Analphabetismus Buchstäblich resigniert

Mehr als sieben Millionen Deutsche können kaum lesen und schreiben. Erst jetzt hat die Politik das Problem der funktionalen Analphabeten erkannt.

Er bestellt Mineralwasser, nur Mineralwasser. Das gibt es in jedem Restaurant, da kann man nichts falsch machen. Ob er nichts essen will, fragt die Bedienung. Sie hat die Speisekarte vor ihm offen auf den Tisch gelegt. Reinhardt Brodrück blinzelt durch die dicken Brillengläser und zögert. Dann schüttelt er den Kopf. »Nee, keinen Hunger.«

Vielleicht könnte er die Karte lesen. Wenn er sich Zeit nähme und kein Fremder danebenstünde. Doch jetzt fühlt er sich beobachtet, und wie immer zerfließen die Striche und Punkte auf dem Papier dann zu Brei und weigern sich, ihren Sinn freizugeben. Daher: lieber Wasser.

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Brodrück – 50 Jahre, geschieden, Küchenhilfe in einer Bremer Großkantine – kämpft mit den Buchstaben, solange er denken kann. Wo andere eine Information erkennen, sieht er ein Zeichenchaos. »Doofer Reinhardt«, haben ihn seine Brüder früher gerufen, »Reinhardt, der Behinderte« seine Mitschüler. Damals dachte er noch, er sei der Einzige in der Welt der Buchstaben, der diese nicht versteht. Doch seit er vor ein paar Jahren begonnen hat, noch einmal ganz von vorn lesen und schreiben zu lernen, weiß er: »Solche wie mich gibt es überall.«

Sie lesen keine SMS, keine E-Mails, und vor jedem Formular resignieren sie

Seit Montag dieser Woche besteht daran kein Zweifel mehr. Da wurde in Berlin die erste empirische Studie zum Analphabetismus in Deutschland vorgestellt. Die Ergebnisse, welche die Erziehungswissenschaftlerin Anke Grotlüschen im Auftrag des Bundesbildungsministeriums präsentierte, lassen die Rede von der »Bildungsrepublik« hohl klingen. Danach leben in Deutschland mindestens 7,5 Millionen funktionale Analphabeten – Menschen, die aufgrund ihrer starken Lese- und Schreibschwächen nur schwer Arbeit finden und kaum am gesellschaftlichen Leben teilnehmen können. Das sind 14 Prozent der Deutschen zwischen 18 und 65 Jahren, und mehr als doppelt so viele wie bislang vermutet. Nun kündigen Bund und Länder einen »Grundbildungspakt« an. Den aber hätten sie längst schließen müssen. 80.000 Jugendliche verlassen jährlich die Schule ohne Abschluss. Bereits 2001 fand die erste Pisa-Studie heraus, dass 23 Prozent der 15-Jährigen zusammenhängende Texte kaum verstehen können.

Für die Erkenntnis, dass Deutschland ein enormes Grundbildungsproblem hat, hätte ein Anruf bei einer Fahrschule gereicht. Seit Jahren können sich dort Prüflinge den theoretischen Test vorlesen lassen und anschließend die Fragen mündlich beantworten. Viele machen davon Gebrauch – ohne dass dies jemanden alarmiert hätte. Stets hieß es: Analphabeten gibt es fast keine in Deutschland; wir haben doch Schulpflicht.

Die jüngsten, hohen Zahlen sind sogar noch »konservativ gerechnet«, versichert Grotlüschen, die an der Universität Hamburg Erwachsenenbildung lehrt. Minderjährige und Rentner hat die Studie nicht gezählt. Ebenso erfasst sie nur jene Migranten, die Deutsch sprechen (sie machen 41Prozent der Leseunkundigen aus).

Bei ihrer Suche nach funktionalen Analphabeten gingen die Tester geschickt vor. Einen Brief konnten sie nicht schicken, und ein Anruf – »Sind Sie Analphabet?« – wäre sinnlos gewesen. Also klingelten sie bei möglichen Probanden ohne Ankündigung an der Tür und gaben vor, eine Umfrage zur Weiterbildung zu machen. Erst am Ende präsentierten sie »noch ein paar kleine Aufgaben«.

Leser-Kommentare
    • joG
    • 02.03.2011 um 12:42 Uhr

    ...deutschsprachigen Kindern das Lesen beizubringen, sollte man sich fragen, wieso die Politiker meinen, sie würden türkischen Kindern helfen können. Vermutlich wissen Bürokratie und Politiker ob dieses verheerenden Defizits schon lange und haben es verschwiegen, weil es das Bildungssystem grundlegend in Frage stellt und alle Politiker in irgendeiner Form bereits involviert waren. Zumindest stützten sie das System durch ihre Stimmen in Parteien und Parlamenten.

  1. ...ich wage mal die düstere prognose, dass auch hunderttausend neue lehrer nicht das werden reparieren können, was 25 jahre privatfernsehen kaputtgemacht haben.

    vor allem dann nicht, wenn in dem heutigen politischen system probleme nur diskutiert, nicht aber gelöst werden.

