Sechs Stunden, nachdem das Volk seinen Liebling verlor, stellt sich die Kanzlerin erstmals dem Volk. Sie trägt ihren Kampfanzug. Angela Merkel hat das rote Jackett gewählt, das sie häufig trägt, wenn es ungemütlich wird. Es ist der Dienstagnachmittag dieser Woche, kurz nach 17 Uhr, und in der Stadthalle von Karlsruhe warten die Leute jetzt auf eine Erklärung. In Baden-Württemberg ist Wahlkampf. Aber in Berlin ist der Teufel los.

Es sei »ja heute schon ein besonderer Tag«, sagt Merkel, am Morgen habe Karl-Theodor zu Guttenberg um die Entlassungsurkunde gebeten. Sie habe ihm gedankt für seine Arbeit als Minister , für seine Arbeit an der Bundeswehrreform, aber auch dafür, »dass er die Herzen der Unionsanhänger immer wieder erwärmt hat«. Applaus brandet auf. Dann schaltet die Kanzlerin in den Wahlkampfmodus. Sie schimpft gegen die Trittins und die Gysis, von denen man sich nicht erklären lassen müsse, »was Anstand und Ehrlichkeit in unserer Gesellschaft sind«. Mit wenigen Worten will Merkel das angeknackste Selbstbild der CDU reparieren.

Bloß: Eine Erklärung für den plötzlichen Rücktritt Guttenbergs liefert sie nicht.

Dies ist einer der seltenen Tage, an denen allen Politikern die Sprache ausgeht. Nicht, weil sie sprachlos wären. Sondern weil sie keine Worte mehr haben, für das, was gerade geschieht. Die Sprache der Politik ist voller großer Katastrophenbegriffe – Erdbeben, Tsunami, Super-GAU –, aber diese Begriffe wurden in den Tagen zuvor schon verbraucht. Als Guttenberg tatsächlich geht, bleibt nur noch: Entsetzen. Sein Rücktritt hinterlässt ein gespaltenes Land – und eine zutiefst verunsicherte politische Klasse.

Denn gescheitert ist nicht nur ein Mann, von dem es hieß, er könne einmal Kanzler werden. Gescheitert ist auch eine Fiktion: der Glaube an das Leichte, Schöne, Gute in der Politik. Binnen zwei Jahren schaffte Karl-Theodor zu Guttenberg den Aufstieg vom einfachen Abgeordneten zum Bundesminister , und genauso schnell, wie er aufstieg, wurde er zur Projektionsfläche für die Hoffnungen und Sehnsüchte vieler Bürger, die sich von der Politik längst abgewandt haben. Auf einmal war da einer, der anders war. Der glaubwürdig schien. Dem niemand etwas anhaben konnte – nicht die Opposition und erst recht nicht die Medien. Und nun hat sich dieser Mann zu Fall gebracht.

Karl-Theodor zu Guttenberg ist zurückgetreten, aber die Frage, was eigentlich geschehen ist, wird bleiben. Wer hatte vor Wochenfrist wirklich mit seinem Abgang gerechnet? Machtpolitisch schien die Affäre um seine abgeschriebene Doktorarbeit fast schon ausgestanden zu sein. Die Kanzlerin und der Großteil der Unionsfraktion standen hinter dem 39-Jährigen , und nach allen Regeln der Skandalogie schien ein Rücktritt damit ausgeschlossen. Aber Guttenbergs Karriere folgte keinen Regeln. Nicht sein rasanter politischer Aufstieg. Und auch nicht sein jäher Absturz.

