Papst Benedikt XVI. an seinem Schreibtisch in Les Combes, Italien © Arturo Mari / Osservatore Romano/AFP/Getty Images

Das Problem der Datierung von Jesu Letztem Mahl beruht auf dem Widerspruch in dieser Frage zwischen den synoptischen Evangelien einerseits und dem Johannes-Evangelium andererseits. Markus, dem Matthäus und Lukas im Wesentlichen folgen, gibt dazu eine präzise Datierung: »Am ersten Tag des Festes der Ungesäuerten Brote, an dem man das Pascha-Lamm schlachtete, sagten die Jünger zu Jesus: Wo sollen wir das Pascha-Mahl für dich vorbereiten? ... Als es Abend wurde, kam Jesus mit den Zwölf« (Mk 14,12.17). Der Abend des ersten Tags der Ungesäuerten Brote, an dem im Tempel die Pascha-Lämmer geschlachtet werden, ist die Vigil des Pascha-Festes. Nach der Chronologie der Synoptiker ist dies ein Donnerstag.

Nach Sonnenuntergang begann das Pascha-Fest, und zu dieser Zeit wurde das Pascha-Mahl eingenommen – von Jesus mit seinen Jüngern ebenso wie von allen nach Jerusalem gekommenen Pilgern. In der Nacht zum Freitag wurde dann – immer gemäß der synoptischen Chronologie – Jesus verhaftet und vor Gericht gestellt, am Morgen des Freitag durch Pilatus zum Tod verurteilt und anschließend »um die dritte Stunde« (ca. 9 Uhr) ans Kreuz gebracht. Der Tod Jesu ist auf die neunte Stunde (ca. 15 Uhr) datiert. »Da es Rüsttag war, der Tag vor dem Sabbat, und es schon Abend wurde, ging Josef von Arimathäa ... zu Pilatus und wagte es, um den Leichnam Jesu zu bitten« (Mk 15,42f). Das Begräbnis musste noch vor Sonnenuntergang erfolgen, weil dann der Sabbat begann. Der Sabbat ist der Tag der Grabesruhe Jesu. Die Auferstehung ereignet sich am Morgen des »ersten Tages der Woche«, am Sonntag.

Diese Chronologie ist mit dem Problem belastet, dass Prozess und Kreuzigung Jesu am Pascha-Fest stattgefunden hätten, das in jenem Jahr auf einen Freitag fiel. Zwar haben viele Gelehrte zu zeigen versucht, dass Prozess und Kreuzigung mit den Vorschriften des Pascha-Festes vereinbar gewesen seien. Aber trotz aller Gelehrsamkeit erscheint es fragwürdig, dass an diesem für die Juden hohen Fest der Prozess vor Pilatus und die Kreuzigung statthaft und möglich gewesen seien. Überdies steht dem auch eine Notiz bei Markus im Weg. Er sagt uns, dass zwei Tage vor dem Fest der Ungesäuerten Brote die Hohepriester und die Schriftgelehrten nach einer Möglichkeit suchten, Jesus mit List in ihre Gewalt zu bringen und zu töten, dabei aber erklärten: »Ja nicht am Fest, damit es im Volk keinen Aufruhr gibt« (14,1f). Nach der synoptischen Chronologie wäre aber in der Tat gerade am Fest selbst die Hinrichtung Jesu erfolgt.

Wenden wir uns nun der johanneischen Chronologie zu. Johannes achtet sorgfältig darauf, das Letzte Mahl Jesu nicht als Pascha darzustellen. Im Gegenteil: Die jüdischen Autoritäten, die Jesus vor das Gericht des Pilatus stellen, vermeiden es, das Prätorium zu betreten, »um nicht unrein zu werden, sondern das Pascha-Lamm essen zu können« (18,28). Pascha beginnt also erst am Abend, das Pascha-Mahl steht beim Prozess noch bevor; Prozess und Kreuzigung finden am Vortag des Pascha, am »Rüsttag«, statt, nicht am Fest selbst. Das Pascha-Fest erstreckt sich demnach in dem fraglichen Jahr von Freitagabend bis Samstagabend, nicht von Donnerstagabend bis Freitagabend.

Im Übrigen bleibt die Abfolge der Ereignisse gleich. Donnerstagabend: Letztes Mahl Jesu mit den Jüngern, das aber kein Pascha ist; Freitag – Vortag des Festes, nicht Fest –: Prozess und Hinrichtung; Samstag: Grabesruhe; Sonntag: Auferstehung. Bei dieser Chronologie stirbt Jesus zu der Zeit, zu der im Tempel die Pascha-Lämmer geschlachtet werden. Er stirbt als das wirkliche, in den Lämmern nur vorgeahnte Lamm.

Dieser theologisch bedeutsame Zusammenhang, dass Jesus zeitgleich mit der Schlachtung der Pascha-Lämmer stirbt, hat viele Gelehrte dazu bewegt, die johanneische Darstellung als eine theologische Chronologie abzutun. Johannes habe die Chronologie geändert, um diesen theologischen Zusammenhang herzustellen, der freilich im Evangelium nicht ausgesprochen wird. Heute aber sieht man immer deutlicher, dass die johanneische Chronologie historisch wahrscheinlicher ist als die synoptische. Denn wie gesagt: Prozess und Hinrichtung am Fest scheinen kaum denkbar. Andererseits scheint Jesu Letztes Mahl so eng mit der Pascha-Tradition verknüpft, dass die Leugnung seines Pascha-Charakters problematisch ist.

Immer schon sind daher Versuche unternommen worden, die zwei Chronologien miteinander zu versöhnen. Der wichtigste und in vielem beeindruckende Versuch, zu einer Vereinbarkeit beider Überlieferungen zu kommen, stammt von der französischen Forscherin Annie Jaubert, die ihre These seit 1953 in einer Reihe von Veröffentlichungen entwickelt hat. In die Details dieses Vorschlags brauchen wir hier nicht einzugehen; beschränken wir uns auf das Wesentliche.

Frau Jaubert stützt sich vor allem auf zwei frühe Texte, die zu einer Lösung des Problems zu führen scheinen. Da ist zunächst der Hinweis auf einen alten priesterlichen Kalender, der in dem in der zweiten Hälfte des 2. Jahrhunderts v. Chr. auf Hebräisch verfassten Buch der Jubiläen überliefert ist. Dieser Kalender lässt den Umlauf des Mondes außer Acht und sieht ein Jahr mit 364 Tagen vor, das in vier Jahreszeiten zu je drei Monaten geteilt ist, von denen je zwei 30 Tage haben und einer 31 Tage hat. Mit stets 91 Tagen umfasst jedes Vierteljahr exakt 13 Wochen, jedes Jahr also exakt 52 Wochen. Demzufolge fallen die liturgischen Feste jedes Jahres immer auf den gleichen Wochentag. Für Pascha bedeutet dies, dass der 15. Nisan immer ein Mittwoch ist und das Pascha-Mahl nach Sonnenuntergang am Dienstagabend gehalten wird. Jesus habe – so Jaubert – Pascha nach diesem Kalender, also am Dienstagabend, gefeiert und sei in der Nacht zum Mittwoch verhaftet worden.