Germany's next Topmodel Wir sehen nicht, dass du es wirklich willst!
Zum Start der neuen Staffel von Germany's Next Topmodel träumen wieder zahlreiche Mädchen vor den Fernsehern. Dabei weist das TV-Format viele Parallelen zur Pornografie auf.
Nein, das wird jetzt nicht langsam langweilig, wenn die straffe Heidi Klum zu sechsten Mal unter 50 fürchterlich symmetrischen jungen Frauen nach dem Mädchen für die C&A-Werbung sucht. Im Gegenteil, Germany’s next Topmodel stammt von einem Genre, das erst durch Wiederholung richtig gut wird. Genau genommen richten die erfolgreichsten Erzählungen dieser Welt ihr Begehren nicht nach Neuem, Noch-nie-Geahntem, sondern nach der wohlberechneten Erfüllung eines gut geölten Schemas.
Am offensichtlichsten gilt dies für Pornografie, die dafür einsteht, dass ein vergleichsweise begrenztes Spektrum menschlicher Vorfälle sich zuverlässig ereignet. Eine gewisse Suspense macht allein die gerade noch erträgliche minimale Variation aus, die in der im Grunde verzichtbaren narrativen Hinleitung besteht, wie es diesmal wieder dazu kommt. In einem Video, das einmal eine Netz-Berühmtheit war, gelangt man in fünf Sekunden von der Dialogzeile "Warum liegt hier überhaupt Stroh?" zum Blowjob. Vorbildlich.
Zurück zu Germany’s next Topmodel. Dort hat man ja der Pornografie verwandte Ziele. Nämlich durch eine ziemlich konstruierte Story zu begründen, warum gerade mal postpubertäre Mädchen in eigenartigen Positionen Teile ihres Körpers öffentlich zugänglich machen müssen, die zivilem sozialem Umgang gewöhnlich entzogen sind.
Das mit dem Stroh haben die Requisiteure der Show auch gut verstanden. Es gibt da sogenannte Shootings, bei denen für ein "tolles Foto" massenweise Sand, kaltes Wasser, Spinnen, Elefanten, Klebriges oder Schmutziges herangeschafft wird und einmal pro Sendestaffel auch – iiiihihi – richtige, lebendige Männer. Um all dieses Zeug drapieren die Girls sich professionell herum und machen ganz wonnige Augen. Es sieht sehr ungemütlich aus, aber Heidi Klum sagt, dass das ein "Potenzial" aus "unseren Mädchen" holt, das anscheinend da drinsteckt.
Im Kern besteht die Story, die dem ganzen Theater zugrunde liegt, in dem Klum-Mantra "Nur eine von euch kann Germany’s next Topmodel werden". Es wird gegen Scham, Tränen und Angst mit dem drohenden Satz verteidigt: "Wir sehen einfach nicht, dass du es wirklich willst." Nicht unähnlich dem pornografischen Phantasma ("Du willst es doch auch"), mit dem die verschüttete weibliche Lust ans Licht gebracht werden soll. Die richtige, in einem Juchzer oder Schluchzer vorzutragende Antwort darauf lautet: "Also, ich würde echt alles geben, um Germany’s next Topmodel zu werden. Und nächste Woche will ich noch mehr geben, um euch das zu beweisen."
Was damit in herrlicher, von allen Deckdiskursen befreiter, nackter Klarheit vor uns steht, ist jene "prostitutionelle Norm", die ja nach Auskunft der Ideologiepartisanen des "Unsichtbaren Komitees" nicht allein Sache des Schmuddelfernsehens, sondern Tugenddiktat einer neuen "Norm von Vergesellschaftung" schlechthin ist. Man lässt sich jetzt nicht mehr für das bezahlen, was man tut, sondern für das, was man ist, "für unsere ausgezeichnete Beherrschung der gesellschaftlichen Codes, unsere Beziehungstalente, unser Lächeln oder unsere Art, uns zu präsentieren".
"Was mich auszeichnet, ist mein Lächeln. Keine Ahnung. Ja", sagt die 20-jährige Top-50-Kandidatin aus Oldenburg auf der ProSieben-Website. Und wie Pornografie schon immer der Kristallisationspunkt jener Techniken war, die Sexualität in die politische Ordnung der Geschlechter einsortieren, erleben wir in diesem Stück Familienfernsehen unverstellt den Eintritt der politischen Macht vulgo ökonomischen Vernunft in die Organisation des Körpers.
