Kachelmann-Prozess : Zwei blaue Flecke und ein Nullbefund

Hat Jörg Kachelmann seine Geliebte Simone D. vergewaltigt? Die Gutachter deuten die Spuren nicht im Sinne der Anklage.
Jörg Kachelmann während einer Verhandlung am Landgericht Mannheim © Alex Grimm/Getty Images

Seit einem halben Jahr wird der Fall des Jörg Kachelmann vor dem Landgericht Mannheim verhandelt. So lange sucht die 5. Große Strafkammer schon nach Beweisen dafür, dass der angeklagte Wettermoderator des Ersten Programms seine Gelegenheitsgeliebte Claudia Simone D. vergewaltigt hat. Doch bislang ohne Erfolg. Im Gegenteil: Je weiter der Prozess voranschreitet, desto mehr verflüchtigen sich die Verdachtsmomente.

Die 37-jährige Simone D. hatte am 9. Februar 2010 bei der Polizei ausgesagt, sie sei in ihrer Wohnung von Jörg Kachelmann nach einem Streit vergewaltigt worden, wobei er ihr ein Küchenmesser an die Kehle gehalten und sie mit dem Tode bedroht habe. Die Staatsanwaltschaft Mannheim hatte in der Öffentlichkeit stets den Anschein erweckt, es existierten objektive Beweise für die Täterschaft des Angeklagten. Die Hauptverhandlung aber hat über die vergangenen Monate die Behauptung von der überzeugenden Spurenlage widerlegt.

Vergewaltigungsanklagen werden täglich von deutschen Gerichten verhandelt. Dass der Fall Kachelmann zu einem Mammutverfahren ausufern konnte, dessen Ende nicht abzusehen ist, hat auch damit zu tun, dass die Ermittler der Opferzeugin über viele Wochen begegnet sind, ohne ihre Aussagen kritisch zu hinterfragen. Der Fall Kachelmann zeigt beispielhaft, dass kein mögliches Opfer eines Sexualdelikts in diesen Tagen mehr Angst vor Behörden haben muss. Das von Polizei und Justiz zusätzlich gedemütigte und drangsalierte Vergewaltigungsopfer ist ein Phänomen aus der Nachkriegszeit, längst überwunden, gleichwohl von Frauenrechtlerinnen immer noch gerne beschworen. Heute kann eine Frau, die eine Vergewaltigung anzeigt, in Deutschland damit rechnen, dass ihr ein Höchstmaß an Takt, Verständnis, Solidarität und Zuwendung entgegengebracht wird. In welchem Umfang das geschieht, zeigt sich gerade an Simone D.:

Die Kriminalpolizei hält die Vergewaltigungsgeschichte der Kachelmann-Freundin von Anfang an und ohne irgendeine Überprüfung ihrer Angaben für wahr. Die vernehmende Beamtin aus dem badischen Schwetzingen schreibt gleich nach der Anzeige am 10. Februar 2010 in einem Vermerk: »Nach hiesigem Empfinden macht die Frau einen glaubwürdigen Eindruck.« Als die Polizistin ein halbes Jahr später vom Gericht gefragt wird, auf welchen Tatsachen ihre Einschätzung beruhe, weiß sie darauf keine Antwort zu geben.

Auch der Haftrichter, der am 20. März 2010 die Untersuchungshaft für den – seine Unschuld beteuernden – Kachelmann anordnet, offenbart später bei seiner Zeugenaussage vor dem Landgericht Mannheim eine Gutgläubigkeit und Weltferne, die man bei einem Richter zuletzt erwartet hätte. Die Version des beschuldigten Kachelmann, wonach er mit Simone D. erst einvernehmlich sexuell verkehrt, nach einer Eifersuchtsszene ihrerseits dann aber für immer gegangen sei, sei ihm schlicht »nicht einleuchtend« erschienen, begründet der Richter seinen Haftbefehl. Außerdem gehe er grundsätzlich davon aus, »dass jemand, der einen anderen einer Straftat bezichtigt, wahrheitsgemäße Angaben macht«.