Dienstagmorgen, Viertel nach elf, im Bendlerblock in Berlin, dem Dienstsitz des Verteidigungsministers. Noch während Karl-Theodor zu Guttenberg die Treppe zur Säulenhalle hinabsteigt, in der die eilig versammelten Journalisten auf ihn warten, treten einer Sekretärin oben an der Balustrade die Tränen in die Augen. Als er sagt, der Rücktritt sei »der schmerzlichste Schritt meines Lebens«, müssen auch die anwesenden Soldaten schlucken. Für sie bleibt kein Makel, keine Schuld. Hier geht einer, den Nörgler, Neider und Niederschreiber verfolgt haben, bis er nicht mehr konnte. Guttenberg hat Soldaten beerdigt, er hat die größte Reform in der Geschichte der Bundeswehr in Angriff genommen, »sein Haus bestellt« – und diese Kleingeister wollten über Fußnoten reden, Peanuts eigentlich, über Dinge, die Jahre vor seiner Amtsübernahme lagen.

Hier, im Bendlerblock, ist die Erinnerung an die Widerstandskämpfer des 20. Juli 1944 gegenwärtiger als irgendwo sonst in Deutschland. In dem Innenhof, über den die Journalisten nach der Rücktrittserklärung zurück in ihre Redaktionen hasten, wurden Stauffenberg und seine engsten Vertrauten durch ein Erschießungskommando hingerichtet. Guttenberg hat öfter als jeder seiner Amtsvorgänger an diese Geschichte erinnert. Er hat sich aktiv dafür eingesetzt, dass Tom Cruise den Part des Obersts in dem Film Operation Walküre bekommt; die Familie Stauffenberg war dagegen. Scharf hat zu Guttenberg jede Kritik an der antiparlamentarischen oder antisemitischen Gesinnung mancher Widerstandskämpfer zurückgewiesen: »Es wäre ein Zeugnis besonderer Armut, wenn der moralisierende Maßstab des Übermenschlichen – angelegt von allzu menschlichen Vertretern – das Land seiner Vorbilder berauben würde.« Die familiären Verbindungen der Familie zu Guttenberg zu den Verschwörern des 20. Juli haben den Politiker Guttenberg womöglich im Gefühl bestärkt, zum Regieren geboren zu sein. Deshalb konnte er im Zentrum des politischen Machtapparats stehen – und zugleich über ihm.

Noch im Abgang lässt er das politische Berlin diese Distanz spüren. »Ich danke von ganzem Herzen der großen Mehrheit der deutschen Bevölkerung, den vielen Mitgliedern der Union, meinem Parteivorsitzenden und insbesondere den Soldatinnen und Soldaten, die mir bis heute den Rücken stärkten.« Der Kontrast zur Einsamkeit seiner Vorfahren könnte größer nicht sein. Dann sagt er: »Ich habe die Grenzen meiner Kräfte erreicht.«

 

Er hatte die Grenzen seiner Kräfte erreicht: Man muss sich nur die letzten Tage in Erinnerung rufen, seine verzweifelt verqueren Verteidigungsversuche, die harten Angriffe der Opposition, aber auch die skeptisch ungläubige Zurückhaltung der eigenen Parteifreunde, um die Wahrheit dieses Satzes zu erkennen. Am Ende hatte er nichts mehr zuzusetzen. Dennoch wäre es zu kurz gegriffen, wollte man den Kräfteverschleiß Guttenbergs allein auf die dreizehn zermürbenden Tage zurückführen, die zwischen dem Beginn der Affäre und seinem Rücktritt lagen.

Das Problem wurzelte tiefer, in der brutalen Intensität, mit der Guttenberg Politik betrieben hat. Nicht in der unmittelbaren Beanspruchung durch sein Amt, in den komplizierten Problemen »seiner« Bundeswehrreform, in den seit Monaten schwelenden Finanzierungsfragen oder den anstehenden Standortentscheidungen. Das war nur der kräfteraubende politische Normalvollzug. Was für Guttenberg hinzukam, war die mediale Dauerbeobachtung, sein flirrendes Pendeln zwischen Glamourwelt und Afghanistan , die Massenekstase, die er auslöste, wo immer er einen deutschen Marktplatz betrat. Guttenberg war eben nicht nur der populärste Politiker der Republik. Er hat sich mit 39 Jahren einem Öffentlichkeitsstress ausgesetzt, der ihm schon vor seiner jüngsten Affäre sichtlich zusetzte.

