Palästinenser liefern sich in Jerusalem eine Auseinandersetzung mit israelischen Polizeikräften © Marco Longari/AFP/Getty Images

Wir treffen Sari Nusseibeh in Paris, der Stadt, in der er zuletzt eine Reihe von Gastvorlesungen gehalten hat. Da hat er sich über die Frage gewundert, warum die arabischen Denker sich jahrzehntelang folgenlos Theorien überlegen, während die Selbstverbrennung eines tunesischen Gemüsehändlers auf einmal eine Revolution entfachte. Nusseibeh gibt ein wunderbares Bild eines leicht zerzausten Intellektuellen ab: Er ist Philosoph, weltweit übersetzter Autor, Rektor der Al-Quds-Universität in Jerusalem. Nusseibeh klingt gelöst und froh, wenn er über den politischen Umbruch redet. Sobald aber das Gespräch auf den Islam kommt, wird seine Rede tastend und stockend. »Soll ich meine wahre Meinung sagen?«, fragt er einmal. Über diese Dinge spricht er nicht alle Tage. Und der Missbrauch eines Glaubens, den er in seiner Kindheit als schön und menschlich kannte, bereitet ihm Sorgen.

DIE ZEIT : Herr Nusseibeh, was empfinden Sie beim Anblick der Revolutionen in der arabischen Welt?

Sari Nusseibeh : Ich bin froh und glücklich. Sie machen mich stolz und haben mich mein Selbstbewusstsein als Araber zurückgewinnen lassen. Ich sage nicht, dass alles kurzfristig gut werden wird. Aber allein der Akt der Rebellion gegen Unterdrückung ist ein gutes Omen, ein Zeichen für politisches Potenzial.

ZEIT : Haben Sie keine Bedenken, dass das Militär in Ägypten die Macht festhalten könnte, die es jetzt kommissarisch verwaltet?

Nusseibeh : Mein Gefühl ist, dass die Revolution ihren Zweck schon erfüllt hat: Sie hat den Leuten klargemacht, dass die wirkliche Souveränität bei ihnen liegt, nicht bei der Regierung oder der Armee. Was auch immer noch geschehen mag, ein Sprung wurde gemacht, und sowohl die Menschen als auch die Herrschenden wissen, dass er wieder gemacht werden könnte.

ZEIT : Nicht alle im Westen oder in Israel freuen sich über die Umwälzungen. Sind wir besessen von der Angst um die Stabilität im Nahen und Mittleren Osten?

Nusseibeh : Es ist natürlich, vom Problem der Stabilität besessen zu sein. Irregeleitet sind oder waren der Westen und Israel, wenn es darum geht, wie sich Stabilität schaffen lässt. Als ob das nur durch Unterdrückung der Menschen ginge: Solange die Leute nicht atmen und wir unsere eigenen Vertreter an der Spitze haben, ist es gut. Das ist ein großer Fehler.

ZEIT : Es hat jahrzehntelang funktioniert.

Nusseibeh : Aber es kann nicht ewig funktionieren. Es gibt zwischen Israelis und Palästinensern einen Streit, der auch in einem größeren Zusammenhang relevant ist. Die Israelis sagen: erst Sicherheit, dann Frieden. Die Palästinenser sagen: Wir brauchen Frieden, damit ihr Sicherheit haben könnt. Ich glaube, das ist erwiesen: Es gibt keinen wirklichen Frieden durch Sicherheit. Sicherheit muss aus einer Friedenslösung erwachsen; erst wenn die Leute die politischen Verhältnisse akzeptieren können, entsteht ein gesellschaftlicher Friedenszustand. Die Menschen müssen einen Anteil am System haben, damit es funktionieren kann.

ZEIT : Aus israelischer Sicht sind die arabischen Regierungen problematisch genug, aber die arabischen Völker womöglich noch gefährlicher.

Nusseibeh : Darin äußert sich eine sehr pessimistische Sicht auf die menschliche Natur: Menschen als schreckliche Wesen, die mit Gewalt regiert werden müssen. Aber wir haben gesehen, dass die Jugendlichen, Frauen und Männer, die sich in Tunesien und Ägypten erhoben haben, einfach ein normales Leben führen wollen. Darauf sollte man sich verlassen: die Tatsache, dass Menschen im Wesentlichen so sind – nicht schlecht, sondern normal.

ZEIT : Es besteht kein Grund zu Befürchtungen?

Nusseibeh : Als Israeli oder Amerikaner wäre ich vorsichtig. Aber ich würde nicht zulassen, dass die Vorsicht mein ganzes Handeln bestimmt. Ich würde Raum für den Zweifel lassen.