Die Kanzlerin erfuhr vom Rücktritt ihres Verteidigungsministers auf der Computermesse Cebit . Vielleicht ist das ein gutes Bild für das Verhältnis von Politik und Netz. Nein, das Internet hat Karl-Theodor zu Guttenberg nicht gestürzt, obwohl diese Botschaft sofort nach seinem Rücktritt in die Welt getwittert und gepostet wurde. Aber es hat seinen Fall beschleunigt.

Dabei erschienen die Plagiatsvorwürfe erstmals in einem klassischen »Holzmedium«, der Süddeutschen Zeitung. Am selben Abend legte ein Student, seither anonym berühmt unter dem Namen PlagDoc, ein öffentliches Dokument an, um kritische Stellen aus Guttenbergs Dissertation zu sammeln. Er wurde virtuell überrannt. Am nächsten Tag zog die Seite auf das Wiki GuttenPlag um , wo eine Gruppe von ein paar Hundert Studenten, Informatikern, Philosophen, politischen Gegnern und sonst wie Interessierten bis zum Tag von Guttenbergs Rücktritt 891 plagiierte Stellen fand. Sie waren nicht nur viele, sondern dank ihrer Software auch schnell. GuttenPlag kam in die Tagesschau, und Guttenberg kam immer mehr unter Druck.

Zu Fall gebracht haben ihn schließlich die zerrissene Union, die empörten Wissenschaftler und die bohrenden Medien. Die GuttenPlag-Jäger haben mit ihrer Recherche den Fall wohl vor allem beschleunigt. Schon sammeln sie auf einer Liste, wer als Nächstes drankommt: Dr. Angela Merkel vielleicht oder Dr. Guido Westerwelle. Oder Dr. Margot Käßmann.

Hört jetzt der Streit zwischen Internetaktivisten und netzskeptischen Politikern auf? Seit ein paar Jahren dekliniert sich das Verhältnis zwischen ihnen an Kampfbegriffen wie »Zensursula«, »Wilder Westen« und »Überwachungsstaat« entlang. Besonders schwierig ist die Debatte um das Urheberrecht: Die Regierung will geistiges Eigentum im Internet schützen, weiß aber nicht wirklich, wie. »Die gesamte Regelung für private und sonstige Kopien des § 53 UrhG war in ihrer jüngsten Fassung stark umstritten. Sie erstreckt sich über anderthalb Buchseiten und ist selbst für Fachjuristen nur schwer verständlich«, heißt es in einem aktuellen Bericht der zuständigen Arbeitsgruppe in der Internet-Enquete-Kommission des Bundestags. Netzaktivisten wiederum verteidigen das illegale Herunterladen und Kopieren von Filmen, Liedern und Dokumenten als moderne Kulturpraxis. Als Recht auf copy and paste sozusagen.

Wenn man so will, war auch Guttenbergs Dissertation ein mash-up, ein zusammengestückeltes Produkt, das sich verschiedener Quellen bediente. Er selbst, ausgerechnet er, handelte wie ein »Pirat«, ein Freibeuter des Internets, ein moderner Raubritter. Vielleicht hätte Guttenberg seine Doktorarbeit gar nicht so stark plagiiert, wenn er keinen Zugang zu Google Scholar und Webseiten wie hausarbeiten.de gehabt hätte. Im Netz ist das Abschreiben verführerisch einfach. Was also bedeutet es, dass die Union zwei Wochen lang an ihrem Piraten-Minister festgehalten hat? Und warum jagte ihn die Netzgemeinde, obwohl er doch eigentlich ein Bruder im Geiste war?