- Datum 03.03.2011 - 11:12 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 3.3.2011 Nr. 10
- Kommentare 41
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Treffend auf den Punkt gebracht, erschreckend, dass so viele Mädchen zu Barbie-Püppchen herangezogen werden...
für angehende Psychologen
Narzissmus in vielfälltigster Form inklusive Kreischalarm und Nevenzusammenbruch
für ein cleveres Mädchen kann es ein Sprungbrett zu einer tollen beruflichen Karriere sein ,für die meisten aber wohl eher eine Erfahrung mehr ,meist aber eine bittere Enttäuschung die den Selbstwertgefühl eines labilen Persönchens einen schweren Schlag versetzen kann
ein öffentliches anprangern inbegriffen,liest man sich die Kommentare zu diesen Show´s durch
Zeigefreudigkeit der Generation Porn ,kultiviert durch die Massenmedien
Super, wie exakt Sie das Thema auf den Punkt gebracht haben, geehrte Frau Schmidt! Ich dachte schon, ich sei der Einzige dem die pornographischen Komponenten des Seelenausverkaufs namens GNTM auffallen. Insbesondere Frauen schienen bisher eine gewisse Immunität gegenüber jeglicher Gegenargumentation bezüglich GNTM aufzuweisen, vielleicht ist dies dem Umstand geschuldet, dass zu viele Klatschblätter ohne Hintergedanken konsumiert werden. Umso erfreulicher finde ich es, dass Sie als Frau auf diese Mißstände hinweisen, denn gerade kleine Mädchen sollten nicht diesem wertlosen "Ideal" hinterherlaufen. Ob die aber diesen Artikel lesen, oder gar verstehen würden, wage ich zu bezweifeln. Dennoch vielen Dank!
Die Aussage stimmt leider, ist mir aber zu philosophisch-verkopft und vor allem klingt immer auch etwas Missgunst auf "die Jugend" durch, wenn Frauen den Mut aufbringen, so darüber zu schreiben.
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Aber trotzdem gut herausgearbeitet: was vermittelt wird, ist, dass das, was "wichtig" ist, das Bild ist, das sich andere von ihnen machen und nicht die Person, die sie wirklich sind. Aber das zu kritisieren entspricht nicht dem Format: bei Schauspielern wird nun mal Verstellung und Schauspielerei verlangt, der soll nicht "er selbst" sein. Man sehe sich die Identitäts-Probleme nicht nur einer legendären Marilyn Monroe an.
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Es wird das Lügen vermittelt - genau wie bei Prostitution, die den Sex nach vorne stellt (lat. Stamm pro stare), wo in Wahrheit das Geld der wahre Grund ist, zumindest bei den Mädchen - und um die geht es ja hier im Artikel.
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Das wiederum ist in der Tat ein geradezu ideales Reservoir einer der Prostitution nicht nur da nahe stehenden TV- und Unterhaltungs-Industrie, die auch gar nicht aus ethischen Gründen auf den Heroin-Look verzichtet hat.
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Denn es waren und sind die Kinder derer, welche die Mode kaufen sollten, die dem Ideal als erste nacheiferten und vor die Hunde gingen.-
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GNTM ist eine Chance für ansonsten Chancenlose, doch Heidi Klum selbst stammt ja aus wohlhabendem Elternhaus, ihre Kandidatinnen i. d. R. gerade nicht. Und das ist nicht nur in der Branche ein ganz gewaltiger Unterschied, wenn es darum geht: Sex sells.
was daran "philosophisch verkopft" sein soll, müßte zumindest halbwegs erläutert werden, wenn es sich nicht selbst als Affekt gegen jede Art von intellektueller Analyse verdächtig machen will...
Ich habe als Vater zweier Töchter "in dem Alter" selten so kurz und bündig eine derart treffende Rekonstruktion von massenmedial vermittelter Alltagskultur gelesen, die jede Menge weibliche Heranwachsende infiziert hat. Das Problem ist allerdings, daß so ein Gegengift, wieder dieser Text, an der Immunabwehr der betreffenden Klientel abprallt, wie der Kopf vom manch einem/einer aus weit geringerem Anlaß in die "Gummizelle" Eingewiesenen/er...
was daran "philosophisch verkopft" sein soll, müßte zumindest halbwegs erläutert werden, wenn es sich nicht selbst als Affekt gegen jede Art von intellektueller Analyse verdächtig machen will...