Die Staatsanwaltschaft Mannheim steht der Opferzeugin ebenfalls von jeher zur Seite, obwohl die von Kachelmann um ihre Hoffnungen betrogene Frau durchaus nachvollziehbare Motive für eine mögliche Falschbezichtigung hat. Die Staatsanwälte hielten noch an Simone D. fest, als diese im Laufe der Ermittlungen zugeben musste, nicht nur in Teilen ihrer Aussage gelogen, sondern auch noch belastende Beweise selbst angefertigt zu haben ( siehe ZEIT- Dossier Schuldig auf Verdacht vom 24. Juni 2010).

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Kommentare

107 Kommentare Seite 1 von 16 Kommentieren

Der Sinn des Artikels

scheint mir doch recht eindeutig erkennbar:
Die Früchte von Alice Schwarzers Ideologie haben Früchte getragen, sogar bei Menschen, denen ich das Bemühen um Objektivität bisher zugestanden habe (wie Polizisten, Staatsanwälte, Haftrichter etc.). So werden Opfer zu Tätern und Täter zu Opfern. Und: hieße der Angeklagte nicht Jörg Kachelmann, der prominent ist und überdurchschnittliche Verteidigungsmöglichkeiten hat, ein "Otto Normalbürger" wäre wohl längst auf Jahre - vermutlich völlig unschuldig - hinter Gefängnismauern verschwunden.

...wie im Mittelalter

…begründet der Richter (Haftrichter) seinen Haftbefehl. Außerdem gehe er grundsätzlich davon aus, »dass jemand, der einen anderen einer Straftat bezichtigt, wahrheitsgemäße Angaben macht«.

Das erinnert mehr an die Inquisition des Mittelalters, als an ein ordentliches Rechtssystem!
Die Arbeit eines Richters, der solche Aussagen tätigt, sollte mal grundsätzlich überprüft werden.

„…und morgen zeige ich meinen Nachbarn an!“

in dubio pro reo

Das verstehen Sie absolut richtig.

Dass dieser Grundsatz durch die Staatsanwaltschaft, Gutachter und Teile der Medien konsequent mit Füßen getreten wird, halte ich für ein Armutszeugnis unseres Rechtsstaats.

Natürlich stehen der strafrechtlichen Unschuldsvermutung die Rechte des Opfers entgegen, aber ich denke dass mittlerweile zu viele Zweifel an der Glaubwürdigkeit von Simone D. und ihren Leidensgenossinnen aufgetreten sind. Von diesen Zweifeln völlig abgesehen wäre die Motivation zur Falschbezichtigung durchaus nachvollziehbar.

Jörg Kachelmann ist mit all seinen Gelegenheitsgeliebten sicherlich kein moralisches Unschuldslamm, aber sollte sich der Vergewaltigungsverdacht nicht doch noch bestätigen auch kein Straftäter. Gesetz und Moral sind, wenn auch in vielen Bereichen deckungsgleich, nun einmal doch voneinander zu trennen.

Dass Frau Rückert und der Kachelmann-Verteidiger Johann Schwenn sich jedoch bereits seit vielen Jahren bekannt sind, mag diesen Artikel indes in ein anderes Licht rücken. Inwiefern diese mögliche Geschäftsbeziehung hier aussieht erfährt man durch kurze Recherche bei einer Suchmaschine seiner Wahl. Man darf auf den Prozessausgang gespannt sein.

Interessant wäre eine neutrale Gegenüberstellung der unterschiedlichen Gutachter. Diese würde der Meinungsbildung wohl am besten beitragen.

Objektive Gerichte??

Als ich den Artikel las, fragte ich mich, was ein Nichtprominenter ohne große Anwalts- und Gutachterunterstützung in einem gefakten Fall machen kann?
Er wird doch ohne jede reelle Chance verurteilt.

Ein Bekannter von mir wurde wegen Kindesmißbrauches verurteilt. Nach zwei Jahren stellte sich durch Zufall heraus, daß dieser angebliche Mißbrauch dem Kind von der Mutter eingeredet worden war, damit sie das alleinige Sorgerecht bekommen konnte.

Aber das so etwas häufiger passiert, hat sich wahrscheinlich bei den Staatsanwaltschaften und Gerichte nicht herumgesprochen.