Drei Jahre liegen zwischen der ersten Kontaktaufnahme und diesem Tag, an dem Roberto Yáñez Betancourt y Honecker zehn Minuten zu früh an der U-Bahn-Station Los Leones in Santiago de Chile wartet. Drei Jahre, in denen er nicht reden wollte, in denen er nicht reden durfte, weil Margot Honecker, seine Großmutter, bei der er lebt, nicht wollte, dass Familienmitglieder mit einer deutschen Zeitung sprechen. Roberto Yáñez ist der Sohn von deren Tochter Sonja, der Enkel von Erich Honecker. 1990, kurz nach dem Fall der Mauer, ist seine Familie nach Chile ausgereist, in das Land seines Vaters, der in den siebziger Jahren vor der Diktatur in seiner Heimat in die DDR geflohen war. Von Roberto wusste man nie viel. Man hörte manchmal, er habe Privilegien gehabt, wie sie nicht viele Kinder hatten in der DDR, später hieß es dann, er nehme Drogen, und neulich schrieb der Berliner Kurier über sein trauriges Leben als Straßenmusikant in Chile. Jetzt will er ein paar Dinge richtigstellen. Jetzt, mit 36, zwanzig Jahre nachdem seine Kindheit von einem Tag auf den anderen endete, ist er so weit, sich frei zu machen vom Wort der Großmutter.

»Pünktlich wie ein Deutscher«, sagt er grinsend zur Begrüßung. Er spricht ohne Akzent. Ein groß gewachsener Mann, kräftig, mit einem mächtigen Bauch, über dem ein weites, bis zur Brust offenes Hemd flattert. Ein Künstlertyp mit blondem Fusselbart.

Yáñez ist misstrauisch, stellt erst mal lieber Fragen, anstatt selbst zu reden. Er will wissen, ob es in Deutschland möglich sei, dass ehemalige Stasi-Offiziere zur besten Sendezeit im Fernsehen moderieren, so wie das Ex-Geheimdienstleute in Chile tun. Ihn interessiert, was die Deutschen heute denken über den Mauerfall. Er steckt das Terrain ab. Es ist in Ordnung, über seine Großeltern zu sprechen, aber die Eltern sind tabu. Er sagt, die Leute, die seinem Vater damals nach dem Leben trachteten, seien immer noch sehr aufmerksam. Gerne sprechen will er über seine Kunst. Als im September letzten Jahres während der Langen Nacht der Museen 100.000 Gedichte aus einem Helikopter auf den Berliner Lustgarten regneten, war auch eins von ihm dabei. Gegenüber stand einmal der Palast der Republik. Es ist die Gegend von Berlin, in der er aufgewachsen ist.

ZEITmagazin: Herr Yáñez, dieses Gedicht, das im September, unweit Ihres alten Elternhauses, auf Berlin flatterte – wie kam es dazu?

Yáñez: Ein Freund von mir, Julio Carrasco, mit dem ich vor vielen Jahren in Santiago in der Literaturwerkstatt gewesen bin, hat die Aktion organisiert. Er gehört zu einer chilenischen Künstlergruppe namens Casagrande. Sie geben eine Zeitschrift heraus, und in unregelmäßigen Abständen bombardieren sie Städte, in denen früher Krieg gewesen ist, mit Poesie. Sozusagen als Reparationsaktion.

ZEITmagazin: Was hatten Sie zu reparieren in Berlin?

Yáñez: Ich musste dort nichts reparieren. Es gibt keine Schuld, die ich abzutragen hätte, aber trotzdem war Berlin für mich etwas Besonderes. Es war ein Abschluss, ein Zeichen, dass es mich noch gibt nach einer Zeit, die man mit Arthur Rimbauds berühmtem Buch als eine »Saison in der Hölle« bezeichnen kann.

ZEITmagazin: Wovon handelt Ihr Gedicht, das auf Berlin geregnet ist?

Yáñez: Es heißt Der Springer. Darin geht es um einen grünen Mann, dem nicht bewusst ist, dass er grün ist. Einen Mann, der springt, aber nicht weiß, wohin. Der außerhalb der Zeit lebt und an einem Ort geboren wurde, den es nicht gibt. Ein bisschen ambiguo das Ganze, kann man das so sagen? Ein bisschen surreal. Ohne klare Bedeutung.

ZEITmagazin: Sind Sie der grüne Mann?

Yáñez: Kann sein. Aber ich weiß inzwischen wieder, wer ich bin.

ZEITmagazin: Wie lange waren Sie nicht in Berlin?

Yáñez: Seit wir geflohen sind vor 21 Jahren.

ZEITmagazin: Welche Erinnerungen haben Sie?

Yáñez: Die Hochhäuser, das Plattenbausystem der DDR, billige Brötchen. Und natürlich die Mauer, die ist meine wichtigste Erinnerung. Ich hatte Pionierappell vor der Mauer, bin nahe der Mauer in die Reinhold-Huhn-Schule gegangen. Wir wohnten in der Leipziger Straße in Mitte, eine einfache Wohnung, drei Zimmer, zwölfter Stock, Westbalkon mit Blick nach drüben. Es mag sich vielleicht komisch anhören, weil es mein Großvater gewesen ist, der sie gebaut hat, aber mir hat diese Mauer nie gefallen. Für mich bedeutete sie ein Verbot. Eine Begrenzung meiner Freiheit. Ich wäre gern mal rüber, um zu sehen, ob es stimmt, was sie uns immer erzählten von der Ausbeutung der Arbeiter, den vielen Arbeitslosen.