Flüchtlinge warten auf die Weiterreise an der Grenze von Libyen und Tunesien © Fred Dufour/AFP/Getty Images

Der Deal ist geplatzt. Egal, wer nach Muammar al-Gadhafi in Libyen die Macht übernimmt, egal, wie die Revolutionen in Tunesien und Ägypten enden und wo sie noch bevorstehen: Die alte Geschäftsgrundlage – Europas Geld für Arabiens Diktatoren, ihr Öl, ihre Armeen und ihre Flüchtlingsabwehr – existiert nicht mehr. Die neue Ära wird für Europa teurer, sehr viel teurer. Und damit sind nicht die steigenden Benzinpreise an den Tankstellen gemeint. Es geht um nicht weniger als einen »New Deal« mit den Nachbarn im Süden.

Nicht, dass man das Gefühl hätte, in Brüssel, Berlin, Paris oder Rom sei man sich dessen bewusst. Gut zwei Monate nach Beginn der Jasmin-Revolution in Tunesien und trotz des anschwellenden Erschreckens über Gadhafis Kriegserklärung ans eigene Volk wirkt die EU immer noch, als sehe sie in der arabischen Diktatorendämmerung eine unwillkommene Ruhestörung durch Halbwüchsige im Hinterhof. Dabei bietet sie Europa auch eine riesige Chance.

Revolutionen passen selten in irgendjemandes Terminkalender. Weder die Osteuropäer 1989 noch die Araber 2011 haben bei ihrem politischen Aufbruch Rücksicht auf die westliche Befindlichkeit und Tagesordnung genommen. Aber 1989 lautete die Parole: Unsere Freiheit ist eure Freiheit, von eurem Wohlergehen profitieren auch wir. Genau diesen Geist braucht es auch jetzt.

Irgendwelche Einwände? Osteuropa war uns damals näher als heute der Maghreb? Die EU finanziell und politisch besser beisammen? Stimmt. Ändert aber nichts. Entweder wagt Europa jetzt das große Projekt »Aufbau Süd«, oder es handelt sich tatsächlich eine massive Flüchtlingskrise sowie eine Welle der Feindseligkeit der arabischen Gesellschaften ein. Die erste Option dürfte sich langfristig auch für die EU rechnen. Die zweite erscheint nur auf den ersten Blick billiger.

Fangen wir mit dem Dringenden und Naheliegenden an: humanitäre Hilfe für die Menschen, die nun aus Libyen fliehen . Bei den meisten handelt es sich um Gastarbeiter aus den Nachbarländern Tunesien und Ägypten, die Notversorgung und dann Transportmöglichkeiten nach Hause brauchen. Einige Tausend sind Flüchtlinge aus afrikanischen Kriegsgebieten, die in Libyen gestrandet sind. Sie müssen evakuiert und aufgenommen werden. Und bevor europäische Innenminister gleich wieder »biblische Fluten« beschwören und nach dem Riechfläschchen oder verstärktem Grenzschutz schreien: Es handelt sich hier um ein Gebot der Menschlichkeit. Und um eine vergleichsweise billige Investition in Europas Reputation als Garant von Menschenrechten. Um die ist es derzeit bekanntermaßen schlecht bestellt.

Das reicht natürlich nicht: Die EU wird dem »neuen Süden« Handelserleichterungen für dessen Produkte, Kredite und kurzfristig auch Subventionen für Grundnahrungsmittel bieten müssen, außerdem Direktinvestitionen und Ausbildungshilfen. All das natürlich gekoppelt an Reformen und die Achtung bürgerlicher Rechte, wobei es sich allerdings empfiehlt, auf diesen nicht nur in Kairo oder Tunis, sondern auch in Budapest oder Paris zu insistieren.

Und noch ein Tabuthema muss auf den Tisch: Migration. Einwanderung. Die 5000 tunesischen Migranten, die es im nachrevolutionären Chaos nach Lampedusa geschafft haben , werden nicht die letzten gewesen sein. Inmitten der Wirren der neuen Freiheit haben sie sich das Recht genommen, im Norden nach einer wirtschaftlichen Perspektive zu suchen – wie nach dem Fall der Mauer übrigens auch viele Ostdeutsche im Westen.