Jesu Abendmahl mit seinen Jüngern kann auf vielerlei Weise gedeutet werden: als Vorabend des Pessachfestes, als Gemeinschaftsmahl seiner Jünger, als Kiddusch derer, die sich Jesu weitere Familie nennen … Die biblischen Hinweise sind mehrdeutig. Gerade in jüngerer Zeit ist strittig, ob das letzte Abendmahl Jesu ein Pessachmahl gewesen ist. Doch die Evangelien sind nicht der Polizeibericht. Sie halten Rückschau auf Jesus aus zeitlicher Distanz und auch mit unterschiedlichen theologischen Vorverständnissen. Als Tatsachenberichte sind sie also ungeeignet. Papst Benedikt XVI. selbst beklagt im ersten Band seiner Jesus-Biografie die Ergebnisse der universitären Exegese, »dass wir jedenfalls wenig Sicheres über Jesus wissen und dass der Glaube an seine Gottheit erst nachträglich sein Bild geformt« habe. Doch genau das wäre auch die Sicht des Judentums.

Die Evangelien sind uneins, an welchem Tag des jüdischen Kalenders Jesus starb

»Dies tut zu meinem Gedenken« (Lk 22,19; 1 Kor 11,24f): So eröffnet Jesus von Nazareth das Abendmahl, als eine Feier zum Gedächtnis an ihn. Damit stellt er eine Verbindung zum jüdischen Pessachfest her, das an den Auszug der Israeliten aus Ägypten und an ihre Rettung durch Gott erinnert. Damals gebot Gott den Israeliten, am 14. des Monats Nisan vor Sonnenuntergang ein Lamm zu schlachten. In dieser Nacht sollten sie das Lamm mit ungesäuertem Brot und Bitterkräutern essen. Das Schlachtblut aber sei ein Zeichen an den Toren des Hauses, damit Gott die Erstgeborenen Israels verschone, wenn er als zehnte Plage die Erstgeborenen der Ägypter tötet.

In dieser Weise sollte Pessach jedes Jahr wiederholt werden. Mit dem Bau des Jerusalemer Tempels wurde es zu einem der jüdischen Pilgerfeste, und das Schlachtopfer hatte am Nachmittag des 14. Nisan zu erfolgen. Bei Sonnenuntergang brach der folgende Tag an, der 15. Nisan, an dem das Mahl gegessen wurde. Mit der Zeit entwickelte sich das Ritual weiter, und in der rabbinischen Tradition bildete sich die Ordnung des Sedermahls heraus: ungesäuertes Brot wurde gebrochen, Wein getrunken, Lieder gesungen und die Symbolik des Mahles erörtert. Pessach ist eng verbunden mit der Hoffnung auf den Retter, der einmal kommen wird: den Messias. Durch die Verbindung des christlichen Abendmahls mit dem jüdischen Sederabend soll deutlich werden: Jesus sieht sich als dieser Messias.

Das jedenfalls scheint die Absicht der Evangelisten Markus, Lukas und Matthäus zu sein, wenn sie davon ausgehen, dass Jesu Abendmahl ein jüdisches Sedermahl gewesen ist. Die Hinrichtung unter Pontius Pilatus geschah nach allen vier Evangelien am Vortag eines Schabbats, also an einem Freitag. Für die Synoptiker Markus, Lukas und Matthäus war es der Hauptfesttag des Pessach nach dem Sederabend, der 15. Nisan im jüdischen Kalender. Für Johannes dagegen war es der Rüsttag zum Pessachfest, also der 14. Nisan. Diese Terminierung im Johannesevangelium hat rein theologische Bedeutung: Jesus wäre dann nämlich zur Zeit der Schlachtung der Pessach-Lämmer gestorben. Dem Evangelisten war die Parallelität wichtig: Jesus als Opferlamm.

Die frühchristlichen Evangelien gelten als die wichtigsten Quellen zum äußeren Lebensgang Jesu. Ihre je unterschiedlichen Akzente machen aber auch deutlich: Es handelt sich nicht um historische Aussagen. Vielmehr haben sie theologische Bedeutung. Nur eines können wir sicher ableiten: Jesus war Jude – und sein jüdisches Umfeld ist kein kultureller Zufall. Deshalb kam der Bruch zwischen Judentum und Christentum auch nicht in der Person Jesu. Den jüdischen Kontext Jesu darf man gegenüber seinem Heilshandeln als »Christos« der Kirche nicht vernachlässigen. Vielmehr muss man Jesus ganz und gar in seinem jüdischen Kontext verstehen, aus dem er zeitlebens nicht heraustrat.

In den synoptischen Evangelien begegnet uns Jesus, der Jude. Als Erstgeborener einer jüdischen Familie wurde er im Tempel ausgelöst; später erlernte er den Beruf seines Vaters Joseph. Doch nach Lukas beeindruckte Jesus die Jerusalemer Schriftgelehrten schon als Zwölfjähriger mit seiner guten Thorakenntnis – was auf den Besuch eines Lehrhauses hindeutet, aber auch ein fiktionaler Einschub sein kann, um ihn als herausragenden Thoralehrer zu kennzeichnen. Jesu Taufe im Jordan jedenfalls entspricht der Tewila, dem traditionellen Ganzkörpertauchbad zur rituellen Reinigung. Infolge seiner eigenen Berufungserfahrung kehrt Jesus nach Galiläa zurück und beginnt sein Wirken als charismatischer Wanderprediger. Sein Wohnsitz ist Kapernaum am See Genezareth, sein Wirkungskreis aber ist das jüdisch besiedelte Gebiet nördlich und östlich des Sees. .

Jesu Predigt- und Argumentationsstil ist im Wesentlichen rabbinisch, seine Gleichnisse (hebräisch: meshalim) folgen der biblischen Bildersprache, wobei die Bilder aus dem landwirtschaftlichen Alltag und der Fischerei stammen: der Sämann, das Senfkorn, der Menschenfischer. Seine ersten Jünger nannten ihn »Rabbi« (Mk 9,5; 11,21; 14,45; Joh 1,38.49; Joh 3,2; 4,31 u. a.) oder »Rabbuni« (Mk 10,51; Joh 20,16). Der Name drückte Ehrerbietung aus und gab Jesus denselben Rang wie den pharisäischen Schriftgelehrten. Genau wie der berühmte Rabbi Hillel, einer der bedeutendsten Lehrer aus der Zeit vor der Zerstörung des zweiten Tempels, räumte Jesus der Nächstenliebe den gleichen Rang wie der Gottesfurcht ein.

Aus einer christlichen Verkennung des Judentums zur Zeit Jesu wurde lange angenommen, dass Jesus eine aus dem Judentum unableitbare Auslegung des Religionsgesetzes vertreten habe. Doch ein normativ verstandenes Judentum bildete sich erst mit der Zerstörung des Tempels in Jerusalem ab dem Jahr 70 nach der Zeitenwende langsam heraus. Zur Zeit Jesu war es enorm vielgestaltig, und wir haben keinerlei Problem, seine Deutung der Thora als innerjüdisch zu verstehen. Jesu Armenfürsorge, Heilungen und die Einheit von Beten und Almosengeben ähneln sehr dem späteren Auftreten des Wundercharismatikers Chanina Ben Dosa (um 40–75), eines Vertreters des galiläischen Chassidismus. Auch deswegen ordnen heutige Religionswissenschaftler Jesus von Nazareth ganz in das damalige Judentum ein.