Karl-Theodor zu GuttenbergEr war ein Pirat

Der gestürzte Verteidigungsminister hatte mit seinen Jägern im Netz mehr gemeinsam als gedacht, denn schließlich ist er ein Meister des sogenannten Copy and Paste. von 

Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) dreht sich zum Gehen, nachdem er seinen Rücktritt bekannt gegeben hat

Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) dreht sich zum Gehen, nachdem er seinen Rücktritt bekannt gegeben hat  |  © John Macdougall/AFP/Getty Images

Die Kanzlerin erfuhr vom Rücktritt ihres Verteidigungsministers auf der Computermesse Cebit . Vielleicht ist das ein gutes Bild für das Verhältnis von Politik und Netz. Nein, das Internet hat Karl-Theodor zu Guttenberg nicht gestürzt, obwohl diese Botschaft sofort nach seinem Rücktritt in die Welt getwittert und gepostet wurde. Aber es hat seinen Fall beschleunigt.

Dabei erschienen die Plagiatsvorwürfe erstmals in einem klassischen »Holzmedium«, der Süddeutschen Zeitung. Am selben Abend legte ein Student, seither anonym berühmt unter dem Namen PlagDoc, ein öffentliches Dokument an, um kritische Stellen aus Guttenbergs Dissertation zu sammeln. Er wurde virtuell überrannt. Am nächsten Tag zog die Seite auf das Wiki GuttenPlag um , wo eine Gruppe von ein paar Hundert Studenten, Informatikern, Philosophen, politischen Gegnern und sonst wie Interessierten bis zum Tag von Guttenbergs Rücktritt 891 plagiierte Stellen fand. Sie waren nicht nur viele, sondern dank ihrer Software auch schnell. GuttenPlag kam in die Tagesschau, und Guttenberg kam immer mehr unter Druck.

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Zu Fall gebracht haben ihn schließlich die zerrissene Union, die empörten Wissenschaftler und die bohrenden Medien. Die GuttenPlag-Jäger haben mit ihrer Recherche den Fall wohl vor allem beschleunigt. Schon sammeln sie auf einer Liste, wer als Nächstes drankommt: Dr. Angela Merkel vielleicht oder Dr. Guido Westerwelle. Oder Dr. Margot Käßmann.

Hört jetzt der Streit zwischen Internetaktivisten und netzskeptischen Politikern auf? Seit ein paar Jahren dekliniert sich das Verhältnis zwischen ihnen an Kampfbegriffen wie »Zensursula«, »Wilder Westen« und »Überwachungsstaat« entlang. Besonders schwierig ist die Debatte um das Urheberrecht: Die Regierung will geistiges Eigentum im Internet schützen, weiß aber nicht wirklich, wie. »Die gesamte Regelung für private und sonstige Kopien des § 53 UrhG war in ihrer jüngsten Fassung stark umstritten. Sie erstreckt sich über anderthalb Buchseiten und ist selbst für Fachjuristen nur schwer verständlich«, heißt es in einem aktuellen Bericht der zuständigen Arbeitsgruppe in der Internet-Enquete-Kommission des Bundestags. Netzaktivisten wiederum verteidigen das illegale Herunterladen und Kopieren von Filmen, Liedern und Dokumenten als moderne Kulturpraxis. Als Recht auf copy and paste sozusagen.

Wenn man so will, war auch Guttenbergs Dissertation ein mash-up, ein zusammengestückeltes Produkt, das sich verschiedener Quellen bediente. Er selbst, ausgerechnet er, handelte wie ein »Pirat«, ein Freibeuter des Internets, ein moderner Raubritter. Vielleicht hätte Guttenberg seine Doktorarbeit gar nicht so stark plagiiert, wenn er keinen Zugang zu Google Scholar und Webseiten wie hausarbeiten.de gehabt hätte. Im Netz ist das Abschreiben verführerisch einfach. Was also bedeutet es, dass die Union zwei Wochen lang an ihrem Piraten-Minister festgehalten hat? Und warum jagte ihn die Netzgemeinde, obwohl er doch eigentlich ein Bruder im Geiste war?

Leserkommentare
  1. Vergessen wird in Zeiten des WWW und dem hinterherhinkenden Recht, das zum einen die Technik geschaffen wurde um Fußnoten überflüssig zu machen, das Recht macht dies aber fast unmöglich.

