Hamburg Nichts fürs Volk
Das neue Abstimmungsverfahren in Hamburg begünstigt gebildete Wähler.
Dem neuen Hamburger Wahlrecht liegt eine sympathische Idee zugrunde. Wieso entscheiden die Parteien, wen sie ins Parlament schicken, während das Volk nicht Volksvertreter, sondern nur Parteilisten wählt? Am vergangenen Wochenende war es anders. Zehn Stimmen konnte jeder Wähler auf die unterschiedlichen Bewerber um Bürgerschaftsmandate verteilen, weitere zehn Stimmen hatte er für seine Vertreter in den sieben Bezirken, aus denen das Bundesland Hamburg besteht. Zwanzig Stimmen pro Wähler – inzwischen schwant den Hanseaten, dass es mit ihrem neuen Wahlrecht ein Problem geben könnte.
Zwei Probleme, genauer gesagt. Das eine, kleinere, lässt sich am Beispiel von »Andreas Waldowsky, 43 Jahre, Studienrat und Diplomfinanzwirt« schildern, der als Grüner für den Landtag kandidierte und den Wählern diesen Umstand mittels einer Hauswurfsendung bekannt gab. Ihr war auch zu entnehmen, dass Herr Waldowsky »Hamburg eine engagierte Stimme für Menschenrechte und gegen Kinderarbeit« verleihen und die »Bilanzen der Stadt und ihrer öffentlichen Unternehmen kritisch lesen« will. Wie schön!, möchte man da ausrufen – ehe einen das Grauen packt, angesichts der weiteren 1034 Bewerber, die ebenfalls auf den Einfall mit der Hauswurfsendung hätten kommen können und das beim nächsten Mal zweifellos tun werden, wenn Kandidat Waldowsky Erfolg hat. Hat die Hamburger Bürgerschaft wirklich so viel und so Wichtiges zu entscheiden, dass schon die Frage ihrer Zusammensetzung ein derartiges Maß an Aufmerksamkeit beanspruchen kann?
Das zweite, größere Problem sind die Bürger, die diese Frage bereits negativ beantwortet haben. 43 Prozent der Wahlberechtigten haben von ihren 20 Stimmen nicht eine abgegeben, die Wahlbeteiligung sank auf 57 Prozent. Dafür mag es viele Gründe geben. Die Beteiligung sinkt in Hamburg seit Jahrzehnten, und es ist gut vorstellbar, dass dieser Trend sich auch ohne das neue Wahlrecht fortgesetzt hätte. Allerdings scheint die sinkende Wahlbeteiligung eine hässliche Besonderheit zu haben: Sie sinkt offenbar am schnellsten in den Wohnquartieren der Hartz-IV-Empfänger, der Immigranten und der Geringgebildeten, unter denen die Lektüre der umfänglichen Gebrauchsanweisung für das neue Wahlrecht vielen schwergefallen sein dürfte.
Steilshoop ist so ein Stadtteil. Hier lag die Wahlbeteiligung vor sieben Jahren noch über 60 Prozent. Bei der letzten Bürgerschaftswahl Anfang 2008 war sie auf 54 Prozent geschrumpft. Diesmal erschien nur noch jeder Dritte zur Stimmabgabe. Die Briefwähler sind da noch nicht mitgezählt, aber es ist schwer vorstellbar, dass sie dieses Bild erheblich ändern werden. Im reichen Blankenese, andererseits, sank die Wahlbeteiligung zwar auch – aber bloß von 72 auf 67 Prozent. Der Anteil der ungültigen Wahlzettel deutet in dieselbe Richtung: 6 Prozent in Steilshoop, 4 Prozent in Blankenese.
Mehr Stimmen – weniger Demokratie? Die meisten gewählten Vertreter der Hamburger haben sich gegen das neue Abstimmungsverfahren lange gewehrt. Eine Mehrheit der Bürger aber wollte es nicht anders. Die Wahlrechtsänderung geht zurück auf einen Volksentscheid. Das hat das Volk nun davon.
- Datum 24.02.2011 - 17:44 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 24.2.2011 Nr. 09
- Kommentare 48
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a) So wie jetzt
b) Das simple Waehlen einer Liste, in diesem Fall entscheidet dann die Partei, wen sie schickt
Dummheit war schon immer der limitierende Faktor von Demokratie. Den Maßstab sollte sie aber nie bilden: Warum den gebildeten Menschen das Recht vorenthalten, mit dem neuen Wahlrecht gezielter abzustimmen? Es gibt schließlich auch kein Recht darauf dumm und ungebildet zu sein. Wenn man jedes Recht streichen müsste nur weil irgendeine Gruppe nicht vernünftig in der Lage ist es wahrzunehmen könnte man gleich eine Diktatur nordkoreanischer Prägung errichten. Wobei vermutlich selbst dort die gebildeteren (Partei-)Eliten sich Vorteile verschaffen. So ist nun mal der Lauf der Dinge, egal im welchem (Rechts-)System wir uns bewegen, wer intelligenter und gebildeter ist wird immer bessere Chancen haben. Die beste Chance der Ungebildeten ist es, ihren Bildungsabstand zu verringern.
