Auch Bücher und Ideen machen Revolutionen, auch die Theorie bestimmt mit, welche Praxis entsteht. David Held, einer der Stars der Demokratietheorie, spielte dabei eine tragische Rolle. Ausgerechnet sein langjähriger Schüler Saif al-Islam, ein Sohn Gadhafis, drohte den Dissidenten nun mit dem Kampf »bis zum letzten Mann«.

Eine glückliche Hand aber hat der Politikwissenschaftler Gene Sharp, ein Verfechter des gewaltlosen Widerstands. Viele sehen in dem 83-jährigen Amerikaner einen der wesentlichen Ideengeber der demokratischen Revolutionen Ägyptens und Tunesiens. Dabei ist er im Westen längst in Vergessenheit geraten. Als Vordenker der Friedensbewegung galt Gene Sharp zu Zeiten des Kalten Krieges. Er arbeitete etwa eng mit den Grünen und Petra Kelly zusammen, die sich damals erfolglos für die deutsche Übersetzung seiner Bücher einsetzte.

In der muslimischen Welt erlebt der Theoretiker gerade jetzt den Höhepunkt seiner Popularität. Vor allem in Tunesien , Ägypten und Iran wurden seine Schriften während der letzten Jahre gelesen, meistens in digitaler, aus dem Internet geladener Form. Auch die Muslimbruderschaft bietet sie auf ihrer Webseite zum Download an. Weltweit verbreitet sind ebenso die unter seiner Beratung gedrehten Filme A Force More Powerful und Bringing Down a Dictator , die man sich unter anderem auf Englisch, Thai, Arabisch und Farsi im Netz ansehen kann. Die von Sharp entwickelten Strategien des gewaltlosen Widerstands sollen für das Gelingen der Revolutionen in Tunis und Kairo maßgeblich gewesen sein.

Es war nicht das erste Mal, dass Sharps Ideen von Praktikern rezipiert wurden. Mitte der Achtziger übergab Kelly seine Schriften dem DDR-Bürgerrechtler Gerd Poppe, was dieser heute als eine wichtige Inspiration für den Herbst 1989 wertet. Deutlicher war die serbische Studentenbewegung Otpor von Sharp beeinflusst. Zur Vorbereitung des Sturzes von Präsident Milošević im Jahr 2000 verteilten seine Helfer in Zusammenarbeit mit der Demokratie-Stiftung Freedom House 5000 Exemplare seines Buches Von der Diktatur zur Demokratie . Ehemalige Otpor-Mitglieder berieten wiederum ukrainische, georgische und später ägyptische und tunesische Dissidenten und verbreiteten dort die Bücher Sharps und die diese zusammenfassenden Filme.

Äußerlich zeigt sich der gemeinsame geistige Hintergrund dieser Bewegungen in der Fahne mit der geballten Faust, die in Belgrad, Tiflis und auch in Kairo zu sehen war – das Symbol eines mittlerweile weltweit operierenden Revolutions-Franchise. Das geistige Zentrum dieses Netzwerks bildet die von Sharp gegründete Albert Einstein Institution in Boston. Doch der alte Mann legt Wert darauf, dass man auf die jeweiligen lokalen Bewegungen keinerlei Einfluss nehme.

Von der Diktatur zur Demokratie, die bekannteste Schrift des Theoretikers, ist ein betont praktisches Handbuch, das knapp 100 Seiten umfasst und mittlerweile in 41 Sprachen übersetzt wurde. Darin steht, wie man gewaltfrei Revolutionen macht und Diktatoren stürzt. 198 Methoden werden aufgelistet. Sie umfassen alle Arten von Streiks, Boykotten, Demonstrationen sowie den Aufbau einer Parallelgesellschaft – etwa des Schwarzmarkts oder der Untergrundpresse. Auch das »Sick-In« ist dabei, ein massenhaftes Krankmelden zu einem abgesprochenen Termin. Sharp möchte seinen Lesern vor allem klarmachen, dass sie in Wirklichkeit die Macht über die Regierenden haben, da sie die Zusammenarbeit mit dem Staatsapparat jederzeit aufkündigen können.