    Dokumente im Internet sind in HTML geschrieben, wobei das HT für HyperText steht, also Text der mit Links zu anderen Texten interaktiv verknüft ist. - Stellen sie sich ein Buch vor, bei dem sie jeden Querverweis direkt folgen können ohne Stundenlang durch Bibiliotheken laufen zu müssen. - Ein Traum für Wissenschaftliches Arbeiten, aber auch sonst. - Bei Wikipedia oder im Web kann man dies täglich erleben.

    Aber leider haftet man für Links, also für fremde Inhalte und teilweise ist es strittig ob man damit Copyrights verletzt. - Das ist heute ein großes Problem und es wird imemr größer, je mehr sich Medienlobby und Law-And-Order Politiker drauf einschließen, assistiert von Richtern die keien Ahnung von Technik haben, sondern nur von Römischen Recht.

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    ...was Sie uns mit Ihrem Beitrag mitteilen möchten.

    ad 1 Muß eine Dissertation in gedruckter Form mit einer Mindestauflage vorliegen. Mit Hyperlinks wäre da nicht viel auszurichten.

    ad 2 Liegen ja nicht alle Werke die ein Doktorand zu Rate zieht online vor. Würde er sich auf online verfügbare Literatur beschränken, wäre er sicher ein schlechter Wissenschaftler.

    ad 3 Macht ein Hyperlink die "Fußnote" nicht überflüssig, es könnte sie allerdings eines Tages ersetzen, als "impliziter" Querverweis auf das zitierte Werk mit Autor, Ausgabe, Seite, Absatz. Dazu müßten allerdings zuerst 1&2 erfüllt sein.

    Richter haben von Technik keine Ahnung? Wieviel Patente habe Sie denn schon angemeldet?

  2. Ich lese eigentlich die Zeit deshalb, weil ich eben nicht die Bildzeitung lesen will. Ein "Pirat" nimmt unter massiver Gewalt das Leben anderer in Beschlag. Ich möchte nicht auf dem begriff rumhacken, aber vielleicht kann man langsam aufhören, den Mann zu diffamieren. Er hat wegen seiner Titels betrogen. Gut. Aber er ist kein Pirat.

    Und nun ist er zurück getreten von allen Ämtern.

    An die Redaktion bezüglich dieses Themas: "Go home, the war is over."

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    Sehe ich genauso. Der Mann hat seine Konsequenz, zu Recht, gezogen. Das war mehr als Notwendig. Da er nun gegangen ist, kann sich die Presse auch bitte wieder anderen Dingen Widmen. Wenn die Staatsanwaltschaft noch ermitteln will. Bitteschön. Ist auch gut so. Aber nicht noch mehr Gutenberg Artikel. Die Geschehnisse in der Arabische Welt sind Momentan wesentlich wichtiger.
    Man knüppelt nicht auf einen am Boden liegenden ein!

    • dth
    • 03. März 2011 13:07 Uhr

    "Pirat" ist negativ wie positiv besetzt, je nach dem, wer es verwendet. Mit "Piraten" wird wohl Bezug genommen auf Filesharing, Piratenpartei und all jene, die ein weniger restriktive Urheberrecht fordern.
    Wie immer man dazu steht, das "kopieren" von Guttenberg unterscheidet sich aber von dem "kopieren", das von verschiedenen Bewegungen gefordert wird. Guttenberg hat die Urheberschaft behauptet. Den verschiedenen "Piraten" geht es jedoch um eine freie Nutzung (Privatkopie, Kulturflatrate, freie, wissenschaftliche Publikationen etc.) und keine Strafverfolgung und Überwachung wegen nicht kommerzieller Kopien. Das Recht des Urhebers, genannt zu werden, ist auch meist in diesen Kreisen sehr wichtig.
    Guttenbergs Verstoß wird durch diese Einordnung als "Pirat" also eher verniedlicht.
    Wenn man sich die Forderungen anhört, die von Medienlobby und Politik oft für den Umgang mit jugendlichen Nutzern illegaler Downloads gestellt werden, kommt Guttenberg ohnehin noch äußerst glimpflich weg.

    Mich beschleicht der Verdacht, dass Sie entweder dem Artikel nicht gelesen haben oder ihn schlichtweg nicht verstanden haben.

