Als ihre Manipulationen Ende April 2010 herauskommen, sitzt Kachelmann wegen der Anschuldigungen schon seit einem Monat in Untersuchungshaft, trotzdem tut die Staatsanwaltschaft die Täuschungsmanöver ihrer Belastungszeugin als »Marginalien« ab.

Sogar der Spurensachverständige vom baden-württembergischen Landeskriminalamt deutet seinen Befund zugunsten des angeblichen Opfers: Die Frau hatte bei ihrer Anzeige eine Schürfwunde am Kehlkopf vorgewiesen, die durch den ununterbrochenen Druck der Messerklinge während der Vergewaltigung verursacht worden sein sollte. Der Diplombiologe des LKA, Gerhard Bäßler, hatte aber bei der molekulargenetischen Untersuchung der angeblichen Tatwaffe keine verwertbaren DNA-Spuren auf dem Messer finden können. Weder ließen sich Gewebspartikel von Simone D. an der Klinge nachweisen noch solche des Angeklagten irgendwo am Messer. Auch am Saum des Kleides, das Kachelmann der Frau vor der Tat gewaltsam hochgeschoben haben sollte, kommt es zum Nullbefund.

Obwohl das völlige Fehlen solcher Spuren bei dem geschilderten Tathergang auf die Unwahrheit der Aussage hindeutet, konstatiert der Biologe in seinem Gutachten vom 26. April 2010: »Die Befunde passen zu dem von der Geschädigten beschriebenen Tatablauf« und seien »mit der Aussage der Geschädigten in Einklang zu bringen«, und er zieht sogar den Schluss, »der Tatverdächtige J.K.« sei »als Verursacher der Spur nicht auszuschließen«.

Im Dezember 2010, als sich der Spurenkundige Bäßler den kritischen Fragen des Gerichts und mehrerer rechtsmedizinischer Sachverständiger stellen muss, rudert er zurück: Man könne aus den Befunden keineswegs schließen, dass der Angeklagte das Messer angefasst habe, gibt der Biologe zu und konstatiert: »Eine Spurenlegereigenschaft des Herrn Kachelmann ist nicht nachgewiesen.«

Zu derselben Erkenntnis war der von der Verteidigung hinzugezogene Rechtsmediziner und DNA-Spezialist Bernd Brinkmann aus Münster schon im Mai 2010 gelangt. Und er war es auch gewesen, der Simone D.s angebliche Vergewaltigungsverletzungen – die erwähnte Wunde am Hals, einige Kratzer an Bauch und Armen und zwei große Hämatome an den Innenseiten der Oberschenkel – von Anfang an für Blessuren gehalten hatte, die sich die Frau selbst beigebracht haben müsse. Die Gutachten des Sachverständigen vom Frühjahr 2010 standen damit im Gegensatz zur Überzeugung der Staatsanwaltschaft. Als Bernd Brinkmann schließlich zum Prozessauftakt als von der Verteidigung geladener Sachverständiger in Mannheim erscheint, wird er behandelt wie ein Feind. Er ist der einzige unter den vielen Gutachtern, der vom Sicherheitspersonal vor aller Augen ausführlich durchsucht wird, als vermute man in seinen Hosentaschen Waffen oder Sprengstoff. Als er sich zu den anderen Sachverständigen setzt, wird der 71-jährige Professor vom jungen Staatsanwalt Lars-Torben Oltrogge grob aufgefordert, seinen Platz auf der Gutachterbank zu räumen. Auf seine Rückfrage, wo er denn Platz nehmen solle, antwortet Oltrogge sinngemäß, das sei ihm einerlei. Das Publikum wird Zeuge, wie der renommierte Mediziner auf der Suche nach einer Sitzgelegenheit durch den Gerichtssaal irrt. Eine aufschlussreiche Szene.

Zuletzt gelingt es den Staatsanwälten, den unliebsamen Sachverständigen aus dem Prozess zu entfernen – durch einen Befangenheitsantrag, dem das Landgericht Mannheim nachkommt. Grund: Bernd Brinkmann hielt ein Hämatom, das Simone D. ein volles Jahr vor der angeblichen Vergewaltigung an ihrem eigenen Oberschenkel fotografiert hatte, für die Folge eines Probierschlags, mit dem sie schon frühzeitig »ihre Fähigkeit zur Ausbildung großer Hämatome« getestet habe.

Die Kripo hatte im Juli 2010 auf dem Computer der Frau zwei gelöschte digitale Aufnahmen wiederhergestellt. Beide zeigen ein eindrucksvolles bräunlich-grünliches Hämatom auf der Innenseite ihres linken Oberschenkels, das den später bei der Anzeige gegen Kachelmann dokumentierten Hautunterblutungen in Größe und Lage ähnlich ist. Die Aufnahmen aber stammen vom Februar 2009.

Simone D. hatte im Polizeiverhör angegeben, sie wisse nicht, woher das Hämatom stamme, räumte aber ein, blaue Flecken bisweilen zu Studienzwecken zu fotografieren. Auch deshalb glaubte der Gerichtsmediziner Brinkmann nicht an einen Zufall, sondern ging »mit hoher Wahrscheinlichkeit« davon aus, dass Simone D. vor ihrer Anzeige Selbststudien an sich vorgenommen habe. Das Gericht erklärt Brinkmanns Ablehnung für begründet mit dem Argument, der Sachverständige habe es unterlassen, seine Theorie »gegen alternative Erklärungsmodelle abzuwägen«.