  2. Gut gesagt! Aber es ist nicht nur das Privatfernsehen, welches soviel kaputt gemacht hat, sondern auch die vom Establishment gesteuerten Systemmedien.

    Ganz nach Kant's Kategorischen Imperativs, sollte unsere Politik funktionieren und nicht umgekehrt, wie dieser Kurzfilm wunderbar aufzeigt: http://nuoviso.tv/nuoviso...

    Analphabetismus ist übrigens nicht ungewollt. Desto schlechter die Bildung, desto weniger gut kann sich diese Bevölkerungsschicht wehren.

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  3. die Schule zu schaffen, ohne lesen zu können.
    Selbst wenn man sich ums Vorlesen drücken kann, muss man doch Klassenarbeiten schreiben!
    Wenn ich in Mathe die Aufgabe nicht lesen kann, kann ich sie nicht lösen.
    Wie kann das einem Lehrer nicht auffallen?

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  4. Im Artikel heißt es, dass deutsche Schulsystem habe "allen Bürgern das Existenzminimum an Bildung zu vermitteln". Schön und gut auf der einen Seite. "Bürger" ist jedoch nicht ganz richtig, denn das Schulsystem ist für Kinder und Jugendliche verantwortlich.

    Bei Erwachsenen steht doch zunächst einmal der eigene Wille. Vermutlich ist es schwer Analphabetismus zuzugeben. Dennoch hält sich mein Verständnis für fünfzigjährige Analphabeten in ziemlich engen Grenzen. Selbst für einen Fall, in dem das Schulsystem vollends versagt hat. Das sind mehr als drei Jahrzehnte, in denen der oder die Betroffene keine ernst zu nehmende Notwendigkeit verspürt hat, an dem Zustand etwas zu ändern. Der Staat kann sich doch nicht um alles kümmern.

    "Dazu bräuchte es eine Ermutigungskampagne und mehr Kurse – wofür Länder und Kommunen zuständig wären." Dem stimme ich - trotz meines fehlenden Verständnisses für Analphabeten - soweit zu, die Kosten die der Gesellschaft durch Analphabetismus entstehen könnten leicht höher werden als die Kosten ihn einzudämmen. Nur sehe ich insbesondere in Bezug auf die Verwendung von Finanzmitteln den Vordergrund beim Verhindern von Analphabetismus.

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    • dth
    • 02.03.2011 um 17:05 Uhr

    Ein Stück weit haben Sie sicher recht. Allerdings muss es dafür auch Angebote geben, und die wie diese Angebote genutzt werden können, muss auch irgendwie so kommuniziert werden, dass die Betroffenen davon erfahren. Herr Brodrück arbeitet ja daran, ordentlich lesen und schreiben zu lernen.
    Wenn jemand durch das Schulsystem gegangen ist, ohne dass sich je jemand darum bemüht hat, dass er lesen und schreiben lernt, dann hat ist der Staat ja auch seiner Verantwortung nicht gerecht geworden. Da hat er schon eine gewisse Pflicht, dies zumindest auszugleichen, indem er entsprechende Angebote schafft.
    Abgesehen davon gilt die Fürsorgepflicht des Staates auch für Erwachsene, wenn auch in geringerem Umfang.
    Zu guter letzt: Wer nicht einmal ordentlich lesen kann, ist als Bürger für die Demokratie praktisch verloren. Es ist im Interesse der Gesellschaft, da etwas zu tun.

    • Ranjit
    • 02.03.2011 um 18:59 Uhr

    " Das sind mehr als drei Jahrzehnte, in denen der oder die Betroffene keine ernst zu nehmende Notwendigkeit verspürt hat, an dem Zustand etwas zu ändern. Der Staat kann sich doch nicht um alles kümmern."

    Sie unterschätzen die Psychologie des Versagens.
    Eine der zentralen Voraussetzungen für die Motivation etwas anzugehen ist die Überzeugung das Angestrebte auch erreichen zu können.

    Diese Selbstwirksamkeitserwartung ist aber, wie alles psychische, subjektiv. Eine einmal grundlegend zerrüttete Selbstwirksamkeitserwartung ist manchmal schwer wieder herzustellen. Sie verstärkt sich selbst, im positiven wie im negativen. Ist man einmal der Überzeugung etwas nicht von sich aus schaffen zu können ist jedes Versagen Bestätigung, jeder Erfolg aber nur Zufall, etwas externes. Und nach Jahren, Jahrzehnten mit solch einer Erfahrung ist die bloße Vorstellung, dass es vielleicht doch möglich ist schwer erträglich. All die verschwendeten Jahre! Unser Hirn neigt dazu derartiges auszublenden.

    Natürlich gibt es manchmal Schlüsselerlebnisse, die einen solchen Kreis brechen. Und natürlich gibt es auch den steinigen Weg der Selbstdisziplin. Aber nicht jeder kann, wirklich kann, sich selbst helfen. Wenn wir die Schwelle der Überwindung verringern, wenn wir Analphabeten zeigen, das es überwindbar ist, dass es überwunden wurde, von vielen, dann können wir mehr und mehr Personen helfen den Kreis zu brechen.

