Medizingeschichte"Der Schmertz kam sehr heftig"

Seit der Antike kämpft die Medizin gegen den Krebs. Vor allem der Brustkrebs forderte die Ärzte immer wieder heraus. von 

Brustkrebschirurgie im 18. Jahrhundert: Das damals neue, sichelartige Instrument fand kaum Anwendung. Meist wurde nur mit dem scharfen Messer operiert

Brustkrebschirurgie im 18. Jahrhundert: Das damals neue, sichelartige Instrument fand kaum Anwendung. Meist wurde nur mit dem scharfen Messer operiert  |  © Wikimedia Commons

Hätte es schon Illustrierte gegeben, wäre die Perserkönigin Atossa, Gemahlin Darius’ I., vermutlich zum Liebling des Boulevards geworden. Sie war attraktiv (Atossa: »die mit den schönen Rundungen«). Sie war reich: Ihr Clan regierte in einem goldenen Palast ein Imperium, das sich von Bulgarien bis Indien erstreckte. Und sie war bedauernswert, denn in ihrer Brust wuchs ein Knoten, der ihr Angst machte. Sie verbarg das Geschwür, bis es nicht mehr zu verbergen war. Es begann zu bluten und zu nässen.

Im 5. Jahrhundert vor Christus gab es noch keine Reporter, aber den griechischen Geschichtsschreiber Herodot. Er hielt das Schicksal der Königin fest. So wurde Atossa die erste namentlich bekannte Krebspatientin der Welt. Erfreulicher- und überraschenderweise fand die royale Krankengeschichte sogar ein glückliches Ende: In ihrer Not wandte sich Atossa an den medizinkundigen Sklaven Demokedes, und der habe sie, so berichtet Herodot, »durch seine Behandlung gesund gemacht«.

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Auch das wäre eine Premiere. Denn das Leiden an sich war zu dieser Zeit schon gut zwei Jahrtausende bekannt – aber man hielt es für unheilbar. So listet der ägyptische Universalgelehrte Imhotep 2625 vor Christus in einer medizinischen Abhandlung insgesamt 48 Gebrechen nebst Therapien auf. Vom Hautabszess bis zum Schädelbruch – alles ist in dem Papyrus ausführlich beschrieben. Nur bei Fall 45, den »aus der Brust hervorquellenden Massen«, wird der Gelehrte wortkarg. Zur Therapie heißt es knapp: »Es gibt keine.«

Nachdem Atossas Fall aktenkundig geworden war, bezweifelten viele, dass tatsächlich ein Arzt die monströse Krankheit besiegt haben sollte. Und diese Zweifel keimen bis heute wieder auf, wenn ein neues Mittel erst große Hoffnungen weckt und am Ende doch enttäuscht. Zwar gilt gerade der Brustkrebs im Vergleich zu anderen Tumorarten als relativ gut therapierbar, wie Mathias Warm, Chefarzt am Brustzentrum Köln-Holweide, bestätigt. Inzwischen überleben gut 80 Prozent der Patientinnen die ersten fünf Jahre nach der Diagnose – allerdings streut die Krankheit oft und befällt dann andere Organe.

Wir wissen nicht, wie es Atossa wirklich erging. Altertumskundler halten Herodot für eine wenig objektive Quelle. Josef Wiesehöfer von der Universität Kiel zum Beispiel glaubt, dass der Grieche die Geschichte vor allem deshalb aufgeschrieben habe, um den Sklaven Demokedes, der ebenfalls Grieche war, »ins rechte Licht zu rücken«. Tatsächlich weist Herodots Bericht viele Lücken auf. So teilt er uns nicht mit, worin die Behandlung bestand, nicht, wie lange Atossa überlebte, und erst recht nicht, woran sie schließlich 475 vor Christus im Alter von 75 Jahren starb. Im Grunde können wir nicht einmal sicher sein, ob die Königin wirklich an Krebs litt.

Bleibt die Tatsache, dass die Krankheit just in der Zeit des Herodot ins Bewusstsein der Menschen rückte. Zentrum der Forschung war eine Insel dicht vor der Küste Kleinasiens: Kos. Ob die frühe Verehrung des Heilgotts Asklepios den Forscherfleiß auf dem Eiland förderte oder ob es einfach am Ausnahmetalent des dort geborenen Arztes Hippokrates lag – in jedem Fall sollte Hippokrates von Kos (460 bis 370 vor Christus) die Medizin für Jahrhunderte prägen.

Mit seinen Schülern untersuchte er Geschwüre in verschiedensten Organen. An der weiblichen Brust ließ sich die Krankheit besonders anschaulich studieren. Die Ärzte beobachteten Tumoren, die sich ins Fleisch eingegraben hatten wie Krabben im Sand, Panzer aus weißem, schlecht durchblutetem Gewebe. Karkinos nannten sie das, was sie da sahen, und gaben dem Leiden damit den Namen, den es heute in fast allen Sprachen trägt: Krebs.

Den Terminus karkinoma, Karzinom, reservierten die griechischen Gelehrten für besonders schwere Verlaufsformen der Krankheit. Die Unterscheidung, was gut- und was bösartig war, fiel ihnen allerdings noch schwer. Letzte Klarheit brachte oft erst, bitter genug, der Tod des Patienten.

Natürlich gab es damals schon die ersten Therapieversuche. In den Schriften der Medizinerschule finden sich Anleitungen, wie man Spülungen für Patientinnen mit Brust- und Gebärmutterkrebs zubereitet und Geschwüre im Schlund entfernt. Bei der Behandlung von Tumoren, die sich im Körper fortpflanzen, riet Hippokrates aber zur Abstinenz. Diese Geschwüre lasse man als Arzt »am besten unbehandelt, weil die Patienten so länger leben«.

Diese Meinung vertritt Galenus von Pergamon noch 500 Jahre später. Der auf dem Gebiet der heutigen Türkei geborene Grieche ist ein gefragter Society-Doktor, vom Jahr 169 an sogar Leibarzt des römischen Kaisers. Weniger noch als sein Vorbild Hippokrates vertraut Galen der Chirurgie. Stattdessen entwickelt er dessen Theorie weiter, wonach alle Krankheiten durch Ungleichgewichte in Körper und Seele verursacht würden. Um Heilung zu bewirken, meint Galen, müsse man am Temperament arbeiten und vor allem die Balance zwischen Blut, Schleim, schwarzer und gelber Galle wiederherstellen. Für den Krebs macht er einen Hang zur Melancholie und einen Überschuss an schwarzer Galle verantwortlich.

Leserkommentare
  1. "Um Heilung zu bewirken, meint Galen, müsse man am Temperament arbeiten und vor allem die Balance zwischen Blut, Schleim, schwarzer und gelber Galle wiederherstellen. Für den Krebs macht er einen Hang zur Melancholie und einen Überschuss an schwarzer Galle verantwortlich."

    Melancholische Menschen lassen sich hängen, mit Folgen für den ganzen Organismus. Ein gut durchbluteter, mit Sauerstoff versorgter Körper bietet dem Krebs eine Barriere. Optimismus und Sport sind ein sehr guter Ansatz.
    Sport

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    • undee
    • 18. März 2012 17:28 Uhr

    »Die Psychologisierung der Krankheit Krebs spiegelt Kontrollmöglichkeiten über Dinge vor, die sich der menschlichen Kontrolle entziehen«

    • undee
    • 18. März 2012 17:28 Uhr

    »Die Psychologisierung der Krankheit Krebs spiegelt Kontrollmöglichkeiten über Dinge vor, die sich der menschlichen Kontrolle entziehen«

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