Es wird immer Unterschiede im Bildungsniveau geben. Insbesondere in einer Gesellschaftsordnung, in der Bildung für alle keine Selbstverständlichkeit ist. Die soziale Herkunft entscheidet in immer stärkeren Maße über die Bildungschancen. Dazu kommt das mittelalterliche, föderale Bildungssystem. Und das CDU-geprägte Familienbild, durch das von Kindesbeinen an eben nicht für gleichberechtigte Bildungschancen gesorgt wird. Da kann man sich leicht hinstellen und den Stab brechen über die, die vielleicht nur Hauptschulbildung vorzuweisen haben und mit dem offenbar ungeeigneten Wahlsystem nicht zurechtkommen.
Es wird immer Unterschiede im Bildungsniveau geben. Insbesondere in einer Gesellschaftsordnung, in der Bildung für alle keine Selbstverständlichkeit ist. Die soziale Herkunft entscheidet in immer stärkeren Maße über die Bildungschancen. Dazu kommt das mittelalterliche, föderale Bildungssystem. Und das CDU-geprägte Familienbild, durch das von Kindesbeinen an eben nicht für gleichberechtigte Bildungschancen gesorgt wird. Da kann man sich leicht hinstellen und den Stab brechen über die, die vielleicht nur Hauptschulbildung vorzuweisen haben und mit dem offenbar ungeeigneten Wahlsystem nicht zurechtkommen.
Bei den Kommunalwahlen in Rheinland-Pfalz hat man so viele Stimmen, wie Sitze im Gremium zu vergeben sind, in meinem Fall waren das um die 50. Und diese Stimmen kann man kumulieren und panaschieren. Ja, der Stimmzettel ist unübersichtlich (ca. 20 Listen, teilweise mit 50 Kandidaten, teilweise sind die Kandidaten aber auch doppelt und dreifach aufgeführt, weil nicht genug Leute da sind) und riesengroß (etwa DINA3), aber was soll daran schlimm sein, problematisch oder gar undemokratisch? Ich kann mir quer über Listengrenzen hinweg Leute auswählen, ich kann Leute bevorzugen, die hinten auf der Liste stehen, ich kann aber auch, wenn mir das zu kompliziert ist, einfach nur eine Liste wählen. Was will man denn mehr?
dass die Aktiven und wachen Menschen Vorteile haben. Und die ungebildeten Passiven und Schlafmützen Nachteile haben.
Selbstverantwortung heißt nämlich auch den Preis für sein Verhalten zu zahlen.
dass die passiven und ungebildeten ihr Los nicht selbst gewählt haben?
Sie sollten, bevor Sie den Stab über andere brechen, vielleicht kurz innehalten und die Intelligenz, die Sie vorgeben zu haben, auch nutzen. Denken Sie mal darüber nach,
warum es offenbar so viele und immer mehr gibt, deren Bildung mit den heutigen Anforderungen nicht mithalten.
dass die passiven und ungebildeten ihr Los nicht selbst gewählt haben?
Sie sollten, bevor Sie den Stab über andere brechen, vielleicht kurz innehalten und die Intelligenz, die Sie vorgeben zu haben, auch nutzen. Denken Sie mal darüber nach,
warum es offenbar so viele und immer mehr gibt, deren Bildung mit den heutigen Anforderungen nicht mithalten.
ein Zusammenhang bestünde, dann ist das neue Wahlrecht wirklich für die CDU eine Benachteiligung.
Bitte bleiben Sie sachlich. Danke. Die Redaktion/wg
Ich wollte ja schon mitkichern, aber dann fiel mir ein - die meisten FDP-Wähler dürften kein Problem mit dem Zettel haben....
Ich wollte ja schon mitkichern, aber dann fiel mir ein - die meisten FDP-Wähler dürften kein Problem mit dem Zettel haben....
und merkwürdige Verunglimpfungen, die der Autor da vom Stapel lässt. Ist da eine Projektion der eigenen "Unvollkommenheit" Vater des Gedanken?
Fraglich ist doch, ob in einigen Wahlkreisen weniger Leute zur Wahl gegangen sind, weil sie ihrer Meinung nach keine hatten, also keine Besitzstände verteidigen muusten, vom Hartz 4 Drama angewiedert waren? Es ist zu billig, die Wahlbeteiligung als Unfall zu betrachten. Die zynische Schlussfolgerung, das habe das Volk nun davon zeigt nur die demoratiefeindliche Einstellung des Autors.
Grüße
das nennt man Demokratie. Mit dem neuen System in Hamburg sind wir dem einen Schritt näher gekommen. Un dschwierig fand ich es eigentlich nicht! Im Gegenteil- man kreutzt an wen man will, was könnte einfacher sein?
Natürlich müssen jetzt die Kandidaten auf sich aufmerksam machen, und können nicht auf einem Listenplatz die Pöstchenvergabe nach Proporz abwarten. Aber der Demokratische Politiker muss dass eben leisten!
http://www.mopo.de/mopo/h...
für den Link.
Am skurilsten fand ich diesen Satz:
„Aber diese Regelung wurde bereits bei der Bundestagswahl angewandt. Und da gab es deutschlandweit keinen Missbrauchsverdacht.“
Wow, nicht mal ein Verdachte, wenn man mit dem Geburtsdatum und einer gefakten E-Mailadresse Wahlbetrug begehen kann.
für den Link.
Am skurilsten fand ich diesen Satz:
„Aber diese Regelung wurde bereits bei der Bundestagswahl angewandt. Und da gab es deutschlandweit keinen Missbrauchsverdacht.“
Wow, nicht mal ein Verdachte, wenn man mit dem Geburtsdatum und einer gefakten E-Mailadresse Wahlbetrug begehen kann.
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