    • dth
    • 02.03.2011 um 17:05 Uhr

    Ein Stück weit haben Sie sicher recht. Allerdings muss es dafür auch Angebote geben, und die wie diese Angebote genutzt werden können, muss auch irgendwie so kommuniziert werden, dass die Betroffenen davon erfahren. Herr Brodrück arbeitet ja daran, ordentlich lesen und schreiben zu lernen.
    Wenn jemand durch das Schulsystem gegangen ist, ohne dass sich je jemand darum bemüht hat, dass er lesen und schreiben lernt, dann hat ist der Staat ja auch seiner Verantwortung nicht gerecht geworden. Da hat er schon eine gewisse Pflicht, dies zumindest auszugleichen, indem er entsprechende Angebote schafft.
    Abgesehen davon gilt die Fürsorgepflicht des Staates auch für Erwachsene, wenn auch in geringerem Umfang.
    Zu guter letzt: Wer nicht einmal ordentlich lesen kann, ist als Bürger für die Demokratie praktisch verloren. Es ist im Interesse der Gesellschaft, da etwas zu tun.

    • Ranjit
    • 02.03.2011 um 18:59 Uhr

    " Das sind mehr als drei Jahrzehnte, in denen der oder die Betroffene keine ernst zu nehmende Notwendigkeit verspürt hat, an dem Zustand etwas zu ändern. Der Staat kann sich doch nicht um alles kümmern."

    Sie unterschätzen die Psychologie des Versagens.
    Eine der zentralen Voraussetzungen für die Motivation etwas anzugehen ist die Überzeugung das Angestrebte auch erreichen zu können.

    Diese Selbstwirksamkeitserwartung ist aber, wie alles psychische, subjektiv. Eine einmal grundlegend zerrüttete Selbstwirksamkeitserwartung ist manchmal schwer wieder herzustellen. Sie verstärkt sich selbst, im positiven wie im negativen. Ist man einmal der Überzeugung etwas nicht von sich aus schaffen zu können ist jedes Versagen Bestätigung, jeder Erfolg aber nur Zufall, etwas externes. Und nach Jahren, Jahrzehnten mit solch einer Erfahrung ist die bloße Vorstellung, dass es vielleicht doch möglich ist schwer erträglich. All die verschwendeten Jahre! Unser Hirn neigt dazu derartiges auszublenden.

    Natürlich gibt es manchmal Schlüsselerlebnisse, die einen solchen Kreis brechen. Und natürlich gibt es auch den steinigen Weg der Selbstdisziplin. Aber nicht jeder kann, wirklich kann, sich selbst helfen. Wenn wir die Schwelle der Überwindung verringern, wenn wir Analphabeten zeigen, das es überwindbar ist, dass es überwunden wurde, von vielen, dann können wir mehr und mehr Personen helfen den Kreis zu brechen.

    • dth
    • 02.03.2011 um 17:05 Uhr

    Ein Stück weit haben Sie sicher recht. Allerdings muss es dafür auch Angebote geben, und die wie diese Angebote genutzt werden können, muss auch irgendwie so kommuniziert werden, dass die Betroffenen davon erfahren. Herr Brodrück arbeitet ja daran, ordentlich lesen und schreiben zu lernen.
    Wenn jemand durch das Schulsystem gegangen ist, ohne dass sich je jemand darum bemüht hat, dass er lesen und schreiben lernt, dann hat ist der Staat ja auch seiner Verantwortung nicht gerecht geworden. Da hat er schon eine gewisse Pflicht, dies zumindest auszugleichen, indem er entsprechende Angebote schafft.
    Abgesehen davon gilt die Fürsorgepflicht des Staates auch für Erwachsene, wenn auch in geringerem Umfang.
    Zu guter letzt: Wer nicht einmal ordentlich lesen kann, ist als Bürger für die Demokratie praktisch verloren. Es ist im Interesse der Gesellschaft, da etwas zu tun.

    Antwort auf "Die Schuldfrage"
    • yzzuf
    • 02.03.2011 um 18:53 Uhr

    "Analphabetismus ist übrigens nicht ungewollt. Desto schlechter die Bildung, desto weniger gut kann sich diese Bevölkerungsschicht wehren." schreibt pergynt und er/sie hat Recht!

    Dass es in Deutschland so viel "Analphabeten" gibt ist seit Jahrzehnten bekannt. Insbesondere bei den Kursen für Arbeitssuchende fiel das auf - schon vor 30 Jahren - leider haben alle Schreiben und Eingaben von vielen!! Ausbildern nach erst Bonn/dann Berlin/und Nürnberg nichts genutzt. Deutsch für Deutsche? Brauchen wir nicht!

    Diese Menschen können sich nur informieren in BILD, in der BUNTEn und im Fernsehen. Deshalb gab/gibt es auch die große Zustimmung zu Herrn zu Guttenberg.

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