Der Bauch, auf den das Land guckt, steckt unter einem eng anliegenden, grauen Strickpullover. Eine Halskette aus Glassteinen und Metallkugeln ruht darauf. Auf einer Leinwand läuft ein Video: Ein Baby, 20 Minuten alt, wird von seiner Mutter im Arm gehalten; im Handrücken der Mutter, die noch verschwitzt und erschöpft ist von der Geburt, steckt eine Kanüle. Eine lange Einstellung, ein intimer Moment. Erst wirkt das Baby ganz zufrieden, dann huscht ein Anflug von Unmut über sein Gesicht, es kneift die Augen zusammen, als wäre es geblendet, irgendwann fängt es an zu weinen, dann zu schreien. Eine Familienhebamme führt den Film vor, Anschauungsmaterial aus einem Elternkurs mit dem Titel Das Baby verstehen . Sie würde der Ministerin gern noch mehr Videos zeigen, aber die Zeit drängt, und irgendetwas stimmt nicht in diesem Raum. Die Ministerin, deren Bauch sich hebt und senkt, sie scheint sich nicht ganz wohlzufühlen, als ahnte sie, was kommt. Ein Lokalreporter fragt: »Frau Schröder, jetzt muss ich mal indiskret sein, weil Sie das ja auch persönlich betrifft: Würden Sie so einen Kurs in Anspruch nehmen?«

Es ist einer der wenigen Momente, in denen Kristina Schröder nicht nickt und lächelt, während ein anderer zu ihr spricht. Ob er das jetzt auch einen Mann gefragt hätte, gibt sie mit einer kleinen Dosis Gift zurück. Dann macht sie eine lange Pause (Absicht? Verlegenheit? Verzweiflung?) und sagt: »Wenn ich das Gefühl hätte, dass ich es brauche, würde ich das Angebot ergreifen.«

Ein Kurs mit anderen werdenden Eltern, das wäre so ziemlich das Letzte, was sie machen würde, selbst wenn dieser hier auch Akademikereltern ansprechen soll, Frauen wie sie. Kristina Schröder aber hat beschlossen, dass das Private nicht politisch ist. Ein Rollenvorbild will sie nicht sein, keine Projektionsfläche für die Aufstiegsträume junger Frauen.

Es ist eigenartig: Quasi überall, wo sie zurzeit auftaucht, ob hier in ihrem Wahlkreis Wiesbaden beim Gespräch mit örtlichen Verantwortlichen aus dem Gesundheitssystem oder in der Hauptstadt, wo die großen Debatten gewälzt werden, Frauen und Quote und so, redet sie über die Vereinbarkeit von Familie und Beruf – aber gleichzeitig tut die erste schwangere Bundesministerin Deutschlands so, als hätte das nichts, aber auch gar nichts mit ihr zu tun. Und jeder kann, von einem Auftritt zum nächsten, dabei zusehen, wie es jeden Tag mehr mit ihr zu tun hat. Jeder versteht ihre Schwangerschaft als Statement einer konservativen Partei, die gern auch modern sein will. Genau um das zu bedienen, hat man sie schließlich geholt.

Kristina Schröder, 33, die Jüngste aus dem »Kid’s Corner« im Kabinett, befindet sich in einer kuriosen Lage. Sie ist eine der ganz wenigen deutschen Frauen, wenn nicht die einzige, für die es kein Karrierehindernis ist, ein Kind zu bekommen, eher im Gegenteil, mindestens beseitigt es einen Makel. »Der Kanzlerin ihr Kind«, heißt es spöttisch in Berlin, es komme ja auch noch praktischerweise in der Sommerpause zur Welt. Diejenigen, die es netter meinen mit ihr, sagen, sie habe ihnen unglaublich leidgetan im letzten Jahr; der Druck aus den eigenen Reihen, nun doch bitte schwanger zu werden, sei enorm gewesen, sagt eine Unionspolitikerin. Außer Ursula von der Leyen hat keine Frau im Kabinett ein Kind; für eine konservative Partei ist das ein echtes Imageproblem. Kristina Schröder wird sich also bald, endlich, nicht mehr den Vorwurf anhören müssen, sie habe ja keine Ahnung von dem Thema, für das sie zuständig ist. Gleichzeitig könnte ihr Vereinbarkeitsproblem kaum größer sein, denn die Frage, die niemand öffentlich zu stellen wagt, lautet: Wie soll das bitte schön gehen – Mutter sein und gleichzeitig Ministerin und Abgeordnete, mit zwei Wohnsitzen, in Berlin und Wiesbaden, 250 Mitarbeitern und einem Mann, der selbst auch einen zweiten Wohnsitz in seinem eigenen Wahlkreis in Schleswig-Holstein hat? Kann sie das schaffen? 

Die Verwandlung von einer talentierten Nachwuchspolitikerin in eine Ministerin und jetzt auch noch in eine Mutter – die ganze Nation sieht bei dieser Bewährungsprobe zu. Das muss man erst mal aushalten.

Als wir Kristina Schröder das erste Mal treffen, im Sommer 2010, steht sie auf der Dachterrasse des Berliner Radialsystems V und sagt »Is’ ja irre hier.« Das Radialsystem V ist ein altes Pumpwerk, das in einen Veranstaltungsort umgewandelt wurde; der Blick geht über die Spree, »weil ich ja gerade eine Wohnung suche, gucke ich immer«, sagt sie, während um sie herum Kameras aufgebaut werden. Gerade hat sie ein paar Etagen tiefer das Politcamp besucht, ein von ihrem Ministerium gesponsertes Treffen von Netzaktivisten und Politikern, bei dem darüber diskutiert wird, wie Politik und Internetcommunity zueinanderfinden könnten. Sie trägt Jeans und ein weißes Top unterm Jackett, dazu Ballerinas, hat so was von gar keinen Bauch, und auf dem Podium hat der Moderator ihr das Kompliment gemacht: »Sie sind die erste Politikerin, bei der ich denke: Die hat wenigstens das Vokabular mal drauf.« Auf einer Leinwand in ihrem Rücken wurden derweil aufgeregte Twitter-Kommentare von Besuchern der Veranstaltung eingeblendet: »Die Familienministerin hat ›beknackt‹ gesagt!«