Es soll Leute geben, die Schneeglöckchen für niedlich halten, etwas aus der Gattung O wie süß , von der Sorte 'Kindheitserinnerung', harmlos und schlicht. Solche Leute müssen einfach mal nach Colesbourne Park. Die Gärten von Colesbourne liegen im schönsten England, zwischen Gloucester und Cheltenham, im Herzen der Cotswolds, in einer Dünung aus moosgrünen Hängen und Dörfern aus sanftgelbem Stein. Die Straße windet sich entlang einem Flusslauf, das ist der Churn. Ein Herrenhaus blitzt auf, die Straße biegt ab. Ist jetzt nur noch ein Weg. Man sieht rechts die ersten weißen Blütentuffs. Schneeglöckchen. Englisch: snowdrop. Lateinisch: Galanthus . Zwiebelgewächs, Familie der Amarylidaceae.

Das ideale Prozedere wäre: Parken auf dem Feld links. Aussteigen und auf die Allee aus Ahornbäumen zuschlendern, die über die Hügel heran gewandert kommt und in Richtung Garten führt. Man geht zwischen noch kahlen, hohen Bäumen, geht weiter, und da sind sie. Weiße Felder. Man sieht irgendwo Giebel eines Hauses, auch den Zipfel eines Kirchturms, vor allem aber sieht man Abertausende von Blüten, über einen Hang unter Bäumen ausgebreitet und darüber hinaus, Schneeglöckchen wie Schnee, einen Exzess von Blüten, eine Decke aus Blumen.

Der Wind fährt über den Hang, es rauscht in den Bäumen, und unter ihnen huschelt und wuschelt es, die Glöckchen strudeln an ihren haarfeinen Stielen, dann steht alles still. Bis zum nächsten Windstoß, der einen mit scharfem Glücksgefühl durchfährt. Und mit noch etwas Glück mehr kann man einen großen alten Mann sehen, wie er in seinen Schneeglöckchen steht, umgeben von einer Gruppe Adoranten. Das wäre dann Sir Henry.

Sir Henry steht sehr aufrecht. Brust raus unter dem Tweed, den faltigen Hals ausgefahren, den Kopf mit der weißen Mähne nach hinten gereckt, die Nase ragt wie ein Bug aus dem Gesicht. Der rechte Arm ist ausgestreckt und hat einen Prügel aus knorrigem Holz auf dem Boden aufgesetzt. Sir Henry mimt ein Schneeglöckchen. Nicht irgendeins, sondern Galanthus 'Lord Lieutenant', das liegt Sir Henry besonders am Herzen. Es erinnert ihn und uns daran, dass er bis zum Dezember letzten Jahres als Lord Lieutenant gedient hat, als Vertreter Ihrer Majestät der Königin in Gloucestershire. Was man da macht? »Quite a lot. Würde man nicht denken, oder?« Jetzt ist er ein Knight , ein Ritter im Ruhestand, und hat Zeit für das Eigentliche. Snowdrops. Und ihre Liebhaber, die von Galanthophilie heillos Ergriffenen.

Am letzten Samstag kamen 1400 Menschen. Es ist eine Epidemie. Glöckcheninfektion! Colesbourne ist an fünf Wochenenden geöffnet und neuerdings auch dazwischen für Kleingruppen, hochspezialisierte Fans aus Japan, aus den Niederlanden oder aus Deutschland. Unser Bus darf bis auf den Hof fahren, knirschend hält er im Kies zwischen einem zweistöckigen Wohnhaus von schlichter Eleganz und etwas, was wie ein Ensemble alter Stallungen aussieht. Darin ist ein Raum hergerichtet. An den Wänden hängen Familienporträts, Männer mit Perücke, die ihre Hand galant auf ihren Schärpen ablegen, Damen in hellblauen Seidenroben beäugen die Fremden. Es empfangen: Sir Henry Elwes und Lady Carolyn.

»Falls mein Mann Ihnen später erzählt, Schneeglöckchen seien sein Ding, glauben Sie kein Wort«, sagt Lady Carolyn. Ein süßes Lächeln liegt auf dem Gesicht mit eleganter Fältelung, darunter strahlend die grün-weiß gestreifte Schürze. »Er soll sich an seine Bäume halten, Schneeglöckchen sind meins.« Einen Tee? Oder Kaffee?

Eine Schneeglöckchen-Ehe, natürlich. Die Gruppe nickt, es sind Menschen, deren Galanthophilie in die Galanthomanie hineinwuchert. Sie reisen mit einer jungen Gartenarchitektin, Iris Ney aus Hennef, die sich sogar einmal in die harte Lehre des Schneeglöckchenexperten Joe Sharman von der Monksilver Nursery in Cambridgeshire begeben hat. Topfen, bis der Arzt kommt! Aus der Monksilver Nursery stammt das Schneeglöckchen, das neulich auf eBay für 375 britische Pfund wegging, Galanthus ‘EA Bowles’, der vorläufige Gipfel einer weltweiten Galanthus-Zockerei. Mitglieder der Gruppe stammen aus Österreich oder aus dem Norden Schleswig-Holsteins. Man fühlt sich wie ein Ungläubiger unter Mekkapilgern.