Zwar wirkte er selbst auf den anstrengendsten Dienstreisen stets locker, konzentriert, freundlich und höflich. Aber unter der Oberfläche war immer auch erkennbar, dass es Guttenberg Kraft kostete, die Rolle des präsenten, ansprechbaren, unkomplizierten Hoffnungsträgers durchzuhalten. Eben noch ostentativ entspannt, konnte er plötzlich sehr dünnhäutig werden.

Er hatte sich in letzter Zeit immer auch beklagt über die nervenaufreibende Beschattung durch Medien und Öffentlichkeit. Aber weil es so offensichtlich war, dass Guttenberg seine politisch-mediale Dauerpräsenz zugleich genoss, hat man seine Klagen eher als Koketterie abgetan. Am Ende hat er nicht nur den Tribut für die Plagiatsaffäre bezahlt. Guttenberg hat den Kameras das spektakulärste Futter geliefert, das ein deutscher Politiker bislang zu geben in der Lage war. Er hat es geliebt. Und er hat darunter gelitten.

Am Montagabend der vergangenen Woche besteigt Karl-Theodor zu Guttenberg die Bühne in der aberwitzig überfüllten Stadthalle von Kelkheim. Vor der Bühne stehen 900 Leute. Sie schwitzen. Sie jubeln. Sie wollen ihren Liebling jetzt kämpfen sehen. Und Guttenberg kämpft.

»So weit kommt’s noch, dass man sich bei solchen Stürmen drücken wird – so weit kommt’s noch«, ruft er in den Saal hinein. »Ich komme nicht als Selbstverteidigungsminister, sondern als Bundesminister der Verteidigung.« Die Menge tobt. Es folgen selbstironische Anspielungen des Redners (»Hier steht das Original, nicht das Plagiat«; »Ich begrüße auch Herrn Riesen... nein, Herrn Professor Doktor Heinz Riesenhuber«), dann zeichnet er das ganz große Bild: Es sind die »großen, wichtigen Aufgaben«, die vor ihm liegen, die Bundeswehrreform, der Abzug aus Afghanistan, das Leben und Überleben deutscher Soldaten am Hindukusch. »Da verlässt man kein Schiff, da bleibt man an Deck.« Und wo die Gründe gut und die Aufgaben groß sind, ist es nicht so wichtig, was da auf einen einprasselt – viel wichtiger ist, dass man es aushält. Nicht der Inhalt der Kritik zählt, sondern die Haltung, mit der man sie erträgt.

Es ist der Moment, an dem die Dinge zu kippen beginnen. Guttenberg entschuldigt sich zwar. Aber den Betrug will er nicht benennen . Nur im kleinen Kreis sagt er bereits damals, er habe einfach nicht das dicke Politikerfell, um das durchzustehen. Öffentlich anmerken lässt er sich nichts. Und so baut sich ganz langsam zunächst, dann aber mit einer ungeheuren Dynamik ein äußerer Druck auf Guttenberg auf. Ein Druck, mit dem zu diesem Zeitpunkt niemand rechnet.

Am Mittwoch stellt sich der Minister im Bundestag den Fragen der Opposition. Sie nennen ihn einen Täuscher, einen Lügner, einen Betrüger. Es ist eine verbale Schlammschlacht, wie es sie im Parlament lange nicht mehr gegeben hat, vor allem aber: die erste, in der solche Schmähungen ungerügt bleiben. Die Abgeordneten von Union und FDP ducken sich weg. Und schweigen. Fast scheint es, als dämmere ihnen erstmals die mögliche Dimension des Problems. Dass Guttenberg vor dem Bundestag den Verlust eines Titels, den er aufgrund seiner zusammengeschusterten Dissertation niemals hätte führen dürfen, als angemessene Konsequenz seines Fehlverhaltens bezeichnet, ist manchem Parteifreund schon nicht recht verständlich. Das Fass zum Überlaufen bringt er aber mit dem Versuch, sein Verhalten als »beispielgebend« anzupreisen. In der Lobby des Reichstages trifft man später glühende Anhänger des Verteidigungsministers, die plötzlich nicht mehr so sicher sind, ob ihr Hoffnungsträger diese Affäre politisch überleben wird. Sucht man den Augenblick, in dem sich Guttenbergs Schicksal endgültig zum Schlechten wendet, dann ist es dieser.

