Am Mittag des 3. März 2009 treffen die Arbeiter auf der U-Bahn-Baustelle am Kölner Waidmarkt letzte Vorbereitungen, um den Boden der Baugrube zu betonieren. In rund 30 Metern Tiefe wird Kies weggebaggert, die Sohle glatt gezogen und noch einmal Wasser abgepumpt. Plötzlich aber schießen mit großem Druck Wasser, Kies und Geröll in die Grube. Unter den acht Arbeitern bricht Panik aus. Der Polier brüllt »Raus hier!«, die Männer hasten über Treppen vor dem anschwellenden Strudel nach oben. Der Führer des Seilbaggers auf der Straße sieht sie rennen. Da reißt neben ihm, vor dem Stadtarchiv, der Bürgersteig auf. Steine prasseln auf die Straße, dann Fensterscheiben.

Die Männer scheinen zu wissen: Dieser Wassereinbruch im Untergrund, das ist nur der Anfang. Doch statt sich selbst schnell in Sicherheit zu bringen, warnen sie andere. Der Baggerfahrer hetzt über den wegbrechenden Bürgersteig zum Stadtarchiv und trommelt mit den Fäusten gegen die Fensterscheiben. Seine Kollegen laufen in die bereits ächzenden angrenzenden Wohnhäuser, um die Bewohner auf die Straße zu treiben. Nur wenige Minuten bleiben. Dann kippen unter lautem Grollen das Archiv und zwei Häuser in die Grube. Zwei junge Männer sterben unter den Trümmern. Als der Staub sich lichtet, sieht Peter Jansen, der Direktor des Friedrich-Wilhelm-Gymnasiums, aus seinem Fenster auf einen meterhohen Schuttberg. Die Schule, die vis-à-vis dem Stadtarchiv direkt auf der anderen Seite der Baugrube liegt, wurde nicht gewarnt. Von welcher Seite die Gefahr droht, darüber hatten die Bauarbeiter offenbar keine Zweifel.

Zwei Jahre sind seit der Katastrophe vergangen. Ihr Ablauf lässt sich aus dem Puzzle zahlloser Berichte aus der Folgezeit rekonstruieren , jede Schilderung bleibt aber angesichts der Hektik dieser Minuten nur eine Annäherung. Bis heute weiß niemand ganz genau, was damals geschah – und was die Ursache war. Die Staatsanwaltschaft ermittelt. Seit dem ersten Tag wird gestritten, wer die Verantwortung trägt: Haben die Bauunternehmen versagt? Hätte der Bauherr, das Kölner Nahverkehrsunternehmen KVB, eingreifen müssen? Und wer hatte über die Bauarbeiten überhaupt die Aufsicht?

Angeheizt wird der Streit durch Details, die nach und nach an die Öffentlichkeit gedrungen sind: In den Wänden der Baustelle fehlen Eisenbügel . Und es gibt falsche Betonierungsprotokolle. Zudem häufen sich Belege, dass auf der Baustelle schon Monate vor dem Unglück ernsthafte Sicherheitsprobleme auftraten. Aus heutiger Sicht ist der Einsturz des Kölner Stadtarchivs eine Katastrophe, die sich früh ankündigte. Doch wie konnte es so weit kommen?

An jenem 3. März 2009 ist Werner Münch (der in Wirklichkeit anders heißt) auf der Autobahn unterwegs, als im Radio der Einsturz des Stadtarchivs gemeldet wird. »Ich habe gedacht, das kann doch nur eine Falschmeldung sein«, erinnert sich der Mann. Das Stadtarchiv mit seinen teils 1000 Jahre alten Dokumenten ist eines der bedeutendsten kommunalen Archive Europas. Das Gebäude war ein massiver Zweckbau, kaum vorstellbar, dass es einstürzen könnte. Doch die Berichte mehren sich. Münch packt das Grauen. Er war zu nah dran, an dieser Baustelle.

Als die Bauarbeiten Ende 2003 begannen, herrschte Aufbruchstimmung bei der KVB. Der Rat der Stadt hatte entschieden: Die neue Strecke soll nicht wie gehabt von der Stadt gebaut werden, sondern in privater Regie – eben vom privat wirtschaftenden Tochterunternehmen KVB. Die Privatisierung des Projekts liegt im politischen Trend. Befreit von den Zwängen staatlicher Verwaltung, soll schneller und günstiger gebaut werden. Auch KVB-Mitarbeiter Münch glaubt an die Doktrin der neuen Leichtigkeit. Doch die Stimmung wendet sich.

Offenbar nahm die KVB die Herausforderung, alles schneller und billiger zu machen, sehr ernst. Die Verantwortlichen pflegten einen harten Verhandlungsstil gegenüber den Baufirmen. Im »Los Süd«, zu dem die Unglücksstelle gehört, waren das Züblin, Wayss & Freytag und – führend – Bilfinger Berger. Dort trafen sie auf Gesprächspartner, denen teils auch wenig Zimperlichkeit nachgesagt wird. Und so stritten Bauherr und Firmen ums Geld, immer wieder.

Ein Kleinkrieg brach aus , an dessen vorderster Front sich die Kollegen in der Bauüberwachung der KVB sahen. Werner Münch traf sie, sprach mit ihnen über ihre Arbeit. Dann erzählten sie von ihrem Frust und der vielen Arbeit, die das unaufhörliche Gezerre auch für sie nach sich zog. »Die Kostenwächter der KVB haben bei jeder Gelegenheit nachgefasst«, erinnert sich Münch. »Auf der anderen Seite kamen die Bauunternehmen mit Nachträgen und Mehrkostenanzeigen, die die Kollegen dann überprüfen mussten.« Jede Forderung sei mit viel Manpower niedergeschlagen worden. Die Kollegen hätten geklagt, »dass sie eigentlich nur noch für die Controller und die Rechtsanwälte arbeiten«.