Es gibt Momente bei den Treffen mit der Familie meines Mannes, in denen man glauben könnte, die Mauer stünde wieder – und zwar mitten im Wohnzimmer. »Ach«, sagt dann eine der Frauen gegenüber und blickt mitleidig, »gibst du ihn doch schon so früh ab?« Er, das ist mein fast zweijähriger Sohn. Und »früh abgeben« heißt: Das Kind geht in eine Krippe, seit es 15 Monate alt ist.

»Da muss er ja bestimmt immer aufs Töpfchen, was?« – das ist die Frage, die sich ganz sicher anschließt. Und eines steht den rheinland-pfälzischen Müttern, mit denen ich mich unterhalte, ins entsetzte Gesicht geschrieben: Das arme Kind!

Zu den Fakten: Ich bin eine Mutter, die ihre eigene Kindheit in der DDR verbracht hat; die dort in Krippe, Kindergarten und Hort gegangen ist, weil ihre Eltern beide Vollzeit arbeiteten. Und die es unter anderem auch deshalb für vollkommen normal hält, ein kleines Kind für einige Stunden am Tag in die Hände zweier professioneller Erzieherinnen zu geben, um während dieser Zeit selbst zu arbeiten.

Ist das ostig? Eine der Betreuerinnen meines Sohnes hat schon zu DDR-Zeiten in ihrem Beruf gearbeitet, die Kita-Leiterin auch. Ist das wichtig? Ist da immer noch etwas übrig vom Sozialismus, das ich und alle anderen, die sich um meinen Sohn kümmern, mehr oder minder unbewusst in die Erziehung einfließen lassen – auch wenn, wie ich der westdeutschen Familienhälfte unermüdlich erkläre, die Zeit des kollektiven Töpfchentrainings definitiv vorbei ist?

Mir ist klar, wie nah am Klischee Begriffe wie »Ostmutter« und »Westmutter« liegen – trotzdem will ich sie in diesem Text verwenden. Es geht darum, wo diese Frauen aufgewachsen sind. Tatsächlich haben alle Ostmütter, die ich kenne und die so alt sind wie ich, ihre Kinder in einer Krippe oder bei einer Tagesmutter untergebracht, um wieder in ihrem Beruf zu arbeiten. Das ist einerseits auch bei den Akademikerpaaren finanzielle Notwendigkeit, andererseits ein dringender Wunsch: Ich wäre schlicht verrückt geworden, wenn ich noch länger hätte zu Hause bleiben müssten. Ich wollte wieder mehr tun, als auf dem Fußboden zu kriechen, Tiergeräusche zu imitieren oder meinen Sohn auf dem Spielplatz auf der Rutsche anzufeuern. Auch für Kerstin, eine Bekannte von mir, Politikwissenschaftlerin aus Berlin, war klar, dass ihre Zeit als Vollzeitmutter begrenzt sein würde: »Gerade beim ersten Kind ist es mir sehr schwergefallen, mich damit zu arrangieren, dass mein kompletter Tagesablauf fremdbestimmt war. Da war es gut, zu wissen, dass diese Zeit überschaubar sein würde.«

Das wird in den alten Ländern häufig noch anders gesehen. Seit mehr als zehn Jahren lebt die Sächsin Susanne, ebenfalls eine Bekannte, in Bayern. Sie ist die einzige Frau in ihrem dortigen Freundeskreis, die mit einem – inzwischen fünfjährigen – Kind in Vollzeit arbeitet. »Ich bin schräg angeschaut worden, als ich nach zwei Jahren daheim nach einer Krippe gesucht habe. So etwas macht man hier nicht. Wenn ich heute sage, dass ich voll arbeite, werde ich eher mitleidig angeblickt und gefragt, wieso ich mir das antue.« Diese regionalen Unterschiede sind nicht nur gefühlte: Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes arbeitet in den neuen Bundesländern jede zweite erwerbstätige Frau, deren jüngstes Kind noch nicht 15 Jahre alt ist, in Vollzeit. Im Westen ist dieser Anteil nur halb so hoch.

In diesen Wochen macht eine neue, wütende Streitschrift Furore, das Buch der Publizistin und früheren taz- Chefredakteurin Bascha Mika, die von »Komfortzonen« schreibt, in die Frauen sich zurückzögen. Diese Komfortzonen gibt es im Osten kaum. Das empörte Fauchen, mit dem der Begriff »Fremdbetreuung« von nicht wenigen Westmüttern noch immer ausgestoßen wird, ist den meisten ihrer Geschlechtsgenossinnen im Osten fremd. »Diese Vergötterung der Mutter ist tatsächlich ein Westphänomen«, sagt Beate Irskens, Bildungsexpertin der Bertelsmann Stiftung. »Dort ist der Glaube, dass nur eine Mutter weiß, was einem Kind guttut, traditionell deutlich stärker verankert.« Die Gründe dafür liegen in der Geschichte: Wie die Soziologin Michaela Kuhnhenne von der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung aufzeigt, hat sich in Westdeutschland nach dem Zweiten Weltkrieg das Leitbild der Hausfrau und Mutter entwickelt. Wer sein Leben nicht auf Ehe und Kindererziehung ausrichte wollte, galt tendenziell nicht als – so wörtlich – »richtige« Frau. In der DDR hingegen ging es vor allem darum, was der Planwirtschaft nützte, und das schloss weibliche Erwerbstätigkeit ein. Die flächendeckende Versorgung mit Krippen und Kindergärten sollte dabei nicht das Selbstbestimmungsrecht der Mütter stärken oder ihrem Naturell entsprechen, sondern den Nachwuchs wegorganisieren – damit die Mutter aus dem Haus konnte. So wie im Kinderlied mit dem Namen Wenn Mutti früh zur Arbeit geht.