Ich bin der dezidierten Meinung, dass die Frage nach dem Wesen der Schweiz so unfruchtbar ist wie jene nach ihrer Natur. Der Schweiz wird man nur gerecht, wenn man sie als Prozess, als Produkt von Debatten, als Entwurf versteht. Bei Brecht gibt es dazu eine Ultrakurzgeschichte, an die ich mich in diesem Zusammenhang gern erinnere. »Was tun Sie«, wurde Herr K. gefragt, »wenn Sie einen Menschen lieben?« – »Ich mache einen Entwurf von ihm«, sagte Herr K., »und sorge, dass er ihm ähnlich wird.« – »Wer? Der Entwurf?« – »Nein«, sagte Herr K., »der Mensch.«

Man soll dafür sorgen, dass sich die Verhältnisse dem Entwurf, der seinerseits immer revidiert werden kann, anpassen. Für die hier anstehende Beantwortung der doppelten Frage, ob die Zukunft eine Schweiz und die Schweiz eine Zukunft hat, ist der Projektcharakter der Schweiz also ein besonders guter Ausgangspunkt, weil auch die Zukunft immer das Produkt von gegenwärtigen Entwürfen und Einschätzungen, Projekten und Debatten ist.

Es gäbe drei Prozeduren, die uns da weiterbringen könnten. Als Erstes brauchen wir eine schonungslose Gegenwartsanalyse. Es hat keinen Sinn, die bisherigen Entwürfe der Schweiz aus Gründen der Nostalgie oder auch nur des Respekts vor der Vergangenheit perpetuieren zu wollen. Sie waren, wenn sie erfolgreich waren, in der ihnen zustehenden Zeit richtig und erfolgreich. Wo das nicht der Fall war, erübrigt sich auch die Nostalgie. Gewiss braucht es keine Selbstzerfleischung in dieser Analyse, und es braucht keine Abrechnungen. Jedoch sollte alles auf den Tisch gelegt werden, was die Nöte der Gegenwart und die Unsicherheit gegenüber der Zukunft beinhaltet. Manches, was die gegenwärtigen Schwierigkeiten ausmacht, ist auch schon einmal da gewesen, anderes ist erst in jüngster Vergangenheit entstanden. Der Verlust des Vertrauens in die Gestaltbarkeit der Verhältnisse etwa ist aus anderen Krisenzeiten bekannt und ist wohl immer gekoppelt an einen Verlust des Vertrauens in die Beurteilbarkeit der Verhältnisse. Beides führt zur Delegation von Verantwortung und zur Immobilität. Neu sind die Folgen, welche dieser doppelte Vertrauensverlust hat. Er führt zu einer steigenden Bedeutung von Prothesen, welche den scheinbaren Verlust an Beurteilbarkeit und Gestaltbarkeit kompensieren sollen. Bei den Medien sind dies Einschaltquoten, in der Politik die Umfrageergebnisse, an den Hochschulen die Rankings und in der Forschung die Indizes, welche den impact von Publikationen anhand der Häufigkeit messen wollen, mit der diese zitiert werden. Nicht mehr neu, aber historisch besonders auffällig ist die Konjunktur, welche das politische Geschäft mit der Angst seit Anfang der 1990er Jahre hat, ein Geschäft, das Umfragewerte und Einschaltquoten fast ausschließlich im populistischen Sektor in die Höhe treibt.

Wie man den großen Ballast des Populismus abwerfen könnte

Zu einer sorgfältigen Gegenwartsanalyse gehört schließlich auch, jene erfolgreichen Strukturbereinigungen der jüngeren Vergangenheit, die sich bewährt haben, nicht durch einen unnötigen Reformeifer in eine übertriebene Differenzierung hineinzutreiben. Die Strukturbereinigung der Wirtschaft in den 1990er Jahren ist Rezepten der Deregulierung und der Flexibilisierung gefolgt, die zwei Jahrzehnte später nicht mehr notwendigerweise gleich erfolgreich oder gleich sinnvoll sein müssen.

Zweitens müssen wir uns mit der Frage nach dem Entsorgungsbedarf historischer Ballaststoffe beschäftigen. Was hat offensichtlich ausgedient, und was könnte nun an seine Stelle treten? In vielen Bereichen sind wir an den Grenzen der Leistungsfähigkeit angelangt. Auf bundesstaatlicher Ebene zeichnen sich solche Grenzen beim Milizsystem ab, und man muss sich fragen, wie eine Professionalisierung des politischen Personals erreicht werden kann, die nicht zur Bildung einer Politikerkaste führt. Dass die Gemeindeautonomie unter dem Druck zunehmender Aufgaben an die Grenzen der Leistungsfähigkeit stößt, ist ebenfalls kein Geheimnis. Die Tendenz zur Fusion von Gemeinden zeigt an, in welche Richtung sich die lokale politische und administrative Landschaft der Schweiz verschieben könnte.