Am selben Tag erkennt die Universität Bayreuth Guttenberg ganz offiziell den Doktortitel ab.

 

Am Donnerstag wird bekannt, dass Guttenberg einen Sparrabatt des Finanzministers bekommt. Der Verteidigungsminister erhält nun ein Jahr länger Zeit als seine Kabinettskollegen, die im Sparpakte verabredete Milliardensumme zu erbringen. In Berlin gilt das als Signal, dass die Union ihren Hoffnungsträger um jeden Preis schützen will.

Am Samstag gehen in der Hauptstadt Hunderte Demonstranten gegen Guttenberg auf die Straße. Sie schwenken ihre Schuhe als Zeichen der Abscheu. Es ist – gemessen an sonstigen Protesten – keine große Demonstration. Aber sie liefert den Fernsehkameras großartige Bilder. Wuchtiger freilich sind die Worte, die der Bayreuther Staatsrechtsprofessor Oliver Lepsius an diesem Tag in eine Kamera spricht. »Wir sind einem Betrüger aufgesessen«, sagt Lepsius, der Nachfolger von Guttenbergs Doktorvater auf dessen Bayreuther Lehrstuhl. Und dann stellt er die Frage, die bis dato niemand zu stellen wagte: »Wenn er in diesem Fall nicht wusste, was er tut, weiß er es denn in anderen Fällen?«

Es gehört zu den Mechanismen des Wissenschaftsbetriebs, dass die Gelehrten langsam reagieren. Vieles wird zunächst intern beraten. Über das meiste muss erst abgestimmt werden, bevor etwas nach außen dringt. Umso erstaunlicher ist der Ausbruch von Lepsius. Er ist das Signal, dass sich die Wissenschaftswelt erhebt. Gegen Guttenberg. Gegen die Kanzlerin. Gegen das politische Establishment. Statt mit Wutbürgern wie bei Stuttgart 21 hat es die Politik jetzt mit Wutwissenschaftlern zu tun.

In den Tagen vor seinem Rücktritt versucht der Verteidigungsminister intensiv, eine Strategie für den Verbleib im Amt zu entwickeln. Zum disparaten Kreis seiner Ratgeber gehört auch Bild- Chefredakteur Kai Diekmann. Und zu seinen neuen Ratgebern zählen nun auch Juristen, welche ihm mögliche Konsequenzen von Strafanzeigen gegen seine Promotionsarbeit vor Augen führen.

Am Montag kippt die Stimmung dramatisch. Die Mitteldeutsche Zeitung verbreitet ein Zitat von Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU). Dieser hatte auf einer SPD-Veranstaltung Guttenbergs Fehlleistung als »Sargnagel für das Vertrauen in unsere Demokratie« geschmäht. CSU-Chef Horst Seehofer bezeichnet Lammerts Äußerung als »befremdlich« und »unangemessen«, CSU-Landesgruppenchef Hans-Peter Friedrich spricht von »Einzelstimmen, die man nicht weiter beachten muss«. Guttenberg aber wird später im kleinen Kreis einräumen, dass ihn gerade Lammerts Äußerungen schwer getroffen hätten. Eine Hiobsbotschaft jagt die nächste. Bildungsministerin Annette Schavan (CDU) sagt in der Süddeutschen Zeitung, sie »schäme« sich »nicht nur heimlich«. In der CSU-Vorstandssitzung am Montagvormittag in München muss sich Guttenberg Sticheleien und zweideutige Sätze seiner Parteifreunde gefallen lassen. Vereinzelt verbreiten Journalisten bereits das Gerücht, es gebe einen Zusammenhang zwischen einer Textstelle in der Doktorarbeit und seiner sexuellen Neigung. Jeder noch so bösartige Anwurf landet direkt bei Guttenberg. Es gibt niemanden, der ihm die schlechten Nachrichten in irgendeiner Form filtert.

