Als ich vor einigen Jahren in Der Meister und Margarita als Teufel auf der Bühne stand, kam mir ein seltsamer Gedanke oder Traum: Ich hielt es für möglich, dass ich nicht der bin, der den Teufel spielt, sondern dass ich der Teufel bin, der mich spielt. Andere halten sich für Napoleon, manche für Jesus oder wenigstens für einen der 36 Gerechten, die die Welt zusammenhalten – warum sollte ich mich nicht für den Teufel halten?

Aber ich schrecke vor den Konsequenzen zurück. Sie wären unabsehbar. Ich wäre als Teufel ja schon zehntausend Jahre alt, ich wäre dabei gewesen, als Jesus ans Kreuz genagelt wurde, als Pilatus seine Hände in Unschuld wusch. Als in St. Petersburg der Zar ermordet wurde, wäre ich auch dabei gewesen, als Killer: "I killed the czar and his ministers, Anastasia screamed in vain", wie es bei den Rolling Stones heißt, im Song Sympathy for the devil . Auch Mick Jagger hat sich wahrscheinlich mal probeweise für den Teufel gehalten.

Aber wenn ich der Teufel wäre, ja selbst wenn ich Gott wäre, hätte ich ein großes Problem – nämlich dass ich nicht sterben kann. Wenn ich aber ich bin, habe ich auch ein Problem – nämlich dass ich sterben muss. Welches Problem das größere ist, weiß ich nicht. Aber ich vermute mal, das Problem des Teufels oder auch Gottes ist das größere.

Warum hat Gott sonst seinen eigenen Sohn töten lassen? Weil er seine Unsterblichkeit nicht ertragen konnte, ist er Mensch geworden und als Mensch gestorben. Dass er dann wiederauferstehen musste, ist, so betrachtet, ein Rückfall. Ein Rückfall, den Gott vermutlich bereut hat.

Also ziehe ich es vor, ich zu bleiben – sterblich, unzufrieden, voller Angst. Da fühle ich mich eigentlich ganz wohl.

Mein Beruf ist es, meine Haut zu Markte zu tragen. Und auch das, was darunter ist. Viele denken, dass man die Rolle nutzt, um die eigene Persönlichkeit auszudrücken. Die Wirklichkeit sieht anders aus.

Erst denkst du, dass du dich hinter der Rolle verstecken kannst. Das mindert die Angst – alles, was die Leute von dir sehen, ist ja frei erfunden. Dann denkst du, dass es doch nicht sein kann, dass du dein Leben auf der Bühne in einem Zustand der Selbstverleugnung verbringst. Totale Entfremdung wäre das. Dann beendest du das Versteckspiel, zeigst die Wahrheit hinter der Maske oder das, was du für die Wahrheit hältst. Du erwartest die Befreiung. Das ist aber erst recht unerträglich. Jeder kennt den Albtraum, untenrum nackt zu sein in der Öffentlichkeit.

Das Beste vom Schlechten ist vielleicht, du denkst nicht nach, du spielst keine Rolle und auch nicht dich selbst, du spielst einfach. Aber irgendwann steigt Verzweiflung in dir auf. Vielleicht kannst du sie zu einem Teil deiner künstlerischen Anstrengung machen. Die größten Momente habe ich ausgerechnet dann, wenn ich völlig allein gelassen auf der Bühne stehe – mit Magenkrämpfen. Das Publikum jubelt.

Aufgezeichnet von Ulf Lippitz

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