Ich habe als Vater zweier Töchter "in dem Alter" selten so kurz und bündig eine derart treffende Rekonstruktion von massenmedial vermittelter Alltagskultur gelesen, die jede Menge weibliche Heranwachsende infiziert hat. Das Problem ist allerdings, daß so ein Gegengift, wieder dieser Text, an der Immunabwehr der betreffenden Klientel abprallt, wie der Kopf vom manch einem/einer aus weit geringerem Anlaß in die "Gummizelle" Eingewiesenen/er...
Pornografie ist die direkte Darstellung der menschlichen Sexualität oder des Sexualakts mit dem Ziel, den Betrachter sexuell zu erregen, wobei die Geschlechtsorgane in ihrer sexuellen Aktivität bewusst betont werden. Werden sie dabei...?
Ich finde Sie übertreiben ein wenig, wenn sie all diese schöne (im weitesten Sinne des Wortes) Mädchen als Prostituierte betiteln. Sie können ihre prüde These nur so darstellen wie Sie es getan haben erst nach dem Sie es logisch bewiesen haben, dass das Wort "Schein" gleich "Sünde", prostitution... ist. Was Sie sicherlich nicht können. Vieleicht zumindest zuerst verstehen, dass das nicht geht.
mit freundlichen Grüßen
... und dass hat der Artikel doch treffend deutlich gemacht, sind die Dramaturgien und die Blickordnungen.
... und dass hat der Artikel doch treffend deutlich gemacht, sind die Dramaturgien und die Blickordnungen.
"Am offensichtlichsten gilt dies für Pornografie, die dafür einsteht, dass ein vergleichsweise begrenztes Spektrum menschlicher Vorfälle sich zuverlässig ereignet"
Das, was die Autorin schreibt, gilt für so ziemlich JEDES Unterhaltungsformat - egal ob Quizzshow, Sportübertragung oder Vorabendserie.
Ich wüsste eine Parallele des Artikels zur Pornographie: hier ruft jemand "ALARM!", wo eigentlich keiner ist.
Ein vereint unsere omnipotente vierte Gewaltmacht: Wann immer ein Spektakel ansteht, sei es ein Apfeltelefon, ein Promicamping oder Magermutmachersendungen... die Medien berichten darüber. Dabei macht es auch keinen Unterschied ob Bunte, Bild oder Zeit. Und was Sie schreiben ist im Prinzip völlig irrelevant - Marketing bedeutet Aufmerksamkeit - und das ist alles.
Nur zugeben werden Sie es nicht: Die Journalisten sind käuflich. Schämt Euch.
Gut, muss jeder selber wissen, ob er auch nur ein Wort den Medien dieser Zeit glaubt - aber man muss wissen wie unsere Demokratie funktioniert: Unsere Herrscher sprechen ausschliesslich mit dem Medien (und hier auch noch selektiv) - diese Medien senden uns die Befehle. Das war es auch schon. Ihr Bürger könnt nicht mit Euren Anführer reden - ausser alle vier Jahre mit 2cm Tinte...
wie kommen Sie auf dieses Thema.
Lassen Sie mich raten: Ihr Boss hat sie beauftragt, etwas darüber zu schreiben. Und Ihr Boss bekommt Geld dafür von Sat.1. Ebenso wie er Geld von RTL, Apple, und Verona Pooth nimmt.
Ich frage mich, ist das ein Unterschied zum Rotlichtmilieu? Die Journalisten verkaufen auch ihre Werte und den letzten Rest Moral - wie ein Pornodarsteller!
Sat1 und Pro7 gehören zusammen, der Bestechungsvorwurf ist lächerlich.
Es ist ein guter Artikel, wobei ich die Wortwahl "Prostitution" nicht gerechtfertigt finde, den Teilnehmerinnen gegenüber. Dass bei GNTM die Mädchen schamlos ausgenutzt werden steht fest. Am Ende der Staffel bekommt die Siegerin ein paar Kaufhauseinweihungsauftritte, der Rest geht - von Psychosen, verlorener Zeit etc abgesehen - leer aus.
Sat1 und Pro7 gehören zusammen, der Bestechungsvorwurf ist lächerlich.
Es ist ein guter Artikel, wobei ich die Wortwahl "Prostitution" nicht gerechtfertigt finde, den Teilnehmerinnen gegenüber. Dass bei GNTM die Mädchen schamlos ausgenutzt werden steht fest. Am Ende der Staffel bekommt die Siegerin ein paar Kaufhauseinweihungsauftritte, der Rest geht - von Psychosen, verlorener Zeit etc abgesehen - leer aus.
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