Und dann distanziert sich auch noch sein Doktorvater von ihm .

Am frühen Montagabend steht Guttenbergs Entschluss fest, von allen Ämtern zurückzutreten. Noch in der Nacht telefoniert er mit der Kanzlerin. Bis in die frühen Morgenstunden arbeitet er an seiner Erklärung, zwei DIN A4-Seiten, eng getippt. Dann tritt er am Dienstag vor die Presse.

Was wird nun von Guttenberg bleiben? Wie verändert sein Abgang die politische Kultur? In der Regierung fürchtet man den Groll der Bürger, die Wut, »die in Berlin« hätten einen guten Mann »fertiggemacht«. Die wahlkämpfende CDU in Baden-Württemberg hat in den vergangenen Tagen immer größere Hallen angemietet, man rechnet gerade jetzt überall mit vollen Sälen. Aber es gibt auch die Hoffnung auf eine neue Nüchternheit, auf die Einsicht, dass gute Politik nicht glamourös sein muss. Dass, wie Gesundheitsminister Philipp Rösler es formuliert, »Politiker auch ziemlich normale Menschen sind«.

Eines hat Guttenberg nachhaltig widerlegt: die alte Vorstellung, der Wähler sehne sich nach Politikern aus sogenannten kleinen Verhältnissen, die es aus eigener Kraft nach oben schafften – nach Aufstiegsbiografien, wie sie Gerhard Schröder oder Joschka Fischer vorzuweisen hatten. Lange gehörte diese unausgesprochene Regel zum westdeutschen Politikbetrieb – anders als etwa in Frankreich, wo die Absolventen von einigen wenigen Elite-Universitäten die wichtigsten Staatsämter unter sich ausmachen.

 

In Deutschland hieß es lange, das Parlament solle die Zusammensetzung der Bevölkerung widerspiegeln, und ein guter Minister müsse »aus dem Volke« sein. Mit dem Aufstieg von Guttenberg wurde die Lust der Deutschen auf Elite deutlich, die Sehnsucht nach Politikern, die mehr wissen und bessere Manieren haben als der Durchschnittswähler – und dazu noch wirtschaftlich unabhängig sind.

Aber wird der Fall Guttenberg ähnliche Karrieren befördern – oder eher das Gegenteil? Momentan jedenfalls schlägt eher die Stunde von Politikern wie Olaf Scholz , der gerade in Hamburg ein überragendes Wahlergebnis erzielte und den sie Anfang der Woche in der SPD schon als »unseren Anti-Guttenberg« feierten, was bedeuten soll: solide, anständig, nicht glamourös, aber verlässlich. Es ist auch die Stunde von Politikern wie Kurt Beck (SPD) oder Horst Seehofer (CSU), die sich bei den schwierigen Hartz-IV-Verhandlungen als Retter präsentierten und damit Ursula von der Leyen düpierten – den anderen Umfragen-Darling aus Angela Merkels Kabinett. Es ist die Stunde des Siegs des Establishments über die Neuzugänge, der Erfahrenen gegen die Frischen, der Parteipolitiker gegen die Antipolitiker – ein wenig wie beim Rücktritt von Horst Köhler, dem beliebten Präsidenten, der durch Christian Wulff abgelöst wurde, den erfahrenen Parteimann.

Und mehr noch als bei Köhlers Rücktritt: Angela Merkel, die machtbewussteste von allen, ist beschädigt. Sie musste an Guttenberg schon deswegen festhalten, weil sie in der Vergangenheit so viele ins Aus gedrängt hat, von Friedrich Merz bis Roland Koch. Aber nun, vier Wochen vor den Wahlen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz, befindet sie sich plötzlich in einer gefährlich unübersichtlichen Situation.

