Wenn Markus Rolink die Fenster seines Hauses öffnet, sieht, hört und riecht er Energieversorgung: Im Norden blickt der dreifache Familienvater auf den Kühlturm des Atommeilers Lingen, im Süden auf die Schwaden über dem Kohlekraftwerk Ibbenbüren. Von den 16 großen Mühlen des nahe gelegenen Windparks dringt ein ständiges Surren an sein Ohr. Und mehrere Male im Jahr wird Gülle auf die Felder geschüttet, auf denen rund um Rolinks Haus der Mais für den Biosprit wächst.

Um neben den Erneuerbaren , Kohle und Atomstrom Deutschlands Energiemix vollständig abzubilden, fehlt nahe Rolinks Heim im idyllischen niedersächsischen Dörfchen Lünne also eigentlich nur noch das Gas. Aber auch das soll kommen, dieses Mal direkt vor der Haustür. Östlich der B70, kurz vor dem Ortseingang Lünnes, rund 300 Meter Luftlinie von Rolinks Haus, ragt seit einigen Wochen ein schmaler Bohrturm ein paar Meter in die Höhe, ringsum Bürocontainer, Bohrgeräte, Rohre.

Die deutsche Tochter des amerikanischen Energiekonzerns ExxonMobil ist hier auf der Suche nach Schiefergas . In den vergangenen Wochen haben sich die Bohrmeißel erst vertikal bis auf eine Tiefe von 1575 Metern und dann horizontal fast einen halben Kilometer in das unterirdische Gebirge gegraben. Schiefergas ist in aberwitzig kleinen Gesteinsporen eingeschlossen und weder leicht zu finden noch leicht zu fördern. Allein die Probebohrung in Lünne kostet ExxonMobil über 2,5 Millionen Euro.

Sie ist nicht die einzige, die das Unternehmen aus Hannover plant. Im südlichen Niedersachsen und im nördlichen Nordrhein-Westfalen hat es sich auf einem Gebiet von rund 10.000 Quadratkilometern zahlreiche Konzessionen gesichert, um nach Schiefergas und dem in Kohleflözen vorkommenden Flözgas zu bohren. Und ExxonMobil ist auch nicht die einzige Firma, die im Untergrund Deutschlands neue, reiche Schätze vermutet. Die BASF-Tochter Wintershall hat ebenso ihre Claims abgesteckt wie die amerikanische BNK Petroleum und das britische Unternehmen 3Legs Resources. Nach sogenanntem unkonventionellem Gas gebohrt werden soll nicht nur in NRW und Niedersachsen, sondern auch in Thüringen, Sachsen-Anhalt und am Bodensee. So planen es jedenfalls die Firmen.

Die Bürger allerdings sind oft gegen diese Bohrungen. Markus Rolink etwa hat die Interessengemeinschaft "Schönes Lünne" gegründet und mit ihr 1500 Unterschriften gegen das Gasprojekt gesammelt. In Deutschland nach unkonventionellem Gas zu bohren mache schon energiepolitisch keinen Sinn; die Mittel sollten besser in CO₂-freie Energieformen gesteckt werden, findet der Lehrer, der früher bei den Grünen aktiv war. Auch werde das Image des 1800-Seelen-Dorfs als schöne Wohngegend und naturbelassenes Radwander-Paradies durch die Aktivitäten von ExxonMobil zerstört und die Umwelt durch Förderverfahren wie das "Fracking" kaputt gemacht. Beim Fracking werden große Mengen Wasser, Sand und Chemikalien unter die Erde gepumpt. "Kein Fracking in Lünne, niemals", sagt Rolink.

Wahrscheinlich wusste in der Gemeinde niemand, was Fracking ist, als ExxonMobil vor dreieinhalb Jahren wegen seismologischer Voruntersuchungen erstmals in Lünne vorstellig wurde. Kein Lünner dürfte damals auch die Erfolgsberichte aus Amerika gekannt haben, die die Tochter des US-Konzerns auch in Deutschland so beflügelte. Innerhalb weniger Jahre waren in den USA riesige Vorkommen an unkonventionellem Gas erschlossen worden; mit ihrer Hilfe stiegen die Amerikaner 2009 auf einen Schlag zum größten Gasproduzenten der Welt auf – noch vor den Russen. Der Gas-Boom war eine direkte Folge laxer Umweltauflagen und einer rasanten Verbreitung und Verbesserung altbekannter technischer Verfahren. Befeuert wurde er durch einen rasant steigenden Ölpreis, der die Förderung des flüchtigen Rohstoffs auch auf schwierigen Feldern wirtschaftlich sehr attraktiv machte.