Eigentlich sollte die Frage leicht zu beantworten sein: Wie viele Menschen sitzen in Deutschland an einer Doktorarbeit? Doch das Statistische Bundesamt, das vom jährlichen Holzeinschlag bis zum Bierabsatz so ziemlich alles misst, winkt ab: Eine Doktorandenstatistik sei »gesetzlich nicht vorgesehen«. Und auch jene, die es wissen sollten, die Professoren und Hochschulrektoren, geben nur eine vage Antwort: »Es müssen sehr, sehr viele sein.«

Lange Zeit schienen solch erstaunliche Wissenslücken selbst im akademischen Betrieb kaum jemanden zu stören. Doch seit die Guttenberg-Affäre das Land erschüttert hat, wachsen Unbehagen und Misstrauen gegenüber einem akademischen Grad, der für viele immer noch der Inbegriff von Bildung und Gelehrsamkeit ist. Wie kommt es, dass jene, die ihn vergeben, nicht einmal sagen können, wie viele ihn wollen? Immerhin können die amtlichen Statistiker sagen, wie viele Promovenden dann schließlich ihre Dissertation erfolgreich abschließen: Rund 25.000 waren es 2009 in Deutschland. Das entspricht rund drei Prozent eines Jahrgangs – und ist Weltspitze. »Wer heute als erfolgreich wahrgenommen werden will, braucht den Doktortitel«, sagt Jan-Hendrik Olbertz, Präsident der Berliner Humboldt-Universität. Er spricht von einem »Reflex auf die allgemeine Nivellierung in unserer Gesellschaft«.

Eine medizinische Dissertation schafft man in einem halben Jahr

Gedacht war das einmal anders. Die Dissertation sollte den Höhepunkt im Leben eines jungen Wissenschaftlers darstellen. Gerade in den Geisteswissenschaften sollte sie die Vollendung des viel zitierten Humboldtschen Ideals vom Forschen in Einsamkeit und Freiheit sein, das Privileg, sich unabhängig von ökonomischen Erwägungen einem Herzensthema zu widmen – im Zwiegespräch allein mit dem alles überschauenden Doktorvater. Das Ziel: ein Leben in der und für die Wissenschaft.

Längst jedoch ist der Doktorgrad (der, entgegen dem Sprachgebrauch, streng genommen kein Titel ist) zur Massenware geworden. Wie stark er an Wert verloren hat, zeigen die Durchfallquote von weniger als einem Prozent und die Tatsache, dass »magna cum laude« fast schon die Standardnote ist (siehe Grafik). Qualitätskontrolle sieht anders aus. Wie konnte es so weit kommen? Warum wollen so viele Deutsche den Doktor? Und was zählen die beiden Buchstaben vor dem Namen heute noch?

Dass jemand, der eine wissenschaftliche Karriere einschlagen will, nach der Bachelor- und Master- die Doktorarbeit anstrebt, liegt zunächst einmal auf der Hand: Die Dissertation ist der Beweis dafür, dass der Kandidat selbstständig wissenschaftlich arbeiten kann, und die erste Stufe zur Professur. Doch nur für die wenigsten ist Platz an den Hochschulen: Die insgesamt 40.000 Professorenstellen entsprechen nicht einmal zwei Doktorandenjahrgängen.

Der Rest der Doctores muss sich eine Arbeit außerhalb der Universität suchen. Einige Branchen legen tatsächlich Wert auf die durch die Forschungsarbeit erworbene wissenschaftliche Qualifikation. In anderen Branchen winkt durch die akademische Auszeichnung ein geldwerter Vorteil, zumindest aber etwas intellektueller Glanz. »Man müsste nur die Titel von den Visitenkarten und Türschildern verschwinden lassen«, sagt der Darmstädter Elitenforscher Michael Hartmann. »Dann würden nur noch diejenigen eine Promotion anstreben, für die sie tatsächlich einen wissenschaftlichen Wert hat.«

Die meisten Doktorarbeiten werden nach wie vor in der Medizin geschrieben , rund 7700 waren es 2009. Achtzig Prozent der Ärzte sind Doktor, aber auch der Rest wird von ehrerbietigen Patienten gern als Herr oder Frau Doktor angesprochen. Dabei ist gerade der Doktor in seiner ursprünglichen Form, als Titel des Arztes, eher eine »Berufsbezeichnung«, wie es die Biochemikerin Ulrike Beisiegel, seit Kurzem Präsidentin der Universität Göttingen, formuliert. Die medizinische Dissertation ist kaum mehr als eine Studienabschlussarbeit und wird nicht wie in anderen Fächern nach, sondern meist während des Studiums verfasst. Es gibt zwar den gründlich forschenden Mediziner, der sich mehrere Jahre mit einem Thema beschäftigt. Viele jedoch benötigen für die Doktorarbeit nicht mehr als ein halbes Jahr. Über die Forschungsleistung oder die medizinische Qualifikation eines Arztes sagt der Grad daher wenig aus.