Die Partyfrage, was man »so macht«, wird, wenn es eine Party der Um-die-30-Jährigen ist, seit einiger Zeit sehr oft mit dem Satz beantwortet: »Ich schreib grad an meiner Diss.« Und fast immer wird der Satz eher so dahingenuschelt, als sei er dem, der ihn sagt, ziemlich unangenehm.

Früher promovierten die besten Absolventen, die klügsten und fleißigsten, und wenn sie es taten, waren sie stolz auf diese Etappe in ihrer akademischen Laufbahn. Heute promovieren viele Absolventen aus Verzweiflung und in Ermangelung besserer Ideen. Man promoviert halt, wenn man intellektuell einigermaßen dazu in der Lage ist und eine gute Note im Studium hatte – und die haben viele. Die Zahl der Doktoranden steigt jedes Jahr um ein paar Hundert, innerhalb von 30 Jahren hat sie sich verdoppelt, auf zuletzt 25.101 verliehene Doktortitel. Wie viele anfangen und wieder abbrechen, das wird erst gar nicht gezählt.

»Ich dachte mir halt irgendwann: Besser als nix«, sagte kürzlich Katrin. Sie ist 29 und wollte nach ihrem Magister nur weg von der Uni, fand aber auf Anhieb nichts, und als ihr Professor auf sie zukam mit der Idee, sie solle promovieren, und ihr ein bisschen Gehalt in Aussicht stellte, konnte sie nicht widerstehen. »Ich dachte mir, ich mach’s jetzt einfach. Schaden kann’s ja nicht.«

Der Titel schadet nicht. Das Promovieren, um den Titel zu bekommen, schon.

Glücklich wird von den halbherzigen Doktoranden kaum einer. Zu promovieren bedeutet, sich ungefähr drei Jahre lang nur mit einem einzigen Thema zu beschäftigen, einem sehr speziellen Thema, für das sich zunächst nur man selbst und der Professor interessieren. Man ist mit dem Thema allein, sehr allein.

Klar, das Ganze kann auch sinnvoll sein. Für den, der sich einen Beruf wünscht, in dem er vor allem forscht und lehrt. Doch für den, der es nur macht, weil ihm nichts Besseres einfällt, weil sich sonst nichts anbietet oder weil er glaubt, so die bessere Karriere zu machen, sind die drei Jahre verlorene Jahre.

Und wer die Dissertation als Grauzone zwischen Abschluss und Anfang nutzt, verschleudert nicht nur Zeit, sondern auch Selbstvertrauen. Das Festhalten an der vermeintlichen Sicherheit einer formalen Einrahmung des Lebens wirkt über die Jahre eindeutig kontraproduktiv.

»Eigentlich bin ich jetzt genauso schlau wie vor vier Jahren«, sagt Thomas. Er habe nichts gelernt, was er nicht auch schon vorher gekonnt habe. Er ist 33, Diplomsoziologe. Nach dem Studium war er ein paar Monate arbeitslos und hat dann seine Doktorarbeit über den Hermeneutikbegriff in den Sozialwissenschaften begonnen. Gerade liegt sie zur Korrektur bei den Gutachtern. Thomas wartet auf die Note und den Termin der Verteidigung. Auf das Promotionsstipendium habe er sich damals »aus reinem Automatismus« beworben, wie er sagt. Der Status als Stipendiat gab ihm zwar eine bescheidene finanzielle Sicherheit, doch die Doktorarbeit war für ihn nur die Verlängerung des Halb-erwachsen-Seins. Er hatte das Gefühl, das Leben drehe sich für alle weiter, außer für ihn. Während andere ins Büro gingen oder sogar eins gründeten, lief er immer noch zur Uni. Andere aßen mittags beim Italiener, er in der Mensa. Hätte er nicht auf den Mitarbeiterpreis für das Mittagsmenü bestanden, er hätte den Studententarif bezahlt. Er sah ja auch immer noch aus wie ein Student.