Dabei hatte es in den vergangenen Monaten für Angela Merkel so gut ausgesehen. Seit dem Karlsruher Parteitag im vergangenen November schien die Union stabilisiert, und Heiner Geißlers Stuttgarter Schlichtung hatte sich für den schlingernden Stefan Mappus als Befreiungsschlag erwiesen. Und nun? Auch im Umfeld der Kanzlerin wird gerätselt, ob der spektakuläre Rücktritt die Union nach unten reißt. Vor ein paar Monaten hat der Vorsitzende der Jungen Union, Philipp Missfelder, die Wahl in Baden-Württemberg als »Schicksalswahl« bezeichnet. Nun, wo niemand weiß, wie sich der Abgang Guttenbergs für die Union auswirken wird, passt das dramatische Etikett plötzlich wieder.

Noch am Montag der vergangenen Woche, nach der katastrophalen Wahlniederlage der CDU in Hamburg, schien es, als habe Merkel wenigstens für den Fall Guttenberg die passende Formel gefunden. In ihrer locker schnoddrigen Art hatte sie erklärt, sie habe »keinen wissenschaftlichen Assistenten«, sondern einen Verteidigungsminister ins Kabinett berufen. Damit war in der Berliner Regierung die Zwei-Welten-Lehre etabliert: Was immer sich Guttenberg bei der Abfassung seiner Dissertation hatte zuschulden kommen lassen, die Kanzlerin wollte darin keine Beeinträchtigung für ihren populärsten Minister erkennen.

Von einer promovierten Naturwissenschaftlerin, verheiratet mit einem Wissenschaftler der internationalen Spitzenklasse, war dies ein nicht ganz selbstverständliches Urteil. Auch für die beiden Unionsparteien, für die Leistung seit jeher zum Grundbestand der »Bildungsrepublik« Deutschland zählt, war der demonstrativ laxe Umgang mit der Guttenbergschen Regelverletzung nicht gerade plausibel. Doch das dürfte der Kanzlerin erst aufgegangen sein, als die wissenschaftliche Gemeinde mit mehrtägiger Verspätung auf die Barrikaden ging.

Aber selbst wenn Merkel Guttenbergs Fehlverhalten insgeheim für einen Entlassungsgrund gehalten hätte: Hätte sie ihn wirklich entlassen können? Seinen eigenen Entschluss, sich aus der Politik zurückzuziehen, muss die Union entsetzt, ja fatalistisch hinnehmen. Hätte Merkel ihn gefeuert, wäre die Reaktion anders ausgefallen. Es hätte einen Aufstand gegeben. Die alte Entfremdung zwischen ihr und ihrer Partei wäre wieder aufgebrochen. Der Verdacht, sie habe »wieder einmal« einen gefährlichen Konkurrenten aus dem Weg räumen wollen, wäre im Falle Guttenberg lauter artikuliert worden als jemals zuvor. All das konnte Merkel sich schon zu Beginn der Affäre – von der ihr Sprecher sagte, die Kanzlerin beobachte die Sache »mit Interesse« – an fünf Fingern abzählen. So ließ sie es treiben .

Am Dienstag dieser Woche, in der Stadthalle von Karlsruhe, spricht Angela Merkel viel über »Leistung« und Zuverlässigkeit«. Sie schimpft auf die Stuttgart-21-Gegner, die dafür sind, dass »einige mit dem Hubschrauber zum Flughafen fliegen und andere nicht mehr vorankommen«. Bevor die Kanzlerin dann in ihren Hubschrauber steigt, singen sie alle zusammen noch das Deutschlandlied. Die ganze Halle singt »Einigkeit und Recht und Freiheit«, und während sie alle so singen, wird klar, dass die ehemalige Wissenschaftlerin Doktor Angela Merkel, die vor bald elf Jahren Vorsitzende der CDU wurde, weil sie den fortdauernden Rechtsbruch Helmut Kohls inakzeptabel fand und lange als Fremdkörper galt, inzwischen doch ganz gut in ihrer Partei angekommen ist.