Tunis. In Zeiten der Revolution hat jeder Tag seine eigene Wahrheit. Wohin treibt Tunesien? Ins Chaos, in die Demokratie, in eine Diktatur? Rauchschwaden und Tränengas erschweren die Sicht, Gerüchte vernebeln den Sinn. Aber es gibt Tatsachen. Die geplünderten Juweliergeschäfte in der Innenstadt von Tunis beispielsweise.

Hier zeigt sich, was geschieht, wenn eine Revolution den Staat nur schwächt, anstatt ihn in Besitz zu nehmen: Neue Akteure treten auf , diesmal sind es wütende junge Männer aus den Armenvierteln. Jahrelang lieferten sie sich anlässlich von Fußballspielen Schlachten mit der Polizei, nun dringen sie auf die Prachtstraße im Stadtzentrum vor, die eigentliche Bühne des politischen Theaters, um zu plündern und zu zerstören. Die halb aufgelöste, verwirrte, oft führungslose Polizei reagiert mit alten Reflexen und verprügelt jeden, der ein Hooligan sein könnte oder aussieht, als wolle er filmen. Oder sie reagiert gar nicht. Oder sie nimmt an den Gewaltakten teil. Es sind Fälle bezeugt, in denen Herren mittleren Alters den Krawallmachern Geld zusteckten.

Unruhige Tage. Kaum eine Behörde in der Hauptstadt, die nicht umlagert wird von einer zürnenden Menge: so viele Beschwerden, so viele Anträge, so viele Forderungen. Streiks allerorten. Und Bezichtigungen: Fast jeder ist jetzt Revolutionär. Fast jeder kann als Konterrevolutionär verdächtigt werden. Rechnungen werden beglichen. Finden sich nicht allenthalben noch Privilegierte der Ben-Ali-Zeit in Staat und Gesellschaft?

Seit dem 14. Januar, dem ersten Tag der Revolution, war eine Regierung im Amt, die überwiegend die eingesessenen Eliten repräsentierte. Der Premierminister hatte sein Amt auch schon unter Ben Ali bekleidet: ein unpolitisches Amt damals, denn die Entscheidungen fielen im Präsidentenpalast. Auf ebenso unpolitische Weise sollte Mohamed Ghannouchi die Kontinuität des Staates retten, bis zu den Wahlen im Sommer.

Der Jurist Beji Essebsi ist der neue Regierungschef Tunesiens © Fethi Belaid/AFP/Getty Images

Eine zu kurze Zeit für die führerlose Revolution, um sich wahlpolitisch zu organisieren. Aber nicht zu kurz, um auf der Gegenseite aus Teilen der Massenbasis der Staatspartei RCD eine neue Formation zu schmieden, die sich als Garant der Ordnung präsentieren könnte – das dürfte das Kalkül der politisch Mächtigen gewesen sein, die den Diktator am 14. Januar unter dem Druck der Straße außer Landes geschafft und Ghannouchi eingesetzt hatten.

Ihre Rechnung ging nicht auf. Die aus Vertretern konkurrierender Gruppen und Seilschaften zusammengesetzte Regierung zeigte sich handlungsunfähig . Nicht hingegen die Straße. Wochenlang erschütterten Demonstrationen das Land. In die Hauptstadt gereiste Arme aus dem Landesinneren und die städtische Jugend ließen nicht locker und trieben die Regierung vor sich her. Die trennte sich von kompromittierten Ministern, ernannte neue Gouverneure und wechselte diese auf Druck der Massen gleich wieder aus. Ende der vergangenen Woche dann ließ die anschwellende Zahl der Demonstranten eine politische Explosion erahnen, weshalb Mohamed Ghannouchi am Sonntagnachmittag aufgab.

Und noch einmal machen die Eliten ein Angebot ans Volk: Mit Béji Caïd Essebsi ist nun ein echter Politiker nachgerückt. Er hatte höchste Ämter unter Ben Alis Vorgänger Habib Bourgiba inne, darunter auch dasjenige des Innenministers (aus jener Zeit stammt der Vorwurf, Essebsi habe Folterungen angeordnet). Mehrmals wurde er aus der Politik entfernt, weil er sich nicht anpassen wollte. Der Taktiker Ben Ali betraute ihn zeitweilig mit formalen Funktionen, doch in den neunziger Jahren hörte auch das auf.

Der 84-Jährige repräsentiert die Revolution nicht einmal ansatzweise. Seine Qualitäten bewies er indes gleich am Dienstagabend, als er durchsickern ließ, er wolle eine verfassunggebende Versammlung wählen lassen. Das ist erstens vernünftig, denn irgend jemand muss ja entscheiden, ob Tunesien eine parlamentarische, präsidiale, sozialistische, laizistische oder islamische Republik werden soll. Zweitens ist eine solche Versammlung die populärste Forderung der Kasbah von Tunis – ihr großer Platz, vor dem Regierungssitz gelegen, ist der Treffpunkt einer authentischen revolutionären Avantgarde geworden.

Freilich muss Essebsi nicht nur die Kasbah, sondern auch die Suks gewinnen, also die Märkte und ihre Händler. Die politische Vertrauenskrise lähmt derzeit die Wirtschaft. Die Börse ist geschlossen, der Tourismus liegt danieder. Und wenn die ersten Unternehmen keine Löhne mehr zahlen, drohen soziale Unruhen, die den im Land versteckten Ben-Ali-Milizen sowie anderen Unruhestiftern willkommene Gelegenheit wären. Und die Armee? Überfordert mit dem Küstenschutz, dem Kampf gegen al-Qaida im Süden und dem Notstand an der südöstlichen Grenze zu Libyen, fällt sie als letzte Reserve der öffentlichen Sicherheit derzeit aus.