Seit einem halben Jahr wird der Fall des Jörg Kachelmann vor dem Landgericht Mannheim verhandelt. So lange sucht die 5. Große Strafkammer schon nach Beweisen dafür, dass der angeklagte Wettermoderator des Ersten Programms seine Gelegenheitsgeliebte Claudia Simone D. vergewaltigt hat. Doch bislang ohne Erfolg. Im Gegenteil: Je weiter der Prozess voranschreitet, desto mehr verflüchtigen sich die Verdachtsmomente.

Die 37-jährige Simone D. hatte am 9. Februar 2010 bei der Polizei ausgesagt, sie sei in ihrer Wohnung von Jörg Kachelmann nach einem Streit vergewaltigt worden, wobei er ihr ein Küchenmesser an die Kehle gehalten und sie mit dem Tode bedroht habe. Die Staatsanwaltschaft Mannheim hatte in der Öffentlichkeit stets den Anschein erweckt, es existierten objektive Beweise für die Täterschaft des Angeklagten. Die Hauptverhandlung aber hat über die vergangenen Monate die Behauptung von der überzeugenden Spurenlage widerlegt.

Vergewaltigungsanklagen werden täglich von deutschen Gerichten verhandelt. Dass der Fall Kachelmann zu einem Mammutverfahren ausufern konnte, dessen Ende nicht abzusehen ist, hat auch damit zu tun, dass die Ermittler der Opferzeugin über viele Wochen begegnet sind, ohne ihre Aussagen kritisch zu hinterfragen. Der Fall Kachelmann zeigt beispielhaft, dass kein mögliches Opfer eines Sexualdelikts in diesen Tagen mehr Angst vor Behörden haben muss. Das von Polizei und Justiz zusätzlich gedemütigte und drangsalierte Vergewaltigungsopfer ist ein Phänomen aus der Nachkriegszeit, längst überwunden, gleichwohl von Frauenrechtlerinnen immer noch gerne beschworen. Heute kann eine Frau, die eine Vergewaltigung anzeigt, in Deutschland damit rechnen, dass ihr ein Höchstmaß an Takt, Verständnis, Solidarität und Zuwendung entgegengebracht wird. In welchem Umfang das geschieht, zeigt sich gerade an Simone D.:

Die Kriminalpolizei hält die Vergewaltigungsgeschichte der Kachelmann-Freundin von Anfang an und ohne irgendeine Überprüfung ihrer Angaben für wahr. Die vernehmende Beamtin aus dem badischen Schwetzingen schreibt gleich nach der Anzeige am 10. Februar 2010 in einem Vermerk: »Nach hiesigem Empfinden macht die Frau einen glaubwürdigen Eindruck.« Als die Polizistin ein halbes Jahr später vom Gericht gefragt wird, auf welchen Tatsachen ihre Einschätzung beruhe, weiß sie darauf keine Antwort zu geben.

Auch der Haftrichter, der am 20. März 2010 die Untersuchungshaft für den – seine Unschuld beteuernden – Kachelmann anordnet, offenbart später bei seiner Zeugenaussage vor dem Landgericht Mannheim eine Gutgläubigkeit und Weltferne, die man bei einem Richter zuletzt erwartet hätte. Die Version des beschuldigten Kachelmann, wonach er mit Simone D. erst einvernehmlich sexuell verkehrt, nach einer Eifersuchtsszene ihrerseits dann aber für immer gegangen sei, sei ihm schlicht »nicht einleuchtend« erschienen, begründet der Richter seinen Haftbefehl. Außerdem gehe er grundsätzlich davon aus, »dass jemand, der einen anderen einer Straftat bezichtigt, wahrheitsgemäße Angaben macht«.

Die Staatsanwaltschaft Mannheim steht der Opferzeugin ebenfalls von jeher zur Seite, obwohl die von Kachelmann um ihre Hoffnungen betrogene Frau durchaus nachvollziehbare Motive für eine mögliche Falschbezichtigung hat. Die Staatsanwälte hielten noch an Simone D. fest, als diese im Laufe der Ermittlungen zugeben musste, nicht nur in Teilen ihrer Aussage gelogen, sondern auch noch belastende Beweise selbst angefertigt zu haben ( siehe ZEIT- Dossier Schuldig auf Verdacht vom 24. Juni 2010).