Bodybuilder bei einem Wettbewerb in Thailand © Bryn Lennon/Getty Images

Die Probezeit endete mit einem Knall: Der mittlere Manager musste seinen Hut nehmen. Derselbe Autozulieferer, der ihn aus seiner alten Firma abgeworben hatte, gab ihm nun den Laufpass. Begründung: »Sie passen nicht zu unserer Kultur!«

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Worüber war der Manager gestolpert? Ausgerechnet über jene Eigenschaft, die er als seine größte Stärke sah: sein Durchsetzungsvermögen.

Projekte gegen Widerstand durchzuboxen, Meinungen zu drehen, Märkte umzukrempeln und Konkurrenten zu übertrumpfen, das war ihm im Laufe seiner Karriere mehrfach gelungen. Er war ein Draufgänger, eine Kämpfernatur, ein Überzeugungstäter.

Seine letzten Firmen, zwei Autokonzerne, hatten ihn für diese Rambo-Mentalität befördert. Bei seinem neuen Arbeitgeber, einem mittelständischen Zulieferer, warf er sich daher wie gewohnt in die Schlacht. Es wurde eine Probezeit mit Power. Mit sehr viel Power. Er hörte nicht hin, sondern kommandierte . Schob eigenmächtig Projekte an, überschritt seinen Handlungsrahmen, brandmarkte die Bedenken anderer schnell als Hasenfüßigkeit.

Die Kollegen rebellierten. Zwei kritische Mitarbeitergespräche , in denen sein Chef »mehr Diplomatie« anmahnte, liefen ins Leere.

Mit den Stärken eines Menschen verhält es sich wie mit einer Medizin: Ob sie als Heilmittel taugen oder zu einem Gift werden, hängt allein von der Dosis ab. Gerade die dribbelstärksten Fußballstürmer neigen dazu, am Ende einen Haken zu viel zu schlagen – anstatt den Ball einfach ins Tor zu schieben.

Jede Stärke, die man übertreibt, wird zur Schwäche. Viele Machtmenschen, sagt Hermann Hesse, gehen an der Macht zugrunde. Wer es mit der Diplomatie übertreibt, verkommt zum Weichei. Wer zu kontaktfreudig ist, endet als »Schwätzer«. Und ein »brillanter Rechner«, der allzu viel rechnet, wird als »herzloser Zahlenanbeter« abgeschrieben – erst recht in einem neuen Umfeld, wo andere Werte gelten.

Welches sind Ihre Stärken? In welcher Dosis dienen sie Ihrer Aufgabe? In welchen Situationen können Sie damit auftrumpfen? Und wann schlagen dieselben Stärken – aus der Sicht anderer – in Schwächen um?

Solche Fragen hätte der Automanager sich stellen müssen und sein Durchsetzungsvermögen danach dosieren. Dann wäre er vorwärtsgekommen – und nicht unter die Räder seiner eigenen Stärke.