Im Februar 2011 erstatten schließlich drei Rechtsmediziner vor dem Landgericht Mannheim ihre Gutachten über Simone D.s Blessuren. Reiner Mattern aus Heidelberg, der die Frau im Auftrag der Staatsanwaltschaft noch am Tag der Anzeige untersucht hat, eröffnet seine Rede mit den Worten, weder könne er nachweisen, dass der Angeklagte die an Simone D. festgestellten Verletzungen verursacht habe, noch, dass die Frau es selbst gewesen sei. Zwar hat auch Mattern sich gewundert, dass er bei Simone D. die typischen Vergewaltigungszeichen (Abwehrverletzungen, Griffspuren an den Oberarmen) nicht gefunden hat. Zwar hat auch ihn die fehlende DNA auf dem Messer befremdet und ebenso die Tatsache, dass Simone D. nicht erklären kann, wie die eindrucksvollen Hämatome auf ihre Oberschenkel gekommen sind. Trotzdem konstruiert der Rechtsmediziner im Laufe seiner Ausführungen dann aber doch unaufgefordert eine Art möglicher Tatversion, wonach die Hämatome von den Knien des Angeklagten verursacht worden sein könnten. Darauf, dass diese Annahme im Widerspruch zu den polizeilich protokollierten Schilderungen der Opferzeugin steht, wird er in der Verhandlung hingewiesen.

Der Rechtsmediziner hat in seinem Leben »etwa 20 bis 30 Mal« angebliche Vergewaltigungsläsionen gesehen, bei denen unklar war, ob es sich um Fremd- oder Selbstbeibringungen handelte. Der Erkundigung, wie viele Selbstverletzungen bei Sexualdelikten er überhaupt schon als solche erkannt habe, weicht Mattern aus: »Ich lasse diese Frage meistens offen.« Im Übrigen sei ihm klar, dass in Heidelberg nicht viele Gewaltverbrechen vorkommen, weshalb »manche meiner Kollegen sicher mehr von solchen Sachen verstehen«.

Damit könnten die beiden von der Verteidigung geladenen Sachverständigen gemeint sein. Es sind die Direktoren der rechtsmedizinischen Institute von Köln und Hamburg. Als Markus Rothschild aus Köln sein Gutachten erstattet, stellt er, zu den Richtern gewandt, fest, die Vergewaltigungsschilderungen der Opferzeugin erschienen ihm angesichts des Verletzungsbildes »nicht nachvollziehbar«: Dass die – wie mit ruhiger Hand auf Bauch und Arme gemalten – Hautritzungen bei dem geschilderten hochdynamischen Tatablauf entstanden sein sollen, hält er für »praktisch ausgeschlossen«. Und wäre der Frau wirklich die Messerklinge an den Hals gedrückt worden, hätte sich ihre DNA »darauf finden müssen«. Abgeschilferte Hautepithelien, betont Rothschild, klebten wie Pech an Gegenständen, weshalb Genetiker sogar vom ganz normalen Fingerabdruck eines Menschen dessen DNA gewinnen könnten. Auch dass Simone D. das Zustandekommen der großen Oberschenkelhämatome während der Vergewaltigung nicht mitbekommen haben will, hält Rothschild für »abwegig«. Die Hämatome seien mit »enormer Energie« hergestellt worden, ein Prozess, der sehr schmerzhaft gewesen sein müsse.

Der Hamburger Rechtsmediziner Klaus Püschel wird noch deutlicher. Er gilt als Spezialist für Selbstverletzungen, er hat ein Lehrbuch über das Thema geschrieben und – ebenso wie sein Kollege Bernd Brinkmann – schon etliche angebliche Opfer als Falschbezichtiger entlarvt. Weder die Halswunde noch die Ritzer auf der Haut könnten entstanden sein wie von der Opferzeugin geschildert, pflichtet Püschel seinem Vorredner bei. Das sei rechtsmedizinisches Lehrbuchwissen. Auch Knie kommen für Püschel als Verursacher der Beinhämatome nicht in Betracht, diese müssten vielmehr mit Fäusten oder einem irgendwie abgerundeten Gegenstand hergestellt worden sein. In der Gesamtschau aller Verletzungen, konstatiert Püschel, sei eine Selbstbeibringung wesentlich naheliegender als eine Gewalteinwirkung von fremder Hand. Das Gesamtbild sei völlig atypisch für ein überfallartiges Geschehen. »Es gibt keinen Hinweis darauf, dass es war, wie die Zeugin sagt«, schließt der Gerichtsmediziner seine Ausführungen, »aber sehr viele Hinweise darauf, dass es sich hier um Manipulation handelt.«

Dabei dürfte es kaum einen Wissenschaftler geben, dem das Wohl eines Verbrechensopfers mehr am Herzen läge als dem Professor Püschel. Sein Hamburger Institut betreibt eine große Gewaltopferambulanz, wo Misshandelte, Geschlagene und Vergewaltigte ihre Verletzungen unbürokratisch von Fachleuten dokumentieren lassen können, um so später vor Gericht ihr Recht zu bekommen. 1000 bis 1500 Geschädigte aus ganz Norddeutschland stellen sich den hanseatischen Medizinern pro Jahr vor, unter ihnen bis zu 150 Frauen, die angeben, vergewaltigt worden zu sein. Bedauerlicherweise, sagt Püschel zu den Mannheimer Landrichtern, habe man in den letzten Jahren einen starken Anstieg sogenannter Fake-Fälle verzeichnen müssen, bei denen Personen sich selbst zugefügte Wunden präsentieren und behaupten, einem Verbrechen zum Opfer gefallen zu sein. Früher sei man in der Rechtsmedizin davon ausgegangen, dass es sich bei fünf bis zehn Prozent der vermeintlichen Vergewaltigungen um Falschbeschuldigungen handelte, inzwischen aber gebe es Institute, die jede zweite Vergewaltigungsgeschichte als Erfindung einschätzten.

In Püschels Opferambulanz haben sich im Jahr 2009 genau 132 Vergewaltigte vorgestellt: Bei 27 Prozent der Frauen hielten die Ärzte die Verletzungen für fingiert, bei 33 Prozent für echt. Bei den restlichen 40 Prozent haben die Hamburger Rechtsmediziner nicht ermitteln können, wer der Urheber der Blessuren war: der beschuldigte Mann oder das Opfer selbst.