Vor einigen Tagen wurde im Berliner Maxim Gorki Theater ein Buch vorgestellt, das schon in seinem Titel auf Thilo Sarrazins demografische Panikprognose reagiert: Deutschland schafft sich nicht ab, sondern Deutschland erfindet sich neu. Manifest der Vielen. Dass es zu großen Bucherfolgen, die die Gemüter erregen, Gegenbücher gibt, ist normal. Sie haben oft den Nachteil, dass sie ihre Kraft nur aus ihrem Feindbild beziehen. Das hätte bei diesem Anti-Sarrazin-Buch auch so sein können. Aber es ist ganz anders. Dieses Buch muss nämlich gar nicht viel proklamieren oder moralisierend rumfuchteln. Es genügt schon vollkommen, dass es in der Welt ist, weil allein seine Existenz zeigt, dass es eine andere Wirklichkeit migrantischen Lebens in Deutschland gibt als jene, auf die Thilo Sarrazin und die Islamkritiker gebannt schauen wie das Kaninchen auf die Schlange.

Noch ein Problem haben solche Bücher oft. Sie versammeln hinter sich die Gesinnungsgetreuen, die ohnehin einer Meinung sind, und es liegt dann gerne ein unangenehmer Ton moralischer Selbstgerechtigkeit und diskursiver Abschottung in der Luft. Wie anders hier. Das ganze Buch, das Texte von 30 Autoren – Schriftstellern, Journalisten, Regisseuren, Schauspielern, alle mit Migrationsbiografien – versammelt, ist eine einzige Öffnung, ein Vorhang wird zur Seite gezogen, und plötzlich sieht man, dass die Bühne viel größer ist als nur Problemkieze mit Ehrenmorden und Zwangsehen und dass das eigentliche Geschehen ganz woanders spielt. Dieses Manifest der Vielen muss keine Flagge hissen, es musste nur einmal in seiner ganzen Amplitude auf die Bühne kommen und sagen: »Das alles gibt es also.« Und: »Seht ihr uns eigentlich?«

Da beginnt jetzt etwas. Das Gorki-Theater war brechend voll. Die verschiedensten Milieus von Kopf- bis Einstecktuch waren da. Alle spürten: Es gibt Nachholbedarf. Man sollte sein Wirklichkeitsbild mal updaten. Vielleicht beginnen so Bewusstseinswandlungsprozesse. Es verändert sich dann schleichend das Plausibilitätskräftefeld – welches Schlagwort eher als zutreffende Wirklichkeitsbeschreibung akzeptiert wird.

Wie soll man die, die in diesem Buch das Wort ergreifen, nennen? »Menschen mit Migrationshintergrund« ist eine sozialdiskursive Entmündigungsmaßnahme. Der Moderator spricht an diesem Abend manchmal von der »Community«. Aber jedem ist klar, dieses Wort hilft nicht weiter. Alle suchen nach einem Wort, das nicht wie eine Phalanx wirkt, denn sie sind keine Phalanx, sie sind auch keine Bewegung, auch kein soziokulturelles Milieu – und ganz gewiss keine Parallelgesellschaft mit eigenen Gesetzen. Sie sind in Wahrheit eine Negativmenge, nämlich die heterogene Vielfalt derer, die sich immerzu angesprochen fühlen muss, wenn vom Islam in Deutschland die Rede ist, und die zunehmend entgeistert und wütend realisieren muss, in welche Kategorien sie dabei gestopft wird. Sie teilen alle eine Erfahrung. Wann immer sie sagen: »Schaut mich an«, bekommen sie zu hören: »Ja, du bist die Ausnahme.« Oder wie es die iranische Schauspielerin Pegah Ferydoni ausdrückte: »Ja, ihr Iraner seid nicht das Problem.«

Der Verleger des Blumenbar Verlags, Wolfgang Farkas, hatte das richtige Gespür: Dieses Buch tut not. Die Herausgeberin Hilal Sezgin hat den richtigen Titel gewählt: Manifest der Vielen. Das Vage daran ist in diesem Fall ausgesprochen präzise. Was sich hier versammelt, ist keine Einheit. Auch keine Minderheit. Es sind die vielen, die fassungslos mitansehen, wie sie in einem Sog der Fremdbeschreibung untergehen. Und die jetzt dagegenhalten: »Ihr habt auf den Kanälen das falsche Programm eingeschaltet, zappt mal weiter, dann werdet ihr sehen, dass es noch ein anderes Programm gibt, mit neuen Helden, die ihr nicht verpassen solltet.«