gegenseitig besser über ihre glanzvollen Errungenschaften Bescheid wussten. Die Handelsdelegationen unserer Tage, von arabischen Kaufleuten im chinesischen Wuxi bis zu chinesischen Geschäftsleuten in Afrika, erinnern an die gewaltigen Karawanen und Basare in der Champagne und im Samarkand des 13. Jahrhunderts.

Die Entstehung eines postmodernen zweiten »Mittelalters« – einer Welt ohne eine Macht von beherrschendem Einfluss – wird einmal als das bestimmende Merkmal der Ära nach dem Kalten Krieg in Erinnerung bleiben. Der Osten wird den Westen nicht ablösen, China wird nicht an die Stelle Amerikas treten, der Pazifik wird nicht den Atlantik ersetzen – all diese Machtzentren und geografischen Räume werden in einem hyperkomplexen Ökosystem koexistieren. Im Mittelalter überlappten sich die Einfluss- und Aktivitätszonen von Reichen, Städten, Zünften, Kirchen, umherziehenden Völkerhorden und Söldnerheeren; sie alle konkurrierten um die Herrschaft über Territorien, die Verfügungsgewalt über Ressourcen, um Handelspartner und Investitionen, um die Herzen und die Köpfe der Menschen. Das Gleiche geschieht heute wieder. Dadurch, dass die Globalisierung transnationale terroristische Netzwerke, das organisierte Verbrechen und Drogenhändlerringe gestärkt hat, hat sie einige schwache Staaten weiter geschwächt, während multinationale Unternehmen und Nichtregierungsorganisationen (NGOs) an Macht und Ansehen gewonnen haben.

Sicherheit wird privatisiert – im Wohnviertel und im Krieg

Unter der nominellen Herrschaft von Kaiser Karl dem Großen im späten 8. Jahrhundert haben Bischöfe eigene Vasallen und Ritter rekrutiert, Klöster erbauten Festungen und Schutzwälle, Heerführer regierten als Herzöge und Burgvögte, und Barone besaßen Hoheitsgewalt auf ihren Landgütern. Heute ist eine ähnliche Fragmentierung der Gesellschaften von innen unverkennbar: Von Miami über Bogotá und London bis Bangalore wächst die Zahl der abgeschotteten Wohnviertel, die von privaten Sicherheitsdiensten kontrolliert werden. Private Militärunternehmen sind in Amerika, Russland, Deutschland und Südafrika aus dem Boden geschossen, und sie unterstützen nicht nur die US-Operationen im Irak und in Afghanistan, sondern sie schützen auch Banken, Schiffe, Bergwerke und schicke Wohnviertel, wo immer Menschen sich ihre Dienste leisten können.

Der Staat ist die politische Organisationsform gewesen, die dem Industriezeitalter am dienlichsten gewesen ist, aber jetzt treten wir ins postindustrielle Zeitalter ein. Jeder Staat ist anders. Es gibt Staaten mit ausgeprägter Nationalstaatlichkeit (die USA und Brasilien beispielsweise), Imperien, die sich als Staaten verkleiden (China), Staaten, die sich wie Imperien verhalten (Russland und Iran), Imperien, die sich aus Staaten zusammensetzen (die Europäische Union), rohstoffreiche Staaten (Qatar), Marktwirtschaften, in denen mehr Ausländer als Einheimische leben (die Vereinigten Arabischen Emirate), Quasi-Staaten (Palästina und Kurdistan) und Staaten, die hauptsächlich dem Namen nach existieren (die Demokratische Republik Kongo). In Saudi-Arabien gibt es zwei verschiedene außenpolitische Strategien: die des Herrscherhauses Saud und die des radikalen wahhabitischen Klerus und islamistischer Wohltätigkeitsorganisationen. Kalifornien (selbst die zehntgrößte Volkswirtschaft der Welt) verfolgt faktisch eine eigene Zuwanderungs-, Klima- und Energiepolitik.