    Meines Erachtens wird hier vom Autor eine Nähe zur Piratenpartei, welche u.a. das derzeitige Urheberrecht in Zeiten des Inets "anprangert", suggeriert. Dies hat aber leider gar nichts mit Jack Sparrow oder Long John Silver zu tun ;-).

    Danke für Ihre Sc hlussbemerkung, die ich ebenfalls vertrete.

    Aber hier findet kein Krieg statt sondern eine Hetzjagd. Das Wild wird solange gehetzt bis es tot ist.

    Wer ohne ....

    Schon richtig, aber es geht in dem Artikel nicht darum nochmal auf Guttenberg rumzuhacken sondern darum, wie Politik und Internetgemeinde mit der Causa Guttenberg umgegangen sind. Natürlich kann man jetzt einfach zum nächsten Thema übergehen, aber was bringt einem die ganze Geschichte, wenn man nichts draus lernt?

    Nein MrPommeroy!

    Da muss ich die ZEIT-Redaktion schon ein wenig in Schutz nehmen.

    Der Krieg, den Sie beschreiben, der fängt gerade erst an. Durch das Internet haben alle Menschen weltweit ein neues, sehr wirksames Mittel gefunden, um sich zu vernetzen und blitzschnell Inhalte zu veröffentlichen. Das ist sehr zu begrüßen, da hierdurch der Bürger erstmals, eine noch uneinzuschätzende, Macht in die Hand bekommt.

    Früher waren nur die sogenannten "Leader" ausreichend gut vernetzt.

    Und die Diskussion um geistiges EIgentum sollte mit großer Ernsthaftigkeit geführt werden. Bitte bedenken SIe die Armut an Bodenschätzen in Deutschland. Wir brauchen die Schöpfer geistigen Eigentums um die Armut an nahezu allem Anderen zu kompensieren.

    Und ob Guttenberg nun als Pirat bezeichnet wird ist beinahe nebensächlich. Die Piratenpartei hat auch nur wenig oder keine echten Piraten als Mitglieder.

    Da sieht man mal, wer was verstanden hat, und wer nicht ...

  3. Es ist die Souveränitätsshow, die die Menschen fasziniert. Er macht Fehler wie wir, aber er wird nicht hilflos. Wenn er fällt, dann als Märtyrer. Alles dient seiner Vergrößerung. Er markiertdie immerwährende Höhe. Das hat viele Menschen schon immer begeistert.
    Der Preis dieser Lügen ist letztlich die Selbstdestruktion. Das sitzt wie eine offene, schwärende Wunde unterm Hemd solange die Wahrheit "Betrug" und "absichtliche Täuschung" nicht ausgesprochen ist.

  4. ...auf die Internet-Gemeinde wohl so nicht: "Sie bekämpfen einen Unionspolitiker, der sich ihrer Kulturpraxis des copy and paste bedient hat."

    Sie haben ihn nicht "bekämpft" sondern lediglich aufgedeckt, wie intensiv er sich dieses Hilfsmittels bedient hat, ohne den geistigen Urheber zu nennen.

    Der Vorwurf war nicht das "Copy & Paste" sondern die Häuptlingshaube bestickt mit fremden Federn.

  5. Präzision vor Tempo, so lautet die Grundsatzregel wissenschaftlicher Arbeit und wir erleben in der Causa Guttenberg ein Spiegelbild unserer beschleunigten Zeit, einer Zeit, die einen Expresszug auf die Reise geschickt hat, auf den auch die Wissenschaft und die Hochschulen aufgesprungen sind. Die europäische Gleichschaltung der Hochschulstudien und Diplome hat sich auf Druck von Wirtschaft und Politik in eine reziproke Tempofalle begeben, indem alles immer komprimierter und zügiger im Bereich der Hochschullehre durchgezogen wird, aber die Realität der Wissenschaft zeigt eindeutig, dass exzellente Ergebnisse niemals durch Schnelligkeit erzielt werden können. Was Politik und Wirtschaft vorgeben, ist aus Angst im globalisiertem Wettrennen entstanden, wenn die Wortführer der Tempomacher dauernd mit erhobenen Zeigefinger auf China, Japan oder Indien deuten und damit eine Erpressung implizieren. Jetzt heißt es, Ursachenforschung zu betreiben, denn Guttenbergs Fall ist sicherlich kein Solitär, gerade in Politik und Wirtschaft tummeln sich Doktoren en masse, die im Prinzip diesen Titel nur noch aus Prestigegründen führen, viele haben niemals in der Forschung gearbeitet und benutzten den Dr. als Türöffner für höhere Etagen. Zu Recht haben sich die Doktoranden und Professoren einhellig gegen diese marginalisierte Kriminalität des Plagiierens gestellt, denn gerade in Deutschland stehen wir in Abhängigkeit von unserre einzigen wichtigen Ressource: Bildung und Wissenschaft.

    W. Neisser

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    ...Studienbedingungen, sondern vom Erwerb des Doktor-Titels.

    Zu Guttenberg hat sich 7 (in Worten sieben) Jahre Zeit genommen um seine Arbeit fertigzustellen. Von Zeitdruck oder Hektik kann man da wohl kaum sprechen.

  6. Diejenigen 'Piraten', die sich mit den Urheberrechtsproblematiken wirklich auseinander setzen haben mit Guttenberg nichts gemein. Guttenberg beanspruchte Urheberschaft, das ist etwas als etwas nicht physisches transparent zu nutzen.

    'Piraten' haben da schon eher etwas mit redlichen Wissenschaftlern gemeinsam, denn sie machen Information publik und geben i.d.R. die Quellen durchaus an.

    Die sog. 'Mash-Up'-Praxis mit diesen 'Piraten' in Einklang bringen zu wollen würde ich eher als Versuch bezeichnen, diese in Misskredit bringen zu wollen.

    Unbestritten gehören Urheberrechtsverletzungen z.B. in Peer-to-Peer-Netzwerken ebenso unter diesen Piratenbegriff, aber hier haben wir es ebenso mit Gruppen zu tun, die berechtigt Information gemeinfrei machen und solchen die durchaus legitim erscheinen, wenn sie z.B. auch nicht freie Werke für Gruppen zugänglich machen, die legal keinen Zugang bekommen könnten.

    Aber insgesammt erscheint mir vor allem ungeschickt, den Begriff 'Piraten' überhaupt zu nutzen, der in dieser Domäne nicht klar definiert ist und lediglich zur Erregung von Aufmerksamkeit eingestreut ist ohne der Klarheit zu dienen.

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    ist es!
    Ich bin ein wenig aufgebracht über diesen Artikel!
    Die Piratenpartei und die Menschen, die hinter ihnen stehen, würden in der Vielzahl das Vorgehen Guttenbergs vermutlich verurteilen!
    Dieser hat so getan als wäre es sein Verdienst, seine Arbeit, dabei ist es einfach abgeschrieben. Die Piraten setzen sich dafür ein, dass man Kulturgütter leichter nutzen kann, nicht aber setzen sie sich dafür ein, dass man so tun dürfte, als hätte man dieses Werk geschaffen.
    Vielen dank an meinen Vorkommentator und an die Zeit:
    Hausgaben machen, bitte!

  7. ...was Sie uns mit Ihrem Beitrag mitteilen möchten.

    ad 1 Muß eine Dissertation in gedruckter Form mit einer Mindestauflage vorliegen. Mit Hyperlinks wäre da nicht viel auszurichten.

    ad 2 Liegen ja nicht alle Werke die ein Doktorand zu Rate zieht online vor. Würde er sich auf online verfügbare Literatur beschränken, wäre er sicher ein schlechter Wissenschaftler.

    ad 3 Macht ein Hyperlink die "Fußnote" nicht überflüssig, es könnte sie allerdings eines Tages ersetzen, als "impliziter" Querverweis auf das zitierte Werk mit Autor, Ausgabe, Seite, Absatz. Dazu müßten allerdings zuerst 1&2 erfüllt sein.

  8. Das 'Netz' ist lediglich ein Medium. 'Die Politik', selbst ebenfalls eher eine Plattform als Gruppe - ich nehme also Politiker an, sind ebenso heterogen wie es die Nutzer des Internets sind.

    Ein aussagekräftiger Artikel müsste sich also mit einzelnen zuzuordnenden Positionen beschäftigen, statt einen Konflikt zwischen 'der Politik' und 'dem Netz' zu konstatieren, der untauglich ist, da aus falschem folgt was beliebt.

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