Jung, gebildet und fast mittellos. Armut betrifft inzwischen Schichten, die früher nicht im Traum daran dachten, je davon betroffen zu sein: den Mittelstand. Leistungsträger wie David R., der eigentlich alles richtig gemacht hat. Er studierte Architektur in Wien, schloss mit Bestnoten ab, und sein Abschlussprojekt wird in Kürze in einer Ausstellung präsentiert. Als Student arbeitete er bei Projekten an der Universität und in Architekturbüros mit. Seit zwei Jahren ist er promovierter Diplomingenieur. Doch von dem, was er in seinem Beruf verdient, kommt er nur knapp über die Runden. Der 31-Jährige ist ein working poor .

Kein Sonderfall, wie eine neue Studie aus Wien zeigt: Die Armutsproblematik ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Facharbeiter werden durch schlecht bezahlte Leiharbeiter ersetzt und Akademiker verdingen sich in prekären Anstellungsverhältnissen.

»Armut ist zur Hälfte ein Migrantenproblem, das lässt sich nicht wegleugnen«, sagt der Soziologe Andreas Riesenfelder, der im Auftrag der Stadt Wien die Studie erstellte. »Aber hinzu gekommen ist eine neue Schicht: Akademiker. Und die werden immer mehr.« Waren es früher die Absolventen vereinzelter Orchideenfächer, die oft große Probleme hatten, am Arbeitsmarkt unterzukommen, so sind inzwischen auch andere betroffen: Juristen, Betriebswirte, Biologen. Niemand ist mehr davor gefeit, sich in prekären Anstellungsverhältnissen verdingen zu müssen und als freier Dienstnehmer oder in der Scheinselbstständigkeit zu wenig zu verdienen, um über die Runden zu kommen. Acht Prozent aller working poor in Österreich, die Sozialhilfe beziehen, haben einen Lehrabschluss, 14 Prozent sind Akademiker.

Schon eine defekte Therme kann in den finanziellen Abgrund führen

So wie David R., der im vergangenen Jahr nur Arbeit für sechs Monate fand. »Wenn ich arbeite, verdiene ich nicht schlecht. Auf das ganze Jahr verteilt, bleiben mir monatlich rund tausend Euro«, erzählt er. Nach Abzug von Versicherung und Steuern, fällt er weit unter die Armutsgrenze von 991 Euro. An den Aufbau einer Zukunft ist nicht zu denken. »Ich sehe keine Linie, wo das hinführen soll. Ich bin 31 und stehe noch am Anfang«, sagt er. Seine Wohnung kann er sich nur leisten, weil er den Mietvertrag von seiner Großmutter geerbt hat. Eine hartnäckige Krankheit würde ihn zur Mittellosigkeit verdammen.

Seit einigen Jahren hätten sich bestimmte Segmente des Arbeitsmarktes völlig verändert, sagt Martin Schenk von der Diakonie Österreich. Die Zahl der Personen, die durch Scheinselbstständigkeit oder Leiharbeit in einem ständigen Prekariat gefangen sind, nimmt laufend zu. Ihre Zukunftsperspektiven sind trübe: Während jeder Schweizer im Schnitt 400 Euro monatlich sparen kann, sind es in Österreich nur knapp über hundert Euro. Schon eine defekte Heizungstherme hat oft verheerende finanzielle Folgen. »Betroffen sind davon einerseits Beschäftigte im Niedriglohnsektor, etwa im Handel, und Leute mit sehr guter Ausbildung«, sagt Schenk. Seit 2004 beobachtet er, dass ganze Familien in Sozialeinrichtungen kommen, um dort gratis ihren Hunger zu stillen. Das habe es zuvor nicht gegeben. »Früher war klar, wer gute Ausbildung, einen Lehr- oder Universitätsabschluss hat, war vor Erwerbsarmut relativ sicher. Heute ist das kein Garant mehr für ein komfortables Einkommen.«

Eine Standesvertretung für prekär Beschäftigte fehlt

Seine hohe Ausbildung war für Philipp G. nicht selten sogar ein Hindernis. Zwei Hochschulabschlüsse hat der 32-Jährige: einen Doktor in Philosophie und einen Master in Mediation. Während der Ausbildung veröffentlichte er wissenschaftliche Aufsätze und Bücher. In den vergangenen zwei Jahren schickte er über 170 Bewerbungen an Universitäten und Forschungseinrichtungen. Später sanken die Ansprüche. »Ich habe mich dann für alles beworben, vom Sekretär bis zum Kellner. Den einen oder anderen Titel habe ich auf dem Lebenslauf weggelassen. Die glauben sonst, ich würde gleich wieder kündigen, wenn ich etwas Besseres finde – was auch stimmt«, erzählt er.

Eineinhalb Jahre stand er hinter der Theke einer Kaffeehauskette, um seine wissenschaftliche Forschung finanzieren zu können. Er arbeitete an Projekten, die meist schlecht, manchmal auch unbezahlt waren. Inzwischen ist er selbstständig und bietet Kommunikationstraining und Mediationen an. Leben kann er davon nicht. Nebenbei programmiert er Internetseiten. »Aber wenigstens arbeite ich in dem Beruf, in dem ich ausgebildet wurde.«

Eine »schleichende Atypisierung« der Erwerbsarbeit beobachtet Andreas Riesenfelder seit Mitte der 1990er Jahre: »Die Gewerkschaften haben das nur zögerlich aufgegriffen, sahen etwa Leiharbeiter sogar als Konkurrenten. Für die fehlt bis heute eine Standesvertretung. Doch diese atypischen Beschäftigten müssen geschützt werden, sonst zerbröselt irgendwann die Gesellschaft. Die Armutsproblematik an den Rändern kann auch allen anderen schaden.« Gerade wenn es darum gehe, eine Zukunft aufzubauen, eine Familie zu gründen oder die eigene Karriere voranzubringen, wechseln viele in vermeintlich sichere Berufe, lassen das, wofür sie ausgebildet worden sind, hinter sich und müssen noch einmal von vorne anfangen.

Auch Daniel R. hat sich schon oft überlegt, den Beruf zu wechseln, doch in welche Richtung, das weiß er nicht. »Architektur ist scheiße, aber es ist das Beste, was ich mir vorstellen kann. Ich habe das studiert, ich bin dafür ausgebildet. Aber wenn ich etwas anderes finde, dann bin ich weg.«