Frank Bsirske © Andreas Rentz/Getty Images

ZEITmagazin: Herr Bsirske, hat Sie in Ihrem Leben mal jemand gerettet?

Frank Bsirske: Ja, ich hatte einen klasse Lehrer in der Realschule im 9. Schuljahr. Der sagte mir, ich solle meinen Eltern empfehlen, ein Aspirin zu nehmen, bevor sie zum Elternabend gehen. Das ließ mich natürlich Unheil erwarten. Und genauso kam es: Er erklärte meinen Eltern, dass meine Versetzung gefährdet sei, was zu einem sehr ernsthaften Waldspaziergang mit meinem Vater führte. Diese Einschätzung meines Lehrers war überraschend für mich, weil sie gar nicht meinem Selbstbild gerecht wurde.

ZEITmagazin: Wie war denn Ihr Selbstbild?

Bsirske: Dieser Lehrer unterrichtete Deutsch, Gemeinschaftskunde, Geschichte, also meine Lieblingsfächer. Und ich war eigentlich ganz zufrieden mit mir und ahnte keineswegs, dass ich sitzen bleiben könnte.

ZEITmagazin: Worin bestand nun die Rettung?

Bsirske: Dass ich durch dieses Erlebnis den entscheidenden Impuls bekam, mehr an meinem Potenzial zu arbeiten, anstatt so achtlos damit umzugehen. Eineinhalb Jahre später bin ich als Einziger aus der Klasse aufs Gymnasium gewechselt.

Alle Interviews aus der Serie des ZEITmagazins zum Nachlesen

ZEITmagazin: Weil der Lehrer Ihnen klarmachte, dass Sie eine zu hohe Meinung von sich hatten? 

Bsirske: Jedenfalls hatte ich ein starkes Selbstbewusstsein. Aber das Selbst- und das Fremdbild stimmten nicht überein. Da brauchte ich etwas Nachhilfe, die sehr heilsam war.

ZEITmagazin: Im Jahr 2000 wurden Sie als erster Grüner Vorsitzender der ÖTV...

Bsirske: Das war damals absolut exotisch. Und ich wurde ja in diese Funktion von einem Tag auf den anderen geschmissen. Um 16 Uhr wurde ich angesprochen, bis 18 Uhr hatte ich es mit meiner Frau geklärt, ob ich das überhaupt machen will. 

ZEITmagazin: Auch da hat es Ihnen nicht an Selbstbewusstsein gemangelt.

Bsirske: Na ja, ich hatte über Jahrzehnte alle Funktionsebenen der ÖTV durchlaufen und war ziemlich gut vernetzt. Insofern hatte es einen Vorlauf.

ZEITmagazin: Ihr Weg ging stets nach oben. Was hat Sie davor bewahrt einzubrechen?

Bsirske: Ich glaube, dass ich mich mit dem, was ich mache, sehr identifizieren kann und mir immer treu geblieben bin. Dies liegt vor allem an der Verankerung von Haltung und Prinzipien aus meiner Erziehung. Ich komme aus einem politisch engagierten Arbeiterhaushalt, mein Vater war ein lesender Arbeiter.