Warum machen sie das? Millionen junge Araber setzen ihr Leben aufs Spiel. Sie laufen ungerührt in Panzerkolonnen. Sie lassen sich von Milizen niederschießen. Sie übernachten auf zentralen Plätzen vor den Gewehrläufen der Staatspolizei. Was macht sie so mutig? Eine historische Ahnung. In diesen Aufständen können sie vielleicht erreichen, was ihren Vätern, Großvätern und Urgroßvätern versagt blieb: die eigene Zukunft selbst zu gestalten. Die jungen Leute, die mit nicht mehr als einem T-Shirt in den Straßenkampf gehen, wären die ersten Araber seit Jahrhunderten, denen das gelänge.

Die neuere Geschichte der arabischen Welt ist eine Chronik der Enttäuschung, der Entmündigung, der gebrochenen Versprechen. Die Väter kämpften für mehr Freiheit, sie warfen sich vor Bajonette, Säbel und Kanonen. Sie starben und scheiterten. Die Mitte der Welt, in der die Araber leben, wurde über Jahrhunderte von außen oder von oben gelenkt, bestimmt, geteilt. Zuerst herrschten die türkischen Osmanen, die Sultane in Konstantinopel und die Beamten und Soldaten in ihrem Vielvölkerreich. Dann kamen die europäischen Kolonialmächte, und schließlich waren es die eigenen arabischen Herrscher, die ihre Völker jeglicher Mitsprache beraubten. Diese feste Ordnung gerät heute ins Wanken. Wie ist sie entstanden?

Es war eine reiche, zerrissene Welt, die die Osmanen vor fünfhundert Jahren eroberten. Nicht lange nach der Einnahme Konstantinopels 1453 ritten die osmanischen Heere die fruchtbaren Flussläufe von Nil und Jordan, Litani und Orontes, von Euphrat und Tigris ab. Sie entmachteten die verkrustete Soldatenherrschaft der Mamelucken in Ägypten und Syrien. Unterwarfen die Beduinenstämme in den Wüsten Nordafrikas. Dann entsandten die Osmanen Militärgouverneure, Beamte und Richter, um uhrwerksgleich ihre Herrschaft auszudehnen. Bei Widerstand sorgten die Eliteregimenter der Janitscharen für Ordnung, im Gefolge trieben bewaffnete Beamte die Abgaben ein. Agrarsteuern in den fruchtbaren Ebenen Syriens und des Zweistromlandes. Handelssteuern in den Basaren von Kairo und Aleppo. Auf Hinterziehung reagierten die Herrscher mit Strafexpeditionen.

Das Zentrum von Militär und Macht war Konstantinopel. Hier lag zugleich der geistige und wirtschaftliche Mittelpunkt des Riesenreiches. Die Araber, die noch mit der Überzeugung lebten, im Zentrum der Zivilisationen der Welt zu stehen, mussten sich damit abfinden, in der Peripherie zu leben, osmanische Provinz zu sein, nach den Vorschriften einer fremden Dynastie zu leben. Die Osmanen versprachen keine "Freiheit". Aber sie ließen den Arabern ein Eigenleben, das der Vielfalt von Religionen, Völkern und Stämmen entsprach. Die Interessen von Beduinen, Bauern und Städtern wussten die Osmanen auszutarieren. Christen, Muslime, Juden, Drusen lebten ihre Religion weitgehend unbehelligt aus – fern vom Zentrum. Als der Zugriff der Osmanen erlahmte, wuchs der Hunger anderer Großmächte.

Wie ein Paukenschlag hallte die Landung von Napoleon Bonaparte bei Alexandria durch die arabische Welt. Auf dem Flaggschiff L’Orient war der französische General 1798 in die Levante vorgestoßen. Er schlug das ägyptisch-osmanische Heer bei den Pyramiden, ließ sich als Sultan feiern, gab den Islam-Versteher. Er versprach Freiheit, Moderne und eine neue, gute Ordnung. Es kam anders als versprochen. Das effektive Steuersystem und die Heerscharen von leichten Mädchen im Tross der französischen Soldaten machten Bonaparte recht unbeliebt bei den Ägyptern. Die Modernisierer fanden keinen Draht zur Bevölkerung, erregten Aufsehen durch Saufgelage. Bald wurde klar: Der Korse hatte den Mund zu voll genommen, niemand trauerte ihm nach seiner klammheimlichen Flucht aus Ägypten nach.

Hier schien das Muster der westlichen Kolonisatoren auf, die von einer hellen Zukunft kündeten und eine blutige oder zumindest bedrückende Gegenwart brachten. Sie errichteten eine Ordnung nach ihrer Fasson und nicht nach arabischen Traditionen. Sie sahen den Nahen Osten durch das Brennglas ihrer Interessen im europäischen Machtkampf. Napoléon musste sich am Ende von Britannien vertreiben lassen, der wahren europäischen Weltmacht im 19. Jahrhundert. Doch es sollte noch einhundert Jahre dauern, bis das Empire seine große Chance im Nahen Osten bekam.

Die Briten wollten in Mekka ein muslimisches Papsttum errichten

Im Ersten Weltkrieg machten die Briten den Arabern ein großes Versprechen. Wenn sie sich gegen die Osmanen erhöben, würden ihnen Freiheit und Selbstbestimmung winken. Viele Araber glaubten ihnen. Niemand verkörperte diese Verheißung so sehr wie Lawrence von Arabien, jener Literat und Wüstenfeldherr, der mit arabischen Fußtruppen und Kamelreitern den osmanischen Heeren zu schaffen machte. Er bündelte die Interessen von britischen und arabischen Nationalisten, von Kolonialherren und Freiheitskämpfern. Sie sprengten die Gleise der von Deutschen und Türken verlegten Hedschasbahn. In einem Guerillakrieg kehrten sie die Reste des Osmanischen Reiches auf der arabischen Halbinsel zusammen. Die Araber schöpften Hoffnung – an der Front.