Was mag sich Joschka Fischer gedacht haben in diesen Tagen? In seiner Außenministerzeit tauchten plötzlich Fotos auf, auf denen er einen Polizisten verprügelte. Danach machte er falsch, was falsch zu machen war, er leugnete, bagatellisierte, greinte. Und blieb, weil Rot-Grün hinter ihm stand. Denkt er nun, dass Prügeln unter Linken eben nicht ganz so schlimm ist wie Plagiieren unter Rechten?

Was wird in Helmut Kohl vorgegangen sein, der die bürgerlich-konservative FAZ noch hinter sich wusste, als er sich für sein Ehrenwort und gegen das Gesetz entschied? Jetzt polemisierte die Zeitung wie kaum eine andere gegen die größte Zukunftshoffnung des konservativen Lagers, im Namen der bürgerlichen Werte. Lacht er da, der Helmut Kohl, homerisch?

Was wird sich Norbert Röttgen gedacht haben in diesen 14 Tagen des Guttenbergismo? Hat er hektisch in seiner eigenen Dissertation geblättert, um sie dann mit einem Stoßseufzer wieder wegzulegen: Alles in Ordnung!? Ist er froh, einen Konkurrenten um die übernächste Kanzlerschaft los zu sein, oder tut ihm der gefallene Kandidatenkamerad leid?

Empfindet Franz-Josef Jung, KTs grauer Vorgänger, Genugtuung, dass der Mann, in dessen Schatten er selbst verschwunden ist, nun seinerseits verschwindet? Oder stößt es ihm bitter auf, dass noch der strauchelnde Karl-Theodor zu Guttenberg von mehr Menschen geliebt wurde, als Jung je Menschen kannten?

Erstmals seit 1968 sind die Akademiker wieder politisch

Und Thilo Sarrazin? Beschäftigt ihn die Frage, warum die Causa Guttenberg von noch mehr Menschen noch viel heißer diskutiert worden ist als sein Buch ? Spürt er die sarrazinesken Kräfte, die im Streit um Guttenberg auch wirken, die stille Wut auf die stinknormale Politik?

Hat sich Gaston Salvatore, der einst beste Freund von Rudi Dutschke , in seinem fernen, schönen Venedig eine Extraflasche Rotwein genehmigt, um ausgiebig auf die deutschen Akademiker anzustoßen, die zum ersten Mal seit 1968 wieder politisch wurden, in eigener Sache zwar, aber immerhin?

Horst Seehofer sah so übernächtigt aus am Dienstag. Was rauschte ihm bloß durch den Kopf, als er nicht schlafen konnte? Warum außerehelicher Nachwuchs die Menschen weniger aufregt als eine verlogene Doktorarbeit? Oder zehrt an ihm der Widerspruch, den gefährlichsten Konkurrenten zugleich mit seinem besten Zugpferd verloren zu haben? Guttenbergs Abgang hält Seehofer sicher im Amt, aber die CSU unter fünfzig Prozent, lachen oder weinen?

Ja, und Angela Merkel? Nach fünf Jahren nüchterner und, jedenfalls öffentlich, gefühlsarmer Kanzlerschaft, wundert sie sich da etwa noch über die Sehnsucht, ja Gier der Deutschen nach politischer Emotion? Sei es nun in der dunklen Variante, wie bei Sarrazin, sei es in der schillernden, wie bei zu Guttenberg? Weiß sie schon, was sie künftig mit dem Bedürfnis der Union nach Klarheit und Zackigkeit anfangen will?

Schließlich Guttenberg selbst. Vielleicht lebt er derzeit in einer Art unsichtbarem Privatbunker, wo er alles abwehrt, was von außen kommt. Oder fragt er sich schon selbst, was er sich dabei gedacht hat, weiß er schon, was ihn in die fortgesetzte Angeberei trieb? Oder sitzt das ererbte Gefühl vom Sonderrecht des Adels so tief? Denkt er an Rache, an Rückkehr oder an Einkehr?

 

Und Kurt Beck ? Der Mann wurde nicht zuletzt wegen seiner ostentativen Provinzialität aus dem Berliner Politikbetrieb vertrieben, so wie jetzt Guttenberg wegen seiner Abgehobenheit, zwei ungleiche Abweichler. Lächelt Kurt Beck darüber, dass einer wegen einer Doktorarbeit stürzt, während ihm, dem Elektriker, daheim in Rheinland-Pfalz keine Affäre etwas anhaben kann?

Oder Dietmar Bartsch, was schoss ihm durch den Kopf, als er Karl-Theodor zu Guttenberg, nahelegte, sich in den Kopf zu schießen? Bartsch weiß, dass seine Partei wegen all ihrer unbearbeiteten Sünden schwere Neurosen mit sich herumschleppt, kollektive und persönliche – und dann diese Gewaltfantasie, befreit so was, für den Moment?

Man könnte diese Reihe ewig fortsetzen, einfach weil die Affäre Guttenberg das Land in ein moralisch-politisches Spiegelkabinett geführt hat. Die Akademiker verteidigen ihre Ehre – und ihren Dünkel. Journalisten beschimpfen den Mann, den sie eben noch verherrlichten. Und überall wälzen sich die Krokodile, in Tränen aufgelöst.

Gewiss ist nun wenig. Nur dass der Mann vor Jahren schwer gefehlt und nun schwer gepatzt hat. Und dass er eine Lücke hinterlässt, die größer ist als er selbst. Und dass alle, die sich jetzt ganz stark im Recht fühlen, noch einmal ganz kurz nachdenken sollten.

Norbert Lammert, der Bundestagspräsident zum Beispiel. Er hat gesagt, der Nicht-Rücktritt des Ministers sei der letzte »Sargnagel« für das Vertrauen in die Demokratie. Das ist verantwortungsloser Moralismus. Eigentlich müsste ein Parlamentspräsident und damit amtlicher Paradedemokrat sagen, dass kein Einzelfall, auch nicht dieser, das Vertrauen in die Demokratie zerstören kann. Und falsch ist es auch, genauso falsch im Übrigen wie das Gegenteil: Denn auch der Rücktritt gefährdet die Demokratie nicht.

Zu viele Fragen gefährden die Demokratie sowieso nicht. Nur